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Am Rande Tempodrom mutatur

aus DER SPIEGEL 49/2001

Es war die Zeit, als man eine alte Indianerweisheit an die Betonfassaden westdeutscher Universitäten sprühte: »Wenn der letzte Baum gestorben, wenn der letzte Fisch gestorben ist, werdet auch ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.« Damals erbte die Berliner Hausbesetzerin und ausgebildete Krankenschwester Irene Moessinger 800 000 Mark und kaufte sich davon ein Zirkuszelt. Sie ließ es 1980 im früheren Niemandsland am Potsdamer Platz aufstellen und nannte es »Tempodrom": die Bühne der Berliner Subkultur. Bob Dylan war da und Lou Reed, die Einstürzenden Neubauten und Romy Haag. 21 Jahre später hat auch die Alternativkultur längst gelernt, dass man Geld zwar nicht essen, aber wunderbar ausgeben kann. An die 60 Millionen Mark, darunter jede Menge Staatsknete, kostete der zwölfzackige Tempodrom-Neubau am Anhalter Bahnhof, der am kommenden Wochenende offiziell eingeweiht wird. Ein Zirkuspalast aus Gussasphalt und Sichtbeton, der den bis zu 4000 Besuchern neben zwei Arenen Konferenzbereiche, Restaurants und einen Biergarten bietet. Highlight: ein »Liquidrom«, in dem der ganzheitlich badende Gast vom Solewasser aus Vorträgen lauschen kann. Sanso-weich auch das Auftaktprogramm: Vanessa Mae, die Puhdys, Frank Schöbel, »Carmina Burana«, »Holiday on Ice«, »Die schönsten Opernchöre«. Häuptling Klingende Schmalzlocke aber spricht: »Wenn Pavarotti den letzten Ton geschmettert hat, wenn Geigen und Gitarren schweigen, werdet ihr merken, dass man Zelte auch wieder abreißen kann.«

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