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Walter Jens über das Olympia-Buch »Deutsches Mosaik« Tenor: silbergrau

Walter Jens, 49, Schriftsteller und Professor, lehrt Rhetorik an der Universität Tübingen.
aus DER SPIEGEL 37/1972

Ich öffne das Buch: Ein Prospekt fällt heraus, geschmückt mit den fünf Ringen und dem Olympia-Emblem der Münchner Spiele. Unter den Zeichen stehen die Worte: »Das Organisationskomitee für die Spiele der XX. Olympiade 1972 wählte als offizielles Geschenk für alle Teilnehmer ein Buch, ein Suhrkamp-Buch: Deutsches Mosaik, ein Lesebuch für Zeitgenossen.«

Ich habe also ein Buch zu besprechen, das nicht nur ein Buch, sondern ein Suhrkamp-Buch ist, ein Werk, das darüber hinaus als offizielles Geschenk den Charakter des Amtlich-Gebilligten hat: ein Buch mit zwiefacher Aura, das den Geist der Versöhnung über die Zeit der Spiele hinauswehen läßt. Ob Schwarzer, Gelber oder Weißer, ob Kämpfer oder Funktionär, ob Gewinner oder Verlierer -- alle Olympiateilnehmer haben das eine gemeinsam (so wenigstens war es geplant): Sie sollen ein Suhrkamp-Ruch lesen und ein Mosaik bewundern, dessen Steine aus Gedankensplittern bestehen: In exemplarischer Auswahl macht das Pflichtgeschenk sichtbar, was Deutschlands und Österreichs und der Schweiz Publizisten in diesem Jahrhundert entweder (Themenkomplex 1) zum deutschen Vaterland, das ihnen nicht immer ein Vaterland war, oder (Themenkomplex 2) zum Frieden der Welt oder (Themenkomplex 3) zu allen übrigen Fragen kundgetan haben.

Wenn ein Sportler also, beispielsweise, wissen möchte, was ein Schweizer Architekt unter Sympathie versteht oder in welcher Weise sich für einen Berliner Arzt das Vaterproblem darstellt, dann erhält er in diesem Band auf seine Frage eine erschöpfende Antwort, und zwar eine Antwort von der richtigen Steile. Die Geschenk-Empfänger können unbesorgt sein: Nur das ·gute Deutschland ist zwischen den silbergeschützten Deckeln vertreten, Demokraten sind (nahezu) unter sich, rechte und linke, kein Spengler und kein Carl Schmitt stören den Frieden; selbst Stefan George ist es verwehrt, zur Leier den Krieg zu besingen.

Jedem das Seine, heißt die Devise, marxistische Sportler (sie wissen's nur nicht) werden so gut wie die des kapitalistischen Westens bedient: Adenauer, den Anflug eines amerikanischen Geschosses beobachtend, steht neben dem von ihm als alias Frahm verunglimpften Kanzler; Rathenau ("Was der Sozialismus über das materiell praktische Erstreben hinausgreifend zustande gebracht hat, ist stark anfechtbares popularphilosophisches Erzeugnis") findet sich Seit« an Seit« mit dem Sozialisten Franz Mehring, und zu Tucholsky gesellt sich Ernst Jünger, denn schließlich hat auch er, wie man weiß, einmal einige Seiten über den Frieden geschrieben, anno 43, als er sich zwischen Stahlgewittern und Strahlungen eine Verschnaufpause gönnte, am Ende eines Krieges, zu dessen Beginn er, in dem ihm eigenen Stil, den Satz formulierte: »Das Strittige ist so gehäuft, daß nur das Feuer es auf arbeiten kann.«

Aber Jünger gehört nun einmal dazu; der Anwalt des heroischen Grabenkampfes ist etabliert in unserem Land; sein Marktwert gilt hierzulande noch immer als hoch: Also durfte er keinesfalls fehlen in dieser auf Würde und Repräsentation bedachten Dokumentation, die den Außenseiter und als Radikalen verketzerten Rebellen unbeachtet läßt (die Liste solcher Ausgeschlossenen reicht von Liebknecht bis Dutschke), weil er nichts gilt und an der Börse, wenn überhaupt, zu schlechtem Kurs gehandelt wird. (Wie anders die Etablierten! Man lese die Bio-Bibliographie: »Benjamin gilt ... als der führende gesellschaftskritisch orientierte Theoretiker«; »Hesse ist heute der meistgelesene europäische Autor in den USA und Japan«; »Kafka gilt als der bedeutendste deutschschreibende Erzähler des 20. Jahrhunderts.« Man sieht, das Deutsche Mosaik führt nur Markenartikel.)

Ich möchte nicht mißverstanden werden: Nicht die Aufnahme von manchem Bewährten und manchem Bekannten ist den Herausgebern zum Vorwurf zu machen, sondern die Unterbewertung des Anstößigen, Widerborstigen und Provokativen, das Verschweigen von Tatbeständen, die in einem deutschen Mosaik beim Namen genannt werden müssen: Es gab die Lager, und es gibt die Todesfuge von Celan. Es gab Buchenwald, und es gibt Eugen Kogons SS-Staat. Es gab Auschwitz, und es gibt die Ortsbeschreibung von Peter Weiss.

