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Gestorben Theo Sommer, 92

aus DER SPIEGEL 35/2022
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teutopress / IMAGO

Wenn Theo Sommer einen Leitartikel für die »Zeit« verfasste, sah das manchmal so aus: Füße auf dem Schreibtisch, in der einen Hand das Mikrofon vom Diktiergerät, in der anderen ein Glas Whisky. Er trug einen dunklen Anzug und ein gestreiftes Hemd. Sein Thema: Welt­lage. Seine Leitfrage: Was kann der Westen tun? Meistens hatte er eine Antwort. Sommer wurde in Konstanz geboren, studierte Geschichte und Politische Wissenschaft und begann seine Laufbahn als Journalist bei der »Rems-Zeitung« in Schwäbisch Gmünd. Von 1973 bis 1992 war er Chefredakteur und anschließend bis 2000 Herausgeber der »Zeit«. Die Redaktion nannte ihn liebevoll Ted. Sommer hat sich auch geirrt, sein Stil war manchen zu schwülstig, aber er war einer der großen Journalisten der Bonner Republik. Seine Meinung hatte Gewicht, weil sie durchdacht war. Und Sommer hatte Grandezza, was nicht viele haben in diesem Land. Auch ein Journalist soll stilvoll angezogen sein, fand er, soll herzhaft feiern können, soll meistens gute Laune haben, soll seine Bildung ständig erweitern, soll groß denken. Nicht alles davon muss sein, aber es war immer gut, dass es einen gab, der all das lebte, verkörperte. Für jene, die ihn mochten oder verehrten, war es traurig zu erfahren, dass Sommer über Jahre Steuern hinterzogen hatte, insgesamt fast 650000 Euro. Dafür wurde er 2014 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Für die »Zeit« hat er bis zuletzt geschrieben. Theo Sommer starb am 22. August in Hamburg.

dk
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