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ITALIEN Teure Jenni

aus DER SPIEGEL 19/1965

Sie heißt »Jenni« und läßt sich verwöhnen: Ihre Kleider, ihre Kostüme, ihre Mäntel, sogar ihre Dessous sind Modelle des römischen Luxusschneiders Emilio Schuberth aus Glauchau in Sachsen. Ihr Friseur ist der Figaro Alexandre, der größte aller Barbiere und Prominenten-Haarschneider aus Paris.

Jenni kostet nackt 9,45, vollständig angezogen 3150 Mark. Sie ist die Lieblingspuppe der italienischen Jeunesse dorée von acht bis achtzehn. Die Puppe Jenni, 30 Zentimeter groß, gibt es erst seit einiger Zeit in Italien; trotzdem sind bereits mehr als 100 000 Stück unter den Kindern.

Das neue Spielzeug soll indes nicht nur Zeitvertreib sein; es soll der Haute Couture Italiens aus ihrer Wirtschaftsnot helfen und ihr eine sorgenfreie Zukunft sichern.

Jennis Vorbild ist »Barbie«, eine millionenfach verkaufte amerikanische Luxuspuppe zum An- und Ausziehen, die auch in Frankreich, England und in der Bundesrepublik ihren Markt hat. Für Barbie gibt es ein riesiges Sortiment von Kleidern, Kostümen, Mänteln, Sportkombinationen, Hausanzügen und Nachthemden. Barbies Garderobe kann Stück für Stück erworben werden; wer aber die komplette Garnitur, vom Schlüpfer bis zum Schleier, haben will, muß auch 3200 Mark zahlen.

Auf der Apenninenhalbinsel kam das US-Spielweib nicht an: Barbie war Italiens Müttern allzu sexy. Tatsächlich ist die amerikanische Erfolgspuppe ein ausgereiftes Fräulein mit Plastikbusen, zu dessen Ausstattung winzige Büstenhalter, raffinierte Bikinis und tiefdekolletierte Abendtoiletten gehören.

Die norditalienische Spielzeugfirma »Italo Cremona« konstruierte daher eine seriöse Puppe, die vor den Augen der italienischen Mütter Gnade fand. Jenni ist kein Vamp, sondern ein unschuldiges, etwas unterernährtes Mädchen mit blauen Kinderaugen, das einem neunjährigen Findelkind aus der Gegend von Como »naturgetreu nachgebildet« worden ist (so ein Manager der »Italo Cremona").

Ihre Schuberth-Garderobe ist jedoch nicht minder reichhaltig als die der amerikanischen Verwandten. Zur Zeit sind es 48 Modelle für jede Gelegenheit; für den Morgen, Nachmittag und Abend; für Schule, Urlaub und Sport; für Frühjahr, Sommer und Winter. Außerdem gibt es für Jenni 36 Accessoires: Pullover, Unterwäsche und Strümpfe, Sandaletten und Pantoffeln, Hosen, Handtaschen, Halstücher. Sonnenbrillen und Tennisschläger.

Figaro Alexandre entwarf, von den Schuberth-Modellen inspiriert, drei Frisuren: »normal«, »sportlich« und »habillée« (vornehm), die wiederum in drei Farben geliefert werden - in Blond, Kupfer und Braun.

Für den Luxus-Couturier Schuberth, der gemeinhin Prinzessinnen, Filmstars und Millionärsfrauen anzieht, sind die. Puppenkleider mehr als ein leichter Nebenverdienst. Der Sachse hofft, die »Linea Jenni« werde seine künftige Produktion für die Haute Couture und die Boutiquen steigern. Schuberth: »Diese Kinder sind doch unsere Kundinnen von morgen. Wir müssen in ihnen rechtzeitig den Sinn für erlesene Kleider und phantasiereiche Accessoires wecken... Ein Mädchen, dessen Puppe 20 oder 30 elegante Kleider für jede Gelegenheit hat, wird später genauso viele geschmackvolle Kleider tragen wollen.«

Damit die Mädchen möglichst früh in Schuberth-Garderobe schlüpfen, liegt in jeder Puppenschachtel, ein Schnittmusterbogen. Die Kundinnen von morgen können sich die Puppen-Modellkleider bereits heute auf den eigenen Leib schneidern.

Zur Zeit muß der Couturier seinen Namen allerdings auch für geschmacklose Kleidung hergeben. Denn zu jedem Schnittmusterbogen gehört, als I-Tüpfelchen fürs fertige Selbstgemachte, ein Stoffschild mit der Aufschrift »Emilio Schuberth, Rom«. Und dieses Markenzeichen nähen die Mütter der Puppenspielerinnen mit Vorliebe in ihre eigenen Mäntel oder Kostüme.

Schuberth: »Mich stört das nicht. Schließlich kann jede Frau mit dem Schild machen, was sie will.«

Amerikas »Barbie« (mit Busen)

Für Kundinnen von morgen ...

... eine Puppe für 3200 Mark: Italiens »Jennis« (ohne Busen), Couturier Schuberth

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