Streit um Kolonialkunst Grüne Ministerin legt »Roadmap« zur Rückgabe von Raubkunst vor

Baden-Württembergs Kunstministerin Theresia Bauer kritisiert Deutschlands zögerlichen Umgang mit den Benin-Bronzen – und legt einen Zeitplan für die Herausgabe an Nigeria vor.
Baden-württembergische Kunstministerin Theresia Bauer: Konkurrenz für Grütters?

Baden-württembergische Kunstministerin Theresia Bauer: Konkurrenz für Grütters?

Foto: Christoph Schmidt / picture alliance / dpa

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Baden-Württemberg prescht beim Thema Kolonialkunst vor: Kunstministerin Theresia Bauer hat eine gemeinsame Erklärung für Bund, Länder und Kommunen entworfen, die den Umgang Deutschlands mit den legendären Benin-Bronzen regeln soll. Mehr als tausend der wertvollen historischen Werke aus dem einstigen Königreich Benin befinden sich in deutschen Museen, die Grünenpolitikerin fordert nun, verbindliche Ziele zur Rückführung festzulegen.

Bauer schlägt in ihrer »Roadmap« einen »zügigen und strukturierten Prozess« vor. Ihr Vorschlag, der dem SPIEGEL vorliegt: Aufarbeitung des deutschen Bestands innerhalb eines Jahres, dann gemeinsame Klärung mit den Partnern in Nigeria, welche Objekte dorthin zeitnah zurückgeführt werden sollen. Konzepte zur Umsetzung sollen bis Ende 2022 vorliegen.

Benin-Bronze im Stuttgarter Linden-Museum: Aufarbeitung innerhalb eines Jahres

Benin-Bronze im Stuttgarter Linden-Museum: Aufarbeitung innerhalb eines Jahres

Foto: Dominik Drasdow / Linden-Museum Stuttgart

Wie eine Drohung klingt dieser Satz: Komme eine einheitliche Regelung von Bund, Ländern und kommunaler Seite nicht zustande, würden Rückgaben dort erfolgen, »wo die jeweils zuständige Instanz das beschließt«. Das heißt, Baden-Württemberg würde dieser Roadmap folgen – selbst wenn der Rest des Landes nicht mitziehen sollte.

Dass es sich bei den Benin-Bronzen um koloniales Raubgut handelt, steht inzwischen außer Frage. Die Briten hatten das Königreich Benin 1897 überfallen, geplündert und anschließend viele Kunstwerke verkauft. Von den Objekten, die nach Deutschland kamen, befinden sich die meisten in Berlin. Von Herbst an soll eine große Auswahl im neuen Stadtschloss zu sehen sein. Dieser Plan droht zum Fiasko zu werden, weil die Forderungen nach Rückgabe lauter werden, auch die aus Nigeria.

»Die Zeit ist reif«

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) ist das Thema trotz vieler Bekenntnisse lange nicht ernsthaft angegangen. Und nun will Monate vor der Wahl eine andere Kulturpolitikerin die Hoheit über eine der wichtigen Debatten dieser Zeit übernehmen.

Die »Roadmap« hat Ministerin Bauer im Vorfeld einer digitalen Gesprächsrunde zum Thema Restitution entworfen, die Grütters für kommende Woche angekündigt hat. Eingeladen sind unter anderem die Leitung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Kultusministerien von vier Bundesländern sowie die Oberbürgermeisterin von Köln. Dort sind die Benin-Bronzen städtisches Eigentum. Ziel der Videokonferenz sei es, eine gemeinsame Position in Deutschland zu finden, so Grütters' Sprecher, »um dann im Dialog mit der nigerianischen Seite das weitere Vorgehen abzustimmen«.

Kulturministerin Bauer betont, es dürfe in der Runde nicht bei weiteren bloßen Bekenntnissen zur Dialogbereitschaft bleiben. Sie wirbt für die Selbstverpflichtung »mit klar definierten Schritten« und fügt hinