Zur Ausgabe
Artikel 50 / 65
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Theater unter Pandemiebedingungen Geständnis-Plauderei mit Anfassen

Viele derzeit geschlossene Theater verschicken ihre Inszenierungen derzeit per Stream oder Videobrille. Die Wiener Bühnenproduktion »Tausend Wege« kommt sogar per Telefon ins Haus.
aus DER SPIEGEL 15/2021
Regieduo Silverstone, Browde: »Worte reichen nicht immer aus, aber sie sind im Augenblick das, was wir haben«

Regieduo Silverstone, Browde: »Worte reichen nicht immer aus, aber sie sind im Augenblick das, was wir haben«

Foto:

Lauren Lancaster / NYT / Redux / laif

Manchmal wirkt diese Aufführung wie eine therapeutische Sitzung. »Schließt nun eure Augen«, verlangt die Spielleiterin zum Beispiel. Oder sie sagt: »Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ihr euch selbst so sichtbar macht.« Es ist eine weibliche, entweder technisch verzerrte oder ganz vom Computer geschaffene Stimme, die in der Theaterproduktion »Tausend Wege« Anweisungen erteilt, Fragen stellt. Einmal lautet der Befehl, die linke Hand in den eigenen Nacken zu legen. Einmal, die Zahl der Tattoos auf dem Körper zu nennen. Einmal, einen Kindheitsgeruch zu beschreiben. Und um die Bühne auszumessen, fragt die Anweiserin: »Wie viele Fenster sind im Raum, in dem du dich befindest?«

Die deutsche Erstaufführung des Theaterstücks »Tausend Wege – Ein Telefonat«  spielt in den Wohnräumen oder in der Küche des jeweils nur aus zwei Personen bestehenden Publikums. Wer ein Ticket des Wiener Volkstheaters erwirbt, darf sich zu einer bestimmten Zeit ins Sprechzimmer der namenlosen Spielleiterin einwählen und trifft dort eine andere Theaterkonsumentin oder einen anderen Theaterkonsumenten.

Albtraumstory von einer Autopanne in der Wüste

Rund eine Stunde verbringt man gemeinsam. Zwischen der Aufforderung zu körperlichen (Selbst-)Berührungen und zum Teilen von Sinneserfahrungen oder persönlichen Erinnerungen beschwört die Stimme am Telefon immer wieder eine Albtraumsituation: Mitten in einer Wüste stehe ein kaputtes Auto mit mehreren Insassen, keine Hilfe weit und breit. »Siehst du den Qualm?«, schnarrt es aus dem Hörer.

Aus: DER SPIEGEL 15/2021

Er will. Aber kann er es auch?

CDU-Chef Armin Laschet will Kanzler werden und lässt sich weder von miesen Umfragewerten noch von Gegnern in den eigenen Reihen beeindrucken. Bisher ist er so oft durchgekommen. Doch nun wirkt sein Politikstil des Durch­wurschtelns aus der Zeit gefallen.

Lesen Sie unsere Titelgeschichte, weitere Hintergründe und Analysen im digitalen SPIEGEL.

Zur Ausgabe

Als »Verwandlung einer simplen Ausgangssituation in Theatermagie« lobte die Zeitschrift »The New Yorker« die von dem US-amerikanischen Regieduo 600 Highwaymen – so nennen sich Abigail Browde und Michael Silverstone – ausgedachte »Tausend Wege«-Inszenierung. Clever und komisch machen die beiden das durch die Pandemie erzwungene Konzept des Social Distancing auch zum Grundprinzip der Wiener Version ihrer Aufführung. In der wird das Publikum einmal belehrt: »Worte reichen nicht immer aus. Aber sie sind im Augenblick das, was wir haben.«

Das Regieduo zeigt eine Möglichkeit, aus der aktuellen Situation der Bühnen das Beste zu machen. Von einem »Premierenstau« ist derzeit in den größtenteils fürs Publikum geschlossenen Theatern in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Rede. Für Oliver Reese, den Intendanten des Berliner Ensembles, ist die Stauvokabel bereits »das Kultur-Unwort des Jahres«. In vielen Schauspiel- und Opernhäusern wird trotz Pandemie geprobt, unter Einhaltung der Abstandsgebote, in den meisten Theatern gibt es regelmäßige Schnelltests. Wie aber soll man das fertige Produkt in Umlauf bringen?

