Serie »The English« mit Emily Blunt Die Wiedergeburt des Westerns

Gewaltoper, Siedlerepos, postkoloniales Melodram: Die Serie »The English« über die Freundschaft einer Engländerin und eines Pawnee definiert den Western neu. Grimmig, plausibel – und wunderschön.
Emily Blunt in »The English«: Wer am Leben bleibt, hat das letzte Wort

Emily Blunt in »The English«: Wer am Leben bleibt, hat das letzte Wort

Foto: Diego Lopez Calvin / BBC / Amazon / Magenta TV

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Ein Holzverschlag in der Steppe, der sich Hotel nennt. Eine Frau und ein Mann an einem unerwartet elegant gedeckten Tisch, auf dem zwei Portionen Prairie Oysters stehen – rohe Bullenhoden, der einzige proteinhaltige Snack für Menschen, die im kargen Nirgendwo von Kansas von Austern träumen. Der Mann, Besitzer der Prärieherberge, kaut wollüstig auf den Hoden herum. Die Frau fragt: »Du willst mich vergewaltigen?« Der Mann antwortet: »Ich bin realistisch, wenn es um Fragen des Einvernehmens geht.« Die Frau schlägt vor: »Dann fick ein Pferd!«

Die Dialoge in diesem Western sind oft bedrohlicher zugespitzt als jedes Revolverduell; wer am Leben bleibt, hat das letzte Wort. In diesem Fall ist es die Frau. Denn bevor der Mann seine Bullenhoden verspeist hat und die geplante Vergewaltigung begehen kann, hat er scheinbar aus dem Nichts ein Messer im Rücken. Geworfen wurde es von dem Pawnee, den der Hotelbesitzer zuvor auf dem Vorplatz seines Holzverschlags gefoltert hat und der von der Frau befreit worden war.

Emily Blunt als Lady Cornelia Locke: Zur Verteidigung holt sie Bogen und Pfeil raus

Emily Blunt als Lady Cornelia Locke: Zur Verteidigung holt sie Bogen und Pfeil raus

Foto: Diego Lopez Calvin / BBC / Amazon / Magenta TV

Der Messerwurf war also lediglich das Begleichen einer Schuld. Kein Grund, emotional zu werden. Der Pawnee, genannt Wounded Wolf (Chaske Spencer), und die Frau, Lady Cornelia Locke (Emily Blunt), reiten noch ein Stück zusammen, dann trennen sich ihre Wege. Eigentlich. Er, der bei der US-Kavallerie als Scout gearbeitet hat, will das Land seines Stammes in Nebraska zurück. Sie, die aus adligen Verhältnissen in England stammt, will in Wyoming den Mörder ihres Kindes finden und töten. Es ist das Jahr 1890. Der mittlere Westen ist weit und noch weitgehend menschenleer. Doch die Gegend füllt sich, immer mehr Ankömmlinge aus dem Osten suchen hier eine Parzelle Land, das noch nicht abgesteckt ist, und wo die Menschen aufeinandertreffen, da töten sie einander meist.

Skalps statt Familienbilder an der Wand

Unterwegs stoßen der Pawnee und die Lady auf einen Planwagen von Deutschen, der von Banditen überfallen wurde. Alle Erwachsenen sind tot, aber in der Leiche einer hochschwangeren Frau lebt noch das ungeborene Kind, das nun von Wounded Wolf auf die Welt gebracht wird. Später befreien er und seine Begleiterin auf dem Hof einer Indigenenhasserin, an deren Wohnzimmerwand die Skalps ihrer Opfer wie Familienbilder drapiert sind, einen Cheyenne-Jungen aus der Gefangenschaft, den sie fortan bei sich haben. Vorher aber wurden die Skalpjägerin und ihre zwei sadistischen Söhne erschossen und erstochen. Der lange Ritt der Engländerin und des Pawnees, er ist einziges Werden und Vergehen, das Leben in seiner kostbarsten Form.

