Zur Ausgabe
Artikel 32 / 48
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

THEATER / WERBUNG Thalia im Tal

aus DER SPIEGEL 35/1967

Am Theaterportal lauern geheime Verführer. Sie wollen Deutsche verschleppen -- ins Parkett.

Besucherschwund und Etat-Beschneidungen haben Deutschlands Bühnen in ökonomische Bedrängnis und in eine milde Panik versetzt. Fachmännische Werbung soll jetzt Thalia aus der Talsohle helfen.

Im Auftrage des Deutschen Bühnenvereins, dem Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband der deutschen Theater, hat die Hamburger Werbefirma »Deumarco« ein »Handbuch der Theaterwerbung von A-Z« entworfen. Vom kommenden Winter an soll es Intendanten lehren, »ein latent vorhandenes Interesse in einen Kaufabschluß zu verwandeln«.

Der Handbuch-Entwurf ist das Produkt langjähriger Mühen des Bühnenvereins, Deutschlands Intendanten werbewillig zu machen. Denn bei Betriebsausgaben von 443 Millionen Mark in der Saison 1965/66 gaben Deutschlands 220 Bühnen nur 8,4 Millionen Mark (knapp zwei Prozent) für Werbung aus.

So noble Zurückhaltung pflegen Unternehmen, die notorisch unrentabel sind. Deutsche Bühnen spielen durchschnittlich nur 30 Prozent ihrer Ausgaben ein. Den Rest -- in der Saison 1965/66 waren es 386 Millionen Mark -- reicht die öffentliche Hand.

Von 100 Theatersesseln blieben in der Spielzeit 1965/66 jedoch jeweils 25 unbesetzt. Während Großstadttheater mehr Besucher bekamen, verloren einige Provinzbühnen über zehn Prozent ihrer Zuschauer; insgesamt schmolz der Kundenkreis, im Vergleich zur vorhergehenden Saison, um 1,4 Prozent.

Als Im letzten Jahr die Finanzflaute einsetzte, kürzten die Stadtkämmerer mit Vorliebe den Theater-Etat -- die Folgen waren vielfältig:

Die Stadt Rheydt löste ihr Ensemble auf; das Stadttheater Oberhausen verzichtete auf eine eigene Oper; Bochum und Gelsenkirchen fusionierten ihre Ensembles; mehrere südwestdeutsche Stadttheater schlossen sich im letzten Monat zu einer »Arbeitsgemeinschaft« zusammen; Nordrhein-Westfalens Bühnen planen jetzt eine ähnliche Kooperation; und im nächsten Monat wollen Dortmund und Essen eine Fusion ihrer Theater bedenken.

Die Ballung von Besucherschwund und drohenden Etat-Kürzungen lehrte die Theater den Abonnenten lieben -- einige begannen bald um ihn zu werben: >Kiel lockte mit Sinnsprüchen in der Straßenbahn, wie: »Kein Richter je noch war so dreist, wie der im »Krug' von Heinrich Kleist«;

> Köln ließ in Photoanzeigen die Prinzessin Turandot auf die Straßenbahn warten und Madame Pompadour mit einem Ingenieur flirten;

> Wiesbaden verführte mit Quiz-Fragen. Beispiel: »In einer sehr billigen Oper wird von einem Fisch behauptet, daß er Zähne habe. Wie heißt dieser Fisch -- a) Stockfisch, b) Haifisch, c) Kabeljau«;

> Bremen belohnte Gewinner eines Preisausschreibens unter anderem mit einem Kaffeestündchen beim Intendanten und dem Besuch einer Nachtbar mit einem Theaterkünstler (oder einer Künstlerin) nach eigener Wahl«. Sicherheitsklausel: »Eventuell entstehende weitere Kosten muß der Preisausschreibengewinner selbst tragen.« Um den dilettierenden Werbern professionellen Rat zu geben, hieß der Bühnenverein zunächst die Frankfurter Markt-Forschungsgesellschaft »Marplan« erkunden, warum Deutsche (nicht) ins Theater gehen.

Des Tages Mühe, Parkplatznot und beschwerlicher Billett-Erwerb waren Grund genug, zu Hause zu bleiben. »Füllung emotionaler Lücken« und Prestigewert ("Theaterbesucher repräsentieren höhere Schichten") verführten dagegen zum Theatergang. Nach »Marplans« Leitmotiven schrieb »Deumarco«, das auch für Camembert und Nähmaschinen wirbt (Jahresumsatz: zwölf Millionen Mark), jetzt das »Handbuch der Theaterwerbung« -- von »Abonnent« bis »Zusatznutzen«.

Der Abonnent ist von »entscheidender Bedeutung«, denn er gibt dem Theater eine »überschaubare finanzielle Sicherheit«. Er verweilt im Amerika-Haus ("Oft ein Sammelpunkt von Intellektuellen"), kann aber auch im Wartezimmer des Arztes mit »heiteren Prospekten« gewonnen werden

Theaterführungen, Bühnenbälle, Beat im Theater sind als Lockmittel zu empfehlen, -- ebenso telephonische Anrufe durch Bühnenkünstler. Gute Beziehungen zu Heimatblättern haben »insofern Bedeutung, als hier auf verhältnismäßig simple Art eine Kombination zwischen Anzeigenauftrag und redaktioneller Einflußnahme möglich ist«.

Ein Werbe-Argument, »das auf besondere Weise herausgestellt werden sollte«, ist »die Pause im Theater«. Denn der Rundgang im Foyer sei »sehr oft das geheimgehaltene Motiv, sich selbst zur Geltung zu bringen«. Um dem »Geltungsbedürfnis der Besucher entgegenzukommen«, sollten Intendant und Künstler die Foyer-Wandler begrüßen; das »Servieren von kleinen Cocktails« ist zu empfehlen.

Denn: »Das Theater verkauft, mit allem, was es ist, in erster Linie Illusionen, sowohl auf der Bühne als auch (Prestigeerscheinung) im Theater selber.«

»Deumarcos« Image des Theaters als Kaufladen für Prestige mißfällt dem Braunschweiger Intendanten Hellmuth Matiasek: Die Foyer-Propaganda sei »eine Mischung aus kommerziellem Denken und Krähwinkel«.

Besucherkrisen ähnlicher Art haben Theater in Frankreich, England und in der Tschechoslowakei auch in andrer Weise angegangen -- weniger durch attraktive Pausen als durch verführerische Vorstellungen.

Zur Ausgabe
Artikel 32 / 48
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.