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Theater: So ein schöner Schwindel

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über Jürgen Flimms Hamburger Start mit »Peer Gynt« *
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 41/1985

Dieser merkwürdige Mensch, Ibsen, der auf Bildern aussieht, als trüge er schwer am Gewicht seines Schädels, hat in der Mitte seines Lebens das Theater einfach noch einmal erfunden. »Peer Gynt« hat die ungeschlachte Übergröße eines Erstlingswerks - dabei mußte Ibsen als Dramaturg, Regisseur, Theaterleiter und Autor eines guten halben Dutzends eigener Stücke Erfahrung genug haben, um zu wissen, daß das Theater aus Pappe ist, eine wacklige Bude.

Erst hat er sich selbst aus der provinziellen Dürftigkeit seiner Heimat Norwegen hinausgesprengt, dann hat er - in Italien oder in seinem Schädel - das Theater gesprengt. »Peer Gynt« will Gletschergebirge und Palmenhaine, ein explodierendes Schiff, Pferdegalopp, Unwetter und Schiffbruch auf stürmischer See; mal soll die Bühne so weit sein, daß sie ein gutes Stück Wüste samt der Sphinx von Gise faßt, mal so eng wie das Innere einer Holzhackerhütte; und was an Figuren um den Helden herumwimmelt, seien sie märchenhaft, allegorisch oder satirisch, ist von seltsam schillernder Wirklichkeit oder Unwirklichkeit. Bleibt als gemeinsamer Nenner, auch wenn es die wacklige Bude sprengt, daß das alles Theater ist.

»Peer Gynt«, dieser Riesenklotz, dieser ziemlich erratische Block in der Bühnenliteratur seiner Zeit (geschrieben 1867), ist eine geliebte Herausforderung an Regisseure, weil man sich dafür ein Theater erfinden muß. Als eine solche grandiose Erfindung hat die Berliner Schaubühnen-Inszenierung von 1971 Epoche gemacht, die weite, hügelige Bühnenlandschaft, auf der Peter Stein und Karl-Ernst Herrmann ein pralles, bildersattes Spektakel entfalteten - ihre Behauptung, daß die ganze Welt auf die Bühne zu kriegen sei, war so mächtig, daß sich jahrelang kein Regisseur im Land mehr an das Werk traute.

Auf der schwarzen Bühnenrückwand im Hamburger Thalia Theater ist in hellen Linien, in der Art einer Architektur-Zeichnung, der Umriß eines alten Theatergebäudes zu sehen, kaum größer als eine Scheune - doch zugleich ist es der Himmel, übersät mit magisch leuchtenden Sternen.

Das ist die Bild-Formel, auf die der Regisseur Jürgen Flimm und der Bühnenbildner Rolf Glittenberg ihren »Peer Gynt« gebracht haben: ein Kosmos und doch bloß Theater; in diesem Rahmen läßt die Bühne ihre gemalten Papp-Herrlichkeiten auffahren, die Sphinx und das Hochgebirge, den explodierenden Ozeandampfer und einen Schiffbruch im Sturm, der so schön ist, weil er so leicht erscheint, fast wie im Kasperletheater.

Spielerisch, bilderbogenartig, revuehaft: Flimms Theater will nicht Peer Gynts Riesenappetit auf Welt stillen; es hält Abstand, es setzt Gänsefüßchen, es kehrt den Grundzug der Ironie hervor, mit dem Ibsen die Fülle der Abenteuer ausbreitet. So ist bei Flimm das erste große Tableau - die Bauernhochzeit, wo der junge Raufbold Peer besoffen Krawall macht - kein saftig-deftiges Genrebild, sondern ein beinahe spukhaft choreographierter Reigen, fremd, träumerisch, eine Halluzination von Lebendigkeit. So ist die Waldhütte, die Peer, die Axt in der Hand, für seine Geliebte Solveig zimmert, ein leuchtender Bergkristall, ein Traumobjekt wie von Robert Wilson, in dem Solveig als Braut im Gletschereis jahrzehntelang auf ihren Peer wartet. Und so ist Peers Reise in die Märchenwelt der schweineartigen Trolle kein Abstieg ins dunkle Reich der animalischen Triebe, sondern ein Ausflug in die Satire:

Da tummelt sich ein Zwergenvolk mit Schweineschnäuzchen und Ringelschwänzchen, das »feine Gesellschaft« parodiert, die Prinzessin (Marina Wandruszka), neckisch grunzend, übt Spitzentanz, Peers brünstiges Werben um sie wird zum komischen Pas de deux, nicht Schwanensee, sondern Schweinesee - kein Wunder, daß sich das Mädchen mit dem lockenden Hintern einen Augenblick später in die zickige Fett-Tonne Miss Piggy verwandelt hat.