Die sechsteilige Westernserie »The English« von Hugo Blick beginnt in Kansas zwar mit einer blutigen Ouvertüre, die aussieht, als habe Quentin Tarantino einen Spaghetti-Western von Sergio Corbucci nachgebaut. Sägende Gitarren, krasse Close-ups, lustvoll hinausgezögerte Gewaltexplosionen. Aber Blicks Epos ist kein ironisch verspieltes Revenge-Movie im Stile von »Django Unchained«, kein artistisch überreizter Outlaw-Kracher, der den Historienwestern kontrafaktisch aufrollt, um höhere Gerechtigkeit für die im Genre (und überhaupt) zu kurz gekommen Charaktere herzustellen. Regisseur Blick packt den ganzen Instrumentenkoffer des Westerns aus, um das Genre neu zu erfinden. Es gibt hier so viele Zitate der alten Meister, von John Ford über John Huston bis John Sturges, dass man mit der Aufzählung gar nicht hinterherkommt. Doch auch wenn Blick die Topoi dieser Klassiker allesamt umschreibt, ironisch ist er dabei nie.

»The Searchers« lässt grüßen

Nach dem Corbucci-Tarantino-Einstieg sieht man rollende Planwagen und in die Präriedünen genagelte, gedrungene Holzhütten, wie man sie aus Fords Siedlerepen (»The Searchers«) kennt. Gefilmt wird aus den gemütlich wackelnden Kutschen heraus in die gefährlichen Weiten oder aus der heimeligen Hütte auf die gerade erst gesäten Maisfelder. Das nächste Massaker liegt immer vor der Haustür des home, sweet home, das noch gar nicht ganz fertig gezimmert ist. Doch der Brite Blick, der zuletzt in der Serie »Black Earth Rising« den Genozid in Ruanda und die Verstrickungen ehemaliger europäischer Kolonialmächte darin behandelt hat, erzählt nun von einer Landnahme unter umgekehrten Vorzeichen: Hier bricht der Indigene auf, um sein geraubtes Territorium zurückzuerobern.

Chaske Spencer als Wounded Wolf: Ein klassischer gebrochener Westernheld

Chaske Spencer als Wounded Wolf: Ein klassischer gebrochener Westernheld

Foto: Diego Lopez Calvin / BBC / Amazon / Magenta TV

Der Titel »The English« bezieht sich zum einen auf die englische Lady, die der Pawnee in Kansas trifft, als auch auf alle nichtindigenen Charaktere, die in den Weiten der Prärie ihr blutiges Handwerk betreiben. So wie früher für die ersten Siedler die Vertreter verschiedener indigener Völker, ob Apachen, Sioux oder Pawnees, allesamt »Indianer« waren, so sind die Weißen, egal ob Russen, Deutsche oder Engländer, für Wounded Wolf allesamt »The English« – eine stetig wachsende Horde, die aus allen Winkeln und Ecken der Welt über ihr Land herfällt, um es in Blut zu tränken.

Phänomenal, wie Serienschöpfer Blick hier Perspektiven und Kampftechniken alter Frontier-Epen umschreibt – etwa wenn weiße Banditen (und natürlich auch Banditinnen!) wie das indigene Personal früherer »Indianerwestern« bedrohlich von Klippen herunterschauen oder die englische Lady und nicht der Pawnee mit dem Bogen schießt, weil das nun mal die Sportart war, die englische Ladies damals standesgemäß vor dem Tee praktizierten.

»The English« - produziert von der BBC und nun bei Magenta TV im Programm - ist ein postkolonialer Western, der bei aller politischen Korrektheit seine Figuren nie zu Charakterattrappen macht. Der Pawnee ist kein edler Wilder, sondern ein zerrissener Charakter, der beim Überleben zwischen Reservat und Kavallerie Schuld auf sich geladen hat. Ein klassischer gebrochener Westernheld, der in der Einsamkeit mit seinen Verfehlungenen klarzukommen versucht, aber durch den Einbruch eines anderen Menschen in sein Einzelgängertum dazu gezwungen ist, sein Leben neu zu verhandeln. Da funktioniert die Serie auch als psychologisch genaues Westernmelodram, das in so bedrohlicher wie berauschender Landschaftskulisse das Seelenleben seiner beiden Hauptfiguren spiegelt.

Vieles an dem Plot ist unwahrscheinlich, nichts ist unplausibel. Dass eine missbrauchte Frau und ein vogelfreier Indigener zwischen einer Reihe nur mühselig überlebter Massaker unter einem funkelnden Breitwand-Sternenhimmel zueinanderfinden, scheint einem in dieser Serie wie die natürlichste Sache der Welt.

»The English« läuft bei Magenta TV

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.