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Theater: »Atmen mit dem Strohhalm«

Die Theaterszene Nordrhein-Westfalens droht zu veröden: Viele Kommunen sind pleite, auch das Land kann nicht mehr anbieten als einen kargen Hilfsfonds für Notfälle. Und die Situation wird sich noch verschärfen, wenn die Steuerreform greift. Schon jetzt sehen Kritiker das Ende des deutschen Stadttheatersystems heraufziehen. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Wenn Johannes Rau, der Ministerpräsident, Wirtschaftskapitäne aus dem Revier um sich versammelt hat, bringt er das Gespräch bei Gelegenheit auch »auf unsere Kulturlandschaft«. Dann schwärmen seine Gäste von »herrlichen Theaterabenden in München«, auch vom anschließenden Essen im »Bayerischen Hof« oder in den »Vier Jahreszeiten«, und Rau muß feststellen, daß die Herren »kaum etwas über Hansgünther Heyme, Pina Bausch oder Frank-Patrick Steckel gehört haben«. Die Megalopolis um Rhein und Ruhr hat es offenbar nicht geschafft, eine ausstrahlende Identität zu entwickeln; und auch im Revier selbst, so Rau, »sind es viele nicht gewohnt, uns als Kulturregion wahrzunehmen«.

Nordrhein-Westfalen sei »die reichste Theaterlandschaft Europas«, hat August Everding im Namen des Deutschen Bühnenvereins vor ein paar Monaten in Gelsenkirchen gesagt. Das Land ist mit gut 20 kommunalen Theatern bestückt, die von Städtestolz zeugen und in freundnachbarlicher Konkurrenz Kunst produzieren. Das Spektrum reicht von hochdotierten Opernhäusern (Köln, Bonn, Düsseldorf-Duisburg) und Schauspielbühnen der Spitzenklasse (Düsseldorf, Bochum) über eine Vielzahl von mittelstädtischen Drei-Sparten-Betrieben (Dortmund, Wuppertal, Bielefeld, Krefeld-Mönchengladbach) bis zu Klein-Unternehmen wie in Paderborn, Dinslaken oder Moers, die mit nur je einer guten Million Mark Zuschuß pro Jahr wirtschaften müssen.

Doch die Artenvielfalt dieser Kulturregion ist bedroht; in fünf oder zehn Jahren könnte ein gut Teil der nordrheinwestfälischen Bühnen der Verarmung des Landes, der Finanznot der Kommunen zum Opfer gefallen sein. Mit der Ausnahme von Bonn, wo, dem Hauptstadt-Image zuliebe, das Theater aus Mitteln des Bundesbauministeriums hoch subventioniert wird (mit jährlich 35 Millionen Mark), gibt es kaum eine Bühne im Land, die nicht unter dem Druck von Etat-Einschränkungen auf Sparkurs gehen und ihr theatralisches Angebot verkleinern muß.

In Wuppertal ist von Abschaffung der Schauspiel-Sparte die Rede. Für die Vereinigten Bühnen von Krefeld und Mönchengladbach sind die Zuschüsse bis knapp an jene Schmerzgrenze heruntergedrückt worden, wo nur noch die Arbeitsplätze zu halten, aber keine Kunstereignisse mehr zu schaffen sind. Das Kölner Theater, so der Kulturdezernent Peter Nestler, »atmet schon jetzt mit dem Strohhalm«, und irgendwann komme man mit weiteren Einschränkungen zwangsläufig an einen Punkt, »wo das künstlerische Ergebnis nicht mehr befriedigend genug ist, um einen solchen Apparat zu rechtfertigen«.

Eine kräftige und offensive Landes-Kulturförderung gibt es in Nordrhein-Westfalen seit eh und je nicht, man hat das weithin den Kommunen überlassen. Im Jahr 1987 hat das Land für Theater und Orchester pro Kopf der Bevölkerung ganze 4,41 Mark ausgegeben - in den anderen Flächenländern der Republik liegt diese Quote zwischen 10,62 Mark (Rheinland-Pfalz) und 18,78 Mark (Bayern). In Baden-Württemberg trägt das Land 40 Prozent aller Theater-Zuschüsse, in Nordrhein-Westfalen hingegen kommen, aufs Ganze gesehen, nur sechs Prozent der Bühnen-Subventionen aus der Landeskasse. Theaterstädte erhalten zwar höhere Zuwendungen vom Land als Kommunen, die sich keine eigene Bühne leisten - doch diese Mittel sind nicht zweckgebunden und kommen deshalb vielerorts längst nicht mehr der Kultur zugute, denn deren Förderung ist laut Gesetz keine Pflicht, sondern »freiwillige Leistung«. _(Mit Inge Andersen (Gretchen) und Ulrich ) _(Wiggers (Faust). )

Was einst zu ihrem Stolz gehörte, können sich viele Ruhrgebietskommunen kaum noch leisten. Neun der elf kreisfreien großen Städte des Reviers stecken in roten Zahlen: Wo die Einwohner weniger werden, gehen auch Steuereinnahmen und Landeszuwendungen zurück, und die wachsende Zahl der Sozialhilfeempfänger - mancherorts schon ein Drittel der 15 Prozent Arbeitslosen - treibt die Kommunen dem Bankrott entgegen. In Essen steht nicht nur die Schließung von Schwimmbädern und Stadtbüchereien an, auch die Streichung der Fahrpreisermäßigung für kinderreiche Familien; in Gelsenkirchen soll der Ruhr-Zoo dichtgemacht werden.