Es gibt, darüber hinaus, Flugblätter und Kriegsbriefe, Kassiber aus den Gefängnissen und Nachrichten der gewöhnlichsten Art: Zeugnisse von Unbekannten, in denen das Thema »Deutschland, die Deutschen und der Frieden der Welt« exakter -- und für die Adressaten verständlicher -- behandelt wird als in manchen der hier versammelten Beiträge, die ihre Aufnahme offensichtlich nur der Prominenz ihrer Verfasser verdanken. (Ein Allerwelts-Zeugnis von Kafka, zum Beispiel: Hätte man statt der Beschreibung einer Eisenbahnfahrt im Kriegsjahr 1915 doch die Notiz vom August 1914 ausgewählt und sie, im Zeichen des Vietnamkriegs, die Münchner Sportler bedenken lassen: »Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. Nachmittags Schwimmschule!")

Aber gesetzt selbst, es sollte den Olympiern des Geistes vorbehalten sein, bei diesen Spielen ihr Land zu vertreten: Wie verdrießlich ist die Beschränkung auf das Gängige in diesem Band! Wie viel wäre neu zu entdecken gewesen! Ricarda Huchs und Karl Barths Absagen an die Machthaber in Deutschland! Und dann -- unbegreiflich, daß man ihn vergaß -- Albert Einstein: die Briefe von 1933! Die Manifeste zum Frieden der Welt!

Enzensberger ("virtuos-polemischer Kritiker restaurativer Strömungen der Wohlstandsgesellschaft"): Nun gut. Walser (auch er virtuos: »Seiner mikroskopischen Optik ... entspricht die in der deutschen Gegenwartsliteratur einzigartige Virtuosität seiner Sprache"): Sehr schön. Aber warum dann nicht Hochhuth, sein Traktat »Der Klassenkampf ist nicht zu Ende«? Und Lenz? Und Celan? Ließ man die Todesfuge aus, weil sie zu dunkel ist und nicht. dem Anspruch der Editoren genügt, »den behandelten Gegenstand auch vom nichtdeutschen Blickpunkt aus verständlich erscheinen zu lassen«? Ja, glaubt man denn im Ernst, Karl Kraus' Satire »Wie Hindenburg und Ludendorff unter Paul Goldmanns Einwirkung zu Pazifisten wurden« sei für den Mittelstreckler aus Kenia oder den Funktionär aus Hamm zu verstehen?

Wenn es den Herausgebern Dieter Hildebrandt und Siegfried Unseld wirklich auf Verständlichkeit ankam, dann hätten sie einen anderen Band machen müssen: entweder eine Dokumentation über Deutschland, eine Nation, in dieser Welt, die darangeht, Frieden zu machen -- eine Dokumentation mit Texten. die, von brechtischer Klarheit bestimmt, überwiegend aus Zeugnissen unbekannter Menschen besteht, oder eine Sammlung von Beschreibungen aus den oberen Rängen, die im Gegensatz zum Deutschen Mosaik zugleich exemplarisch und lesbar wäre.

In diesem Fall wäre an die Stelle eines gängigen Florilegiums (Grundstimmung: bedeutsam. Tenor: silbergrau. Störung von außen: unerwünscht. Witz: nicht vorhanden. Selbstironie: keine Spur), ergänzt durch eine Bio-Bibliographie im Waschzettel-Stil -- in diesem Fall wäre an die Stelle dieser Anthologie eine Edition getreten, die, dank der Konfrontation von Etabliertem und Widersetzlichem, Repräsentativem und dreist Herausforderndem, dem Anverwandten und dem Abgestoßenen, die deutsche Misere enthüllt hätte. Eine Edition, spannend, lesbar und -- floskellos. Das Festgeschenk hingegen bringt in extenso selbst die Danksagung preisgekrönter Autoren: Dank an den Börsenverein, Dank an die Stadt Darmstadt: Striese ruft die Jugend der Welt.

Und als Wichtigstes: ein Kommentar, der den gesellschaftlichen Stellenwert der Zeugnisse erhellt, ihren historischen Kontext beleuchtet und das Geschichten-Buch in ein Geschichts-Buch verwandelt hätte.

Dagegen nun das Deutsche Mosaik! Kein Wort der Erklärung -- und das bei Passagen, deren Verständnis schon Literarhistorikern deutscher Hochschulen Schwierigkeiten bereitet: wieviel mehr den Adressaten! Etwas mehr Arbeit, etwas weniger Werbung; eine bescheidenere Präsentation; dafür ein lesbar-verständlicher Text: Schön wär's gewesen, wenn das Suhrkamp-Buch nur ein ganz gewöhnliches Buch, das offizielle Olympia-Geschenk ein Band geworden wäre, den man, ganz inoffiziell, nach Berkeley oder Budapest schicken könnte: Hier wird von einem Land erzählt, das einmal Deutschland hieß.

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