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Zukunftsdrama von und mit George Clooney Treffen sich Greta Thunberg und der Weihnachtsmann...

»The Midnight Sky« von und mit Superstar George Clooney startet bei Netflix. Die Story um einen Forscher nach einer Umweltkatastrophe ist leider auf erzählerisch gründlich ausgetretenen Pfaden unterwegs.
aus DER SPIEGEL 52/2020
Clooney mit Co-Star Caoilinn Springall: Protestmarsch durchs Polareis

Clooney mit Co-Star Caoilinn Springall: Protestmarsch durchs Polareis

Foto: Philippe Antonello / AP

Es ist für viele Menschen eine frohe Botschaft, dass es endlich wieder etwas über den Schauspieler und Regisseur George Clooney zu berichten gibt. Seit viereinhalb Jahren war im Kino kein neues Werk mit ihm zu sehen. Seine letzten Filme waren die Komödie »Suburbicon« (als Regisseur) und der Thriller »Money Monster« (als Darsteller), beide ganz passabel. In der Zwischenzeit hat das Medienpublikum den – nebenbei im Seriengeschäft aktiven – Star Clooney vor allem in leinwandfernen Rollen zu sehen bekommen.

Als aufrechten Kämpfer für eine bessere Welt und gegen Trump, für Frieden in Afrika und gegen den Klimakollaps. Als engagierten Ehemann an der Seite seiner Gattin Amal, die als Anwältin für Menschenrechte und Pressefreiheit eintritt. Und als liebevollen Vater, der seinen noch sehr jungen Kindern allerhand durchgehen lässt und sogar behauptet, dass die Kleinen neuerdings Italienisch sprächen, er selbst diese Sprache aber gar nicht verstehe.

George Clooney in »The Midnight Sky«: ehrbares Anliegen

George Clooney in »The Midnight Sky«: ehrbares Anliegen

Foto: Philippe Antonello / Netflix

Man kann es als heitere Volte des düsteren Films »The Midnight Sky« werten, der an Weihnachten auf Netflix anläuft, dass George Clooney hier gegen alle drei Rollen seines Zivillebens anspielt. Er verkörpert eine lausige Vaterfigur, einen Wissenschaftlerkauz namens Dr. Lofthouse, der mit der elfjährigen Iris, die plötzlich in seinem Observatorium auftaucht, zunächst überhaupt nichts anzufangen weiß.

Im Leben des Forschers gab es mal eine Frau, die ihn liebte, so sieht man in Rückblicken. Aber diese Frau hat der Kerl offenbar aus emotionaler Verkrüppelung vor längerer Zeit ins Abseits geschickt. Und auch als Weltretter hat der Held Lofthouse, der an Möglichkeiten fürs Überleben der Menschheit forschen sollte, versagt: Zu Beginn des Films, an einem Tag im Jahr 2049, ist es genau drei Wochen her, dass eine Umweltkatastrophe die Erde praktisch komplett unbewohnbar gemacht hat.

Bilder, die neu und verstörend wirken

Clooney führte bei »The Midnight Sky« selbst Regie. Der Film spielt im Eis der Arktis und im Weltraum. Der Astronom Lofthouse ist an Krebs erkrankt und wurde auf eigenen Wunsch allein in einer Forschungsstation hoch im Norden zurückgelassen, als seine Kolleginnen und Kollegen angesichts einer wohl von Strahlen verursachten apokalyptischen Bedrohung zu fliehen versuchten.

Nun sind der Kranke und das Mädchen, wie es scheint, die letzten Überlebenden. Weit draußen im All allerdings sind noch ein paar weitere Exemplare der menschlichen Spezies unterwegs. Die Besatzung eines Raumschiffs, das gerade einen Jupitermond erforscht hat. Der Mond taugt möglicherweise als Ersatzerde. An Bord des Raumschiffs sind unter anderem Tiffany Boone als Ingenieurin, Felicity Jones als – schwangere – Astronautin und ihr Gatte und Flugkommandant, der von David Oyelowo gespielt wird. In einer sehr merkwürdigen Szene des Films singt die Raumschiffcrew gemeinsam den Evergreen »Sweet Caroline« von Neil Diamond.

»Midnight Sky« schildert den Versuch des Wissenschaftlers Lofthouse, die Raumschiffbesatzung vor der Rückkehr zur Erde zu warnen. Dafür braucht er ein stärkeres Funkgerät und muss sich, stets in Begleitung von Iris, durch knarzendes Eis und Giftschwaden von seiner eigenen Station zu einem anderen arktischen Observatorium durchschlagen. Droben im Weltraum beschädigt derweil ein Meteoritenhagel das Raumschiff, weshalb ein Reparaturtrupp vor die Tür geschickt werden muss.

Hat man Ähnliches nicht schon in Alfonso Cuaróns »Gravity« aus dem Jahr 2013 gesehen, in dem der Schauspieler Clooney seinerseits anmutig durch den Orbit schwebte? Und erinnert Lofthouse' Opfergang durch Eis und Schnee nicht stark an Alejandro González Iñárritus »The Revenent« mit Leonardo DiCaprio? Oder gar an die vielen Verfilmungen von Jack Londons »Der Ruf der Wildnis«?

Leider muss gesagt werden: Sowohl was die Bildsprache als auch was die Handlung dieses Films nach einem Roman von Lily Brooks-Dalton angeht, ist der Regisseur Clooney hier auf gründlich ausgetretenen Pfaden unterwegs. Und doch gibt es Bilder, die neu und verstörend auf die Zuschauerinnen und Zuschauer wirken könnten. Der Schauspieler Clooney starrt als Lofthouse wild in die Gegend und trägt einen mächtigen, struppigen weißen Bart über dem betont klapprigen Körper. Alles zusammen verleiht ihm das Aussehen eines grumpeligen Weihnachtsmanns.

»The Midnight Sky« hat als Warnung vor dem menschengemachten Weltuntergang ein ehrbares Anliegen und trotz seiner Absehbarkeit einige spannende Momente. Zu einem am Ende des Jahres 2020 irgendwie tröstlichen und einprägsamen Film wird er aus anderen Gründen.

Wenn die tapfere Iris, gespielt von der jungen Schauspielerin Caoilinn Springall, gemeinsam mit ihrem zauseligen Doktor Lofthouse durch die Eiswüste stapft, sieht sie öfter aus, als wäre sie die kleine Schwester einer sehr bekannten Klimaaktivistin aus Schweden. Auch wenn es nur eine optische Täuschung ist: Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass die Welt »The Midnight Sky« als den Film in Erinnerung behalten wird, in dem Greta Thunberg Hand in Hand mit einem von George Clooney dargestellten Weihnachtsmann einen Protestmarsch durchs schmelzende Polareis absolviert.

»The Midnight Sky«, bei Netflix

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