1959 hat sich die Stadt Gelsenkirchen ein schönes neues Theater geleistet. Ein paar Jahre später wurde, um einen Opernbetrieb von Niveau finanziell zu sichern, die Sparte Schauspiel abgeschafft; seither gastieren die Bochumer dort. Doch im Frühjahr 1987 sah die Stadt, die in zwei Jahrzehnten mehr als ein Fünftel ihrer Einwohner verloren hat, keine Chance mehr, das »Musiktheater im Revier« wie bisher zu halten: Bis 1991 soll stufenweise der Zuschuß von 25 auf 15 Millionen pro Jahr heruntergesetzt werden - das bedeutet die Abwertung des »interessantesten Opernhauses an Rhein und Ruhr« ("Theater heute") auf provinzielle Armseligkeit, wenn nicht den Garaus für einen dann nicht mehr attraktiven Betrieb.

Die Gelsenkirchener Katastrophen-Beschlüsse vor Augen, haben sich die nordrhein-westfälischen Theaterchefs zu solidarischem Protest zusammengefunden: Sie appellierten an den Bundespräsidenten, den Ministerpräsidenten des Landes, die »Stadtmütter und Stadtväter« von Gelsenkirchen - und immer wieder wiesen sie darauf hin, daß das Schicksal des einen Revier-Theaters bald auch dem nächsten und übernächsten drohen könne.

Wortführer des Alarms sind die Schauspielchefs aus Essen und Düsseldorf, Hansgünther Heyme und Volker Canaris. Canaris, 46, setzt sich im Namen der »Wohlhabenden« für die Ärmeren ein - einzig sein Düsseldorfer Schauspielhaus bekommt als Hauptstadt-Bonus hohe Landeszuschüsse -, Heyme, 52, gehört hingegen zu jenen, deren Theater als nächstes oder übernächstes weggespart werden könnte.

Die Stadt Essen nämlich hat sich zu guten Zeiten ein Pracht-Opernhaus leisten wollen - der Entwurf des finnischen Architekten Alvar Aalto wurde 1959 preisgekrönt -, und nun hat man, den mageren Jahren zum Trotz, den Bau für 150 Millionen hochgezogen: Im September soll er eröffnet werden. Eine erste Glanz-Saison läßt sich die Stadt 36 Millionen kosten, doch danach wird es duster. Im stillen wird wohl überlegt, Heymes wirkungsvoll kämpferisches Schauspiel-Ensemble ganz abzuschaffen. Das hat immer wieder, zuletzt mit einem wilden Rocker-»Faust«, das »operettöse« Kulturverständnis (Heyme) der Bürokraten schockiert. Es muß sich mit nur 13 Millionen Mark Zuschuß bescheiden, und auch der soll noch gekürzt werden. Am 25. Mai entscheidet der Essener Rat über das weitere Schicksal seiner Theater. Im stillen wird auch, wieder einmal, eine Opern-Kooperation oder -Fusion mit Gelsenkirchen erwogen - als ergäbe die Zusammenlegung von zwei Kranken einen Gesunden.

Die Theaterleute Nordrhein-Westfalens kämpfen ums Überleben; günstigstenfalls läßt sich der Status quo halten. Auch Ministerpräsident Rau kann nicht mehr als einen Notfall-Fonds von ein paar Millionen ("Hilfe zur Selbsthilfe") bereitstellen, und der reicht kaum für eine kurze Phase des Aufatmens.

Im Jahre 1990, wenn die Wunder der großen Steuerreform wirksam werden, büßen die Ruhrgebietskommunen insgesamt etwa 750 Millionen an Steuereinnahmen ein. Dann könnte der »Flächenbrand« ausbrechen, vor dem der Deutsche Bühnenverein mit Blick auf Gelsenkirchen jetzt schon warnt. Das »Handelsblatt«, mit einer anderen Metapher, sieht dort »das Symptom eines bevorstehenden Dammbruchs, dem das in der ganzen Welt beneidete bundesdeutsche Stadttheatersystem zum Opfer fällt«.

Mit Inge Andersen (Gretchen) und Ulrich Wiggers (Faust).

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