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LITERATUR / LEKTOREN Test mit Text

aus DER SPIEGEL 18/1968

Ich erlaube mir«, schrieb der junge Autor, »Ihnen ein Manuskript zur Prüfung vorzulegen« -- einen »Auszug aus einem großen Roman, an dem ich seit nunmehr vier Jahren in meiner Freizeit arbeite«.

Der junge Autor bat die »sehr geehrten Herren«, doch »freundlicherweise zu prüfen, ob Ihr Haus an der Veröffentlichung meines Romans interessiert ist«, und flehte: »Sollten Sie jedoch einen ablehnenden Bescheid geben müssen, wäre ich Ihnen für eine kurze Beurteilung des Textes sehr dankbar.«

Der junge Autor war, laut Briefkopf-Stempel, der »freie Schriftsteller« Bob Hansen, »z. Zt. technischer Abteilungsleiter«, wohnhaft 6452 Steinheim am Main, Ludwigstraße 46. Er sandte sein Skript an 32 deutsche, österreichische und Schweizer Verlage sowie an 14 Literaturwissenschaftler, Kritiker und Schriftsteller und erhielt immerhin 36 Antworten. Freilich, ermutigend waren sie nicht, obwohl Bob Hansens acht Schreibmaschinenseiten das Thema eins der zeitgenössischen Literatur ausführlich variiert hatten.

»Er beugte sich hinab«, so etwa durften Hansens Lektoren lesen, »und bedeckte (das Gesicht) mit den rücksichtslosen Küssen; die das Fleisch in Bewegung setzen. Helga stand willenlos auf und ließ sich führen.«

Aber den . Lektoren und Literaten gefiel Hansens erotische Erzählkunst gar nicht. »Sie leiden unter Stilkrampf«, rügte Robert Neumann ("Mit fremden Federn"). »Was Sie ausdrücken wollen«, warnte »Casanova«-Autor Gerhard Zwerenz seinen Kollegen, »mag ganz interessant sein, aber wie Sie es sagen, das nimmt Ihnen heutzutage kein Verlag ab.«

Und Zwerenz hatte recht. Ob Bertelsmann oder Diederichs, Propyläen, S. Fischer oder Walter -- sie alle schickten das Manuskript zurück, denn sie fanden es stellenweise »peinlich« oder »allzu sentimental« oder zweifelten, »ob man den modernen Büchermarkt auch noch um diese abschreckend desillusionierende, erotische Schilderung »bereichern« sollte«.

»Viele Wendungen«, so erkannte der Buchprüfer des Biederstein-Verlags, »zeigen eine primitive Ausdrucksweise und grenzen an Kitsch.« Suhrkamp-Lektor Urs Widmer fürchtete »leider, daß das, was Sie schreiben, mit unseren Vorstellungen von Literatur nicht ganz übereinstimmt«.

Das war in der Tat eine massive Abfuhr, die Hansen da zuteil wurde. Nur: Einen Hansen gab es gar nicht.

Bob Hansen war eine Erfindung der Zeitschrift »Pardon«, die -- allzeit bereit zu Bärmeier-Ulk und Nikel-Possen -- nur einmal testen wollte, »wie aufmerksam Manuskripte unbekannter Autoren in den Verlagshäusern gelesen werden«. Für ihren Test, den sie in dieser Woche veröffentlicht, schienen der »Pardon« -Redaktion zwei (geringfügig verunstaltete) Passagen aus dem berühmten Roman eines berühmten Autors besonders passend -- aus dem »Mann ohne Eigenschaften« von Robert Musil,

Der Test läßt zweierlei Schlüsse zu: Entweder ist Musil, »der bedeutendste deutschschreibende Romancier« der Vorkriegszeit ("The Times Literary Supplement"), seit seinem Tod 1942 unbedeutend geworden; oder Deutschlands Lektoren lesen, wenn überhaupt, gar zu schlecht.

»Die Publikationschancen der Arbeit«, so erfuhren die Absender des Musil-Textes aus dem Hause Rowohlt, »konnten für unser spezifisch literarisches Programm nicht sehr günstig beurteilt werden.«

Rowohlt ist Muslis Verleger.

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