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Theater-Exotik mit Pomp und Tamtam

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über Ariane Mnouchkines Shakespeare-Unternehmung in Avignon
aus DER SPIEGEL 30/1982

Sie ist eine Generalin. Auch wenn sie, indisch-luftig gewandet, in der Nachmittagssonne in Avignon auf einer Zuschauer-Tribüne sitzt, plaudernd, und kaum zu beaufsichtigen scheint, was auf der Bühne geschieht: Es ist ihre Kampftruppe, die da exerziert, und jeder Abend, jede Vorstellung ist eine Schlacht, die sie gewinnen will.

Das »Théâtre du Soleil« läßt sich gern als Kollektiv oder Kommune bezeichnen, und zu Recht, da es keine inneren Hierarchien gibt, jeder Schauspieler also zugleich Handwerker, Bühnenarbeiter oder Kantinenkoch ist - doch seit sich diese (inzwischen rund fünfzigköpfige) Truppe aus einer Studentenbühne entwickelt hat, hört alles auf ein Kommando. Wenn Ariane Mnouchkine »wir« sagt, hat das einen herrscherlichen Klang: Sie allein bestimmt, wo es langgeht; ihre Energie hält die Truppe zusammen und treibt sie zu Höchstleistungen; in ihrer Distanz zu allem Show-Rummel drückt sich der Anspruch auf Einzigartigkeit und Vollendung aus.

Die Revolutions-Revuen »1789« und »1793«, die die Mnouchkine-Truppe Anfang der Siebziger Jahre international berühmt gemacht haben - zirkushafte Spektakel, in denen sich die Akteure mit unbändiger Vitalität unters Publikum mischten -, liegen lange zurück. Abstand, Askese, pathetische Stilisierung und strenge Geometrie bestimmen jetzt die Darbietungen des »Theatre du Soleil": Shakespeare spielen ist ein mit ernstester Konzentration zu leistender Gottesdienst.

In Paris mußte, wer »Richard II.« sehen wollte, den Weg weit aus der Stadt an den halb verwilderten äußeren Rand des Bois de Vincennes auf sich nehmen, wo das »Theatre du Soleil« seit 1970 sein Stammquartier in den Hallen einer alten Munitionsfabrik hat, und mußte dort viereinhalb Stunden andächtig auf harten Sitzstufen ausharren: Pilgerfahrt, Exerzitium - und als Belohnung ein theatralisches Wunder.

»Richard II.«, gespielt vom »Theatre du Soleil«, hat die Spannung und Wucht eines Ereignisses. Im Laufschritt kommt die Truppe über zwei seitliche Stege auf die Bühne geprescht, die weit in den Raum vorspringt, stürmt aufs Publikum zu, eine Woge aus farbiger Seide und flatternden Bändern, und gruppiert sich auf einen Schlag zu einem Tableau der Macht und Pracht: eine Truppe kampfbereiter Samurai, die ihrem Herrscher huldigen, die Füße breitbeinig auseinandergespreizt, eine Hand am Schwert, und in lauernder Spannung immer leicht in den Knien federnd - eine pomphafte Demonstration des Kriegerischen, wie sie zuletzt in Kurosawas Film »Kagemusha« zu sehen war.

Da es im europäischen Theater keine Darstellungstradition für Königsdramen gibt, für feudale Gesellschaften und archaische Zeremonielle, hat sich das »Théâtre du Soleil« aus dem Formen-Kanon des japanischen Klassiker-Theaters bedient, hauptsächlich des Kabuki-Ritterspektakels.

Doch zu den asiatischen Riemenhelmen, maskenhaft weiß geschminkten Gesichtern und schwingenden Samurai-Rücken werden durchaus europäische Stiefel getragen, Renaissance-Wämser und Halskrausen. Was das in Konventions-Prunk erstarrte Kabuki-Theater zum Vorbild macht, ist eine in Sprache, Gestik und Pose hochstilisierte Spielweise, die noch durch keine »bürgerliche« Forderung nach »Natürlichkeit« angekränkelt erscheint: Theater als pures Zeremoniell.

Eine erhöhte Spielfläche, nur zur Rückwand durch einen Seidenvorhang begrenzt, der von Szene zu Szene wechselt - anfangs viel Gold, in das gegen Ende mehr und mehr dunkles Blutrot einsickert. Außer ein paar Hockern und einem Gitterkäfig für die Kerkerszene kommt kein Requisit auf diese Bühne, und jedes Arrangement folgt dem strikten Schema eines Hofzeremoniells: Abstand, Ordnung, der König immer im Mittelfeld.