Theatersehnsucht nach dem Regelbruch

Manche Regisseurinnen und Regisseure präsentieren ihre Inszenierungen in Livestreampremieren; das Bochumer Schauspielhaus etwa will in der vorletzten Aprilwoche eine »Peer Gynt« -Aufführung des Regisseurs Dušan David Pařízek live im Netz herausbringen. Zu den originellen Ideen in Pandemiezeiten gehört auch das Versenden von Virtual-Reality-Brillen, was sich etwa das Theater Augsburg und das Schauspielhaus Graz leisten. In einem Hit aus dem Augsburger Angebot, dem Zweipersonenstück »Oleanna« , lässt der Regisseur Axel Sichrovsky seine Akteure zeitweise in Gummistiefeln durch ein Hühnergehege unter freiem Himmel stapfen – und der Zuschauer steht dank zugeschickter Videobrille quasi mittendrin im Geschehen.

Unter zeitgenössischen Theaterleuten ist die Sehnsucht, den klassischen Bühnenraum zu verlassen und die sogenannte vierte Wand zum Publikum hin zu durchbrechen, schon länger weitverbreitet. Könnte es sein, dass die Zwänge der Pandemie sich mitunter sogar als hilfreich erweisen auf der Suche nach direkteren Vermittlungswegen?

Die Regisseurin Browde und ihr Mitstreiter Silverstone jedenfalls sind schon vor mehr als einem Jahrzehnt angetreten mit der Absicht, »Mauern niederzureißen und Regeln zu brechen«, wie sie es formulieren. Sie halten es sogar für ihren Job, so Abigail Browde, »das Theater neu zu erfinden«.

In ihrem Stück »Tausend Wege – Ein Telefonat« sind sie damit allenfalls an einer Zwischenstation angelangt. Es ist ein intelligentes Vergnügen, der freudianisch grundierten Schnitzeljagd zu folgen, die zugleich der Selbsterfahrung und dem flüchtigen Kennenlernen eines bis dahin unbekannten Mitmenschen dient.

Das Stück passt zur pandemiebedingten Kontaktarmut

Im Spiel aus abgerufenen Kindheitsmustern, Zählübungen und Assoziationen werden die beiden für eine Aufführungsstunde zusammengespannten Besucher unter anderem gefragt, ob sie jemals in ihrem Leben eine Waffe in der Hand gehalten haben, ob sie Autoreifen wechseln können, ob sie beten. Sie werden zur Bewusstmachung verschütteter Bilder und scheinbar selbstverständlicher Gewohnheiten animiert. Sie werden zu einem Geständnisplausch im nahezu anonymen Sprechraum eingeladen, der perfekt in die Zeit der coronabedingten Kontaktarmut passt. Und zwischendurch werden die Theaternutzer immer wieder aufgefordert, sich selbst auf einem langen, gefährlichen Marsch durch die Wüstenhitze zu imaginieren.

»Wie wirst du all das hier im Kopf zusammenfügen?«, rätselt die Stimme der Anweiserin in einem Schlüsselmoment. Die 600 Highwaymen mögen das für scharfe Theateravantgarde halten, und vermutlich stimmt das unter den aktuellen Umständen auch. Allerdings hat schon der Wiener Liedermacher und Bühnenkünstler André Heller in den Siebzigerjahren in seinem wohl größten Hit gewusst: »Die wahren Abenteuer sind im Kopf.«

Bis zum 27. April ist das Stück ausverkauft, danach gibt es aktuell hier  noch Tickets.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 50 / 65
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.