»Iphigenia« bei den Salzburger Festspielen Familienzoff mit hoher Traumadichte

»Auch Yoga wird dir nicht helfen«: In Salzburg zeigt die gefeierte junge Regisseurin Ewelina Marciniak »Iphigenia«, eine feministische Neufassung der Tragödienklassiker von Goethe und Euripides.
»Iphigenia«-Hauptdarstellerin Rosa Thormeyer, Mitspieler: Eine Meister-Klavierschülerin verstümmelt sich, indem sie sich vier Finger bricht

»Iphigenia«-Hauptdarstellerin Rosa Thormeyer, Mitspieler: Eine Meister-Klavierschülerin verstümmelt sich, indem sie sich vier Finger bricht

Foto: Krafft Angerer / Salzburger Festspiele

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Ehekrach ist eigentlich immer ein Spaßknüller im Theater, deshalb wird auch bei den Salzburger Festspielen in einer grundsätzlich finster-ernsten Premiere mit Heldenfiguren aus dem alten Griechenland einige Male herzlich gelacht. »Mein Mann stimmt der Scheidung nicht zu«, nölt die schöne, zum ordinären Vamp gestylte Helena (Lisa Marie Sommerfeld) über ihren Gatten Menelaos (Stefan Stern). Vom Bühnenboden, wo sie sich neben einem Konzertflügel räkelt, wirft sie ihm einen giftigen Blick zu und sagt: »Der Bär ist fett geworden, jetzt ist er ein Schwein.«

Die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak und die Dramatikerin Joanna Bednarczyk versuchen, die klassische Tragödie »Iphigenie« als modernen Boulevard-Reißer unter dem Titel »Iphigenia« neu zu erzählen. Die Story von der jungen Frau, die ihr eigener Vater Agamemnon aus Gründen der Staatsräson in den Opfertod schicken will, spielt in Stücken von Euripides und Johann Wolfgang von Goethe vor dem Hintergrund des Trojanischen Kriegs. Der brach, wie viele wissen, wegen des Streits um die schöne Menelaos-Gattin Helena los.

Bednarczyk zeigt nun eine Heldinnen-Opferung vor dem Hintergrund des Kampfs gegen sexuelle Missbrauchstäter. Auf der Bühne der Industriehalle auf der Pernerinsel in Hallein, dem Haupt-Theaterspielort der Salzburger Festspiele, hört man die betrübt dreinblickende, im Schulmädchenlook kostümierte Schauspielerin Rosa Thormeyer in der Rolle der jungen Iphigenie von jahrelangen brutalen Übergriffen durch ihren Onkel Menelaos berichten.

Darstellerin Christiane von Poelnitz als Mutter der Heldin in »Iphigenia«: Ballade vom brennenden Konzertflügel

Darstellerin Christiane von Poelnitz als Mutter der Heldin in »Iphigenia«: Ballade vom brennenden Konzertflügel

Foto: Krafft Angerer / Salzburger Festspiele

»Ich habe nicht die Absicht, darüber zu schweigen«, sagt sie. Aber auch: »Ich bin nur ein unreiner Fetzen.« Ihr Vater Agamemnon, der Bruder des Missbrauchstäters, möchte jeden Skandal vermeiden, weil er unbedingt als Ethikprofessor Karriere machen will. Seine Tochter, eine hochbegabte Pianistin, schmeißt dafür ihre Musikerinnenkarriere hin und bricht sich in einer leicht durchgeknallten Selbstverstümmelungsszene absichtlich der Reihe nach vier Finger ihrer rechten Hand – wozu der Vater ihr einen blau leuchtenden Eisbeutel reicht. Die »Traumadichte pro Quadratmeter«, von der im Stück mal die Rede ist, ist in dieser dysfunktionalen Griechenfamilie ziemlich hoch.

Die Regisseurin Marciniak ist 38 Jahre alt und eine eigensinnige, viel bewunderte Aufsteigerin in der deutschsprachigen Theaterwelt. Mit einer Mannheimer Inszenierung der »Jungfrau von Orleans«, die sie gemeinsam mit der Dramatikerin Bednarczyk erarbeitet hat, war sie in diesem Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Über die »Iphigenia« der beiden Theaterfrauen ist nun im Programmheft zu lesen, die Heldin sei »mit einem System konfrontiert, das (männliche) Täter schützt und eine gewisse gesellschaftliche Toleranz der Gewalt (gegenüber Frauen) zeigt«.