Der überlegene, spöttische Blick, der solches Kunstvergnügen schafft, ist auch Ibsens Blick, aber das abgründig Rumorende, Dämonische öffnet er nicht. Ein Theater, das sich so klug als Theater zu verstehen gibt, schafft Ausbrüche des Entsetzlichen, reale Alptraum-Momente nur mit grellem, gequältem Effekt;

wirklich wild ist Flimms Theater in keinem Augenblick. Was er liebt, am Theater, an Ibsen, an Peer Gynt, sind Traum, Gefühl, Phantasie. Wenn Lena Stolze als Solveig in tiefblauer Seide als reine Ikone der Liebe über die Bühne zu schweben scheint; oder wenn Hans Kremer, der den jungen Peer mit heller, drängender Kraft spielt, für seine sterbende Mutter (Ingrid Andree) eine Phantasiereise über die Welt unternimmt - da ist Flimm glücklich, da beginnt sein Theater zu fliegen.

Peer Gynt ist groß, weil Ibsen ihn (gegen gängige Kunstregeln) gleich exzessiv mit Zuneigung wie mit Abneigung bedacht hat: Träumer, Maulheld, Schwindler, Hochstapler des eigenen Lebens - ein grandioser Wicht, also eine Menschheitsfigur, das abendländische Individuum (Geschlecht männlich). Drei Mädchen hat der junge Draufgänger Peer ins Liebesunglück gestürzt, dann haut er ab aus dem norwegischen Heimattal, läuft vor sich selbst davon, hochgezogen von Größenphantasien, Einzigartigkeitswahn, Weltherrschaftsträumen.

Daß der zweite Teil des Stücks Peer all diese Wünsche - wenn auch zweideutigscheinhaft - erfüllt, mag Flimm nicht glauben oder ernst nehmen. Wo das Stück mühsam wird, das als Ganzes viel mehr bedeutet als in seinen Einzelteilen, macht er Tempo. Er verkürzt die gewissermaßen Karl-May-artig ausschweifende Abenteuerlichkeit zur Revue: Peer als Großkapitalist - eine gekonnt schmierige Kabarettnummer; Peer als orientalischer Prophet - ein Operettenintermezzo mit einem Schwarm gurrender Haremsdamen; Peers Kaiserkrönung - ein schriller Irrenwitz.

Da ist Theater nur noch Theater, das mit Fanfaren ironisiert, was die Bühnenmaschinerie zur Wunscherfüllung auf Stichwort anliefert, und so ist auch Christoph Bantzer (der im zweiten Teil den alternden und alten Peer spielt) anfangs nur ein witziger Conferencier seiner Rolle, kein Don Quichotte, der sich an seinen Illusionen berauscht.

In den Schlußbildern wird allen heimgezahlt, und da gewinnen Flimm und Bantzer zurück, was sie zuvor dem »Peer im Glück« nicht geben wollten: Leidenschaft, Schmerz, Gefühl. Das Theater macht keine Faxen mehr, Bantzer als Greis zwischen den Trümmern seines Größenwahns hat eine bewegende Bitterkeit, und über dem Schnee des Finales, in dem Peer und Solveig erstarren, liegt ein Schimmer von Glück.

Flimms Einstand als Intendant des Hamburger Thalia Theaters: Das schwere, sperrige Trumm von Stück, das dieser Ibsen-Schädel in die Welt gesetzt hat, kommt auf fast trügerisch leichten Füßen daher. Man muß ja nicht grimmig darauf bestehen, daß das ganze Leben ein Schwindel sei; man kann es auch schöner sagen, und so tut es Flimms Theater: Es ist eine Fata Morgana.

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