Gesprochen wird nie zum Partner gewendet, immer frontal zum Publikum, und es wird mit pathetisch erhobener Stimme gesprochen, ja deklamiert (Ariane Mnouchkine selbst hat Shakespeare in ein kunstvoll gravitätisches Französisch übertragen). Und doch hat die Aufführung Tempo: Zwei Schlagzeuger neben der Bühne untermalen sie auf einem exotischen Riesen-Instrumentarium und treiben das Drama mit leisen Skandierungen, fordernden Wirbeln und wuchtigen Pauken- und Gongschlägen voran.

Ist das Shakepeare? Selbst an landläufigen Stil-Anstrengungen beim Zelebrieren griechischer Tragödien gemessen, wirkt diese Monumentalität fremdartig und schroff. Doch faszinierend und schließlich überwältigend ist der Reichtum an Zeichen, an Mitteln, an Spannungen, die die Regisseurin aus der Strenge dieser Form entfaltet.

Jedes trotzige Aufstampfen mit dem Fuß, jedes arrogante Zurückwerfen des Kopfes hat da Grandezza, ein Wutanfall des Königs wird zum virtuosen Taumeltanz, die Vorbereitung für ein Duell steigert sich zum barbarischen Ritual, und die Artistik, mit der diese Samurai Reiter darstellen - der Oberkörper feierlich starr, nichts als einen Riemen als Zügel zwischen den Händen, mit den Beinen aber das nervöse Tänzeln eines Rassepferdes spielend -, reißt das Publikum zu Ovationen hin.

»Richard II.« ist unter anderem die Passion eines großen Theatralikers, das Drama eines Königs, der nicht handelt und herrscht, weil er selbstverzückt ganz in der Darstellung seiner Herrlichkeit, seines Gottesgnadentums aufgeht: Dem schmutzigen Kampf um die Macht zieht er das erhabene Zeremoniell des Thronverzichts und das Martyrium vor.

Züge eines Mythos stecken in »Richard II.«, Grundmuster eines Ritual-Spiels, das den Opfertod des Gott-Königs zelebriert - und diese Dimension des Dramas hat Ariane Mnouchkine zu stärkster Wirkung gebracht, indem sie als Vorbild das Kabuki-Zeremoniell wählte, die Theater-Ästhetik einer fernen Kultur, in der ja tatsächlich noch vor einem halben Jahrhundert der Kaiser Anspruch auf Göttlichkeit hatte.

Am Ende ihres Spiels hält der Königsmörder und neue König den nackten Leichnam seines Opfers in den Armen, streichelt ihn, küßt ihn - ein Pietà-Tableau: Es ist vollbracht.

Ariane Mnouchkine will immer das Äußerste, Höchste, Vollendung; und das braucht Kraft und Zeit. »Richard II.«, im Dezember 1981, war die fünfte Premiere, die sie seit 1970, seit ihrem Einzug in die »Cartoucherie de Vincennes«, dort herausgebracht hat (immerhin hat sie in dieser Zeit auch ihren monumentalen »Molière«-Film gedreht); und vor dieser Premiere war der Spielbetrieb fast ein Jahr lang eingestellt, um alle Kräfte auf ein Groß-Projekt zu sammeln.

Das »Théâtre du Soleil« hat sich ein Pensum von sechs Shakespeare-Abenden vorgenommen, und dies wiederum soll nur die Vorübung zu einer neuen, ganz eigenen und zeitgenössischen Unternehmung sein. Geplant war, als die Arbeit vor bald drei Jahren begann, im Sommer 1982 den kompletten Shakespeare in Avignon zu präsentieren. Doch Ariane Mnouchkines Proben-Besessenheit, ihre Bereitschaft, alles Erarbeitete wieder und wieder zu verwerfen, ihr Perfektions-Anspruch sind unerbittlich: Nicht das Ende, sondern erst das zweite Etappenziel ihrer Shakespeare-Expedition hat die Mnouchkine-Truppe mit der Premiere von »Was ihr wollt« zur Eröffnung des Theaterfestivals in Avignon erreicht, wo die Komödie nun im Wechsel mit »Richard II.« gespielt wird - im Innenhof des mittelalterlichen Papstpalastes.