Die Regisseurin zeigt große Gesten und grelle Typen

Leider sprechen auch die Figuren auf der Bühne ein merkwürdiges Diskursdeutsch. »Wir sind alle nicht frei von diesem Gift«, verkündet Iphigenias Vater, der von Sebastian Zimmler als nervöser Universitäts-Karrierist dargestellte Agamemnon, über die männliche Gier und die Neigung zum sexuellen Übergriff. »Auch Yoga wird dir nicht helfen«, wird die Heldin von ihrer Mutter Klytaimnestra (Christiane von Poelnitz) belehrt, die in Bednarczyks Stücküberschreibung als Theaterdozentin arbeitet. Sie behauptet: »Große Gesten verwüsten den Menschen.«

Die Regisseurin Marciniak aber zeigt genau solch große Gesten – und scheint sich null für ihre Figuren zu interessieren, die nur als grelle Typen auftreten. Im allerersten Bild des Stücks fallen nahezu nackte Gespenstermenschen in einem Zeitlupentanz über die junge Iphigenie her, die hier auch eine ältere Doppelgängerin (gespielt von der Mutter der Darstellerin Rosa Thormeyer, die mit Vornamen Oda heißt) hat. Später sieht man einen riesig aufragenden Spiegel seitwärts wie eine Guillotine auf die Bühne niedersinken. Das Wohnzimmer der Agamemnon-Family verwandelt sich irgendwann in eine Wasserwüste. Und dann brennt auch noch der Konzertflügel. Dafür gab es am Ende eines zweieinhalb Stunden langen Theaterabends, der vom Hamburger Thalia Theater koproduziert wurde, einige Buhrufe und eher matten Applaus.

Salzburgs Theaterprogramm zeigt peinlich viel Textschwäche

Das Theater leidet erheblich unter Textschwäche bei den diesjährigen Salzburger Festspielen – freundlicher kann man es nicht sagen. Vier Produktionen hat die dort seit 2017 herrschende Schauspielleiterin Bettina Hering präsentiert. Neben der Stücküberschreibung des Klassikers »Iphigenie« durch Bednarczyk gab es auch eine angebliche Neuerfindung von Arthur Schnitzlers »Reigen« durch mehrere Autorinnen und Autoren. Das Ergebnis, von der Regisseurin Yana Ross angerichtet, sah nicht bloß aus wie eine Nummernrevue aus der Theater-Arbeitsgruppe einer gymnasialen Oberstufe, es hörte sich weitestgehend auch so an.

Als gleichfalls gruselig öden Text schätzten die meisten Kritikerinnen und Kritiker das von dem Regisseur Thorsten Lensing selbst zusammengedichtete, immerhin mit tollen Mitspielenden besetzte Sinnsucherdrama »Verrückt nach Trost« ein. Ein Fall von dramaturgisch grobschlächtiger und rücksichtsloser Stückbearbeitung war »Ingolstadt «, der Mix des Regisseurs Ivo van Hove aus zwei Stücken von Marieluise Fleißer, in dem wie bei Lensing nur die Darstellerinnen und Darsteller überzeugten.

Für die Schauspielchefin Hering, eine Schweizerin des Jahrgangs 1960, ist die Dürftigkeit des diesjährigen Salzburger Sprechtheater-Outputs offenbar kein Problem. Hering wird aktuell als Kandidatin für die Intendanz des Wiener Burgtheaters gehandelt, der stolzesten und wohl auch reichsten deutschsprachigen Sprechbühne. Im Burgtheater, derzeit von Martin Kušej regiert, war bislang nur einmal eine Frau auf dem Chefposten. Karin Bergmann hat den Job von 2014 bis 2019 gemacht.

Hering hat noch nie ein größeres Theater geleitet, sondern nur eine Weile lang eine Landesbühne in St. Pölten. Trübt das ihre Chancen auf die Burgtheater-Intendanz? Wir leben in einer Gegenwart, in der das zeitgenössische Theater sich von lange dominierenden Männern »tendenziell zu lösen versucht«, schreibt die Schriftstellerin Helene Hegemann im Programmheft zur Salzburger »Iphigenia«.

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