Die riesigen, mit den Szenen immer wechselnden Seidenvorhänge vor der Rückwand bauschen sich da im Nachtwind zu theatralischen Wolken - für »Was ihr wollt« sind sie in Silber und Gold mit orientalischen Märchenstadt-Silhouetten bemalt: Es soll ein Stück wie aus Tausendundeiner Nacht sein.

Je eine Komödie als Intermezzo zwischen den drei geplanten Königsdramen (der historischen Chronologie entsprechend sollen der zweiteilige »Heinrich IV.« und »Heinrich V.« folgen): Für dieses Programm hat Ariane Mnouchkine auch herzhaft pragmatische Gründe genannt. Weil in der kriegerischen Männerwelt der Historien die Hälfte des Ensembles kaum beschäftigt sei, sollten in den Komödien alle Rollen von Frauen gespielt werden.

Ach, dieser vielversprechende Mut hat erste, zögernde Vorübungen nicht überlebt. »Was ihr wollt« ist nun doch recht konventionell besetzt, eine einzige Männerrolle wird von einer Frau gespielt, und genau die, wo das alle Spannung neutralisiert: der weibisch-piepsige Jämmerling Bleichenwang.

»Was ihr wollt« als morgenländisches Märchen: Statt des säbelnden Sturmschritts der Samurai wird nun mit angewinkelten Armen das zierliche Trippeln indischer oder balinesischer Tänzerinnen vorexerziert; statt Tamtam und Gong untermalt orientalisches Zirpen und Glockenklingeln das Spiel - doch die Lieder in diesem musiksüchtigen Stück werden nur in getragenem Ton deklamiert; die Artistik ist vom Kriegerischen ins Clowneske gewendet.

Natürlich glänzt eine so hochtrainierte Truppe mit Bravournummern - doch das sind die Auftritte oder solistischen stummen Einlagen der Clowns (etwa wie einer mit akrobatischer Grazie über eine Linie stolpert, die doch bloß auf den Boden gemalt ist) und nicht die Rüpel-Szenen selbst. Denn auch die Clowns sind in soldatischer Choreographie an der Rampe postiert und tragen dem Publikum ihre Pointen vor.

Liebesschmachten ist keine Staatsaktion, und eine Clownerei kein Ritual, das die Vergegenwärtigung eines legendären Witzes zelebriert. Der Schwachsinn und Tiefsinn von Shakespeare-Clowns verlangt eine Kunst, die ihn als Eingebung des Augenblicks aufblühen läßt - und dagegen stellt sich der getragene Mnouchkine-Stil: In der intimeren Welt der Komödie vergrößert das Zeremoniell die Figuren nicht, sondern isoliert sie und läßt sie erstarren.

Am witzigsten ist diese Aufführung, wenn der Schauspieler Georges Bigot, der mit bewegender Leidenskraft den Richard II. gespielt hat, nun den selbstverliebt liebeskranken Orsino als morbiden Maharadscha mit Seidenturban darstellt und wieder und wieder mit zeremoniöser Gebärde ein Taschentuch ans Auge führt, um eine Träne wegzutupfen: So treibt er das tragische Pathos in die Selbstparodie.

In kostbarer Fassung werden erotische Wirrnisse vorgeführt, aber gereinigt von aller Wildheit, aller pulsierenden Sinnlichkeit; mit Artistik werden die Feinmechanismen der Clownerie demonstriert, doch wie auf dem Trockenen und zutiefst ohne Humor - Ariane Mnouchkines »Was ihr wollt« ist eine kunstreich überzogene Komödien-Maschine; nach dem mit äußerstem Einsatz erkämpften »Richard II.«-Triumph ein zu hohler, gefälliger Sieg: keiner, der das »Théâtre du Soleil« bei seiner Eroberung des Kontinents Shakespeare weitergebracht hat.

Der nächste Teil muß über den Rang der Monumental-Unternehmung entscheiden. Es wird sicher viele Monate dauern, bis es so weit ist, und sicher wird »Heinrich IV.« ein Acht-Stunden-Spektakel. Dann wird Ariane Mnouchkine nicht nur Falstaff-Komödiantik und große Staatsaktion verbinden müssen, sondern auch vorführen, wie sie jene Höhepunkte schafft, vor denen andere Shakespeare-Regisseure am liebsten die Flucht ergriffen: ihre Truppe muß wirkliche Schlachten schlagen. Da wird Ariane Mnouchkine sicher nicht kneifen. Sie ist eine Generalin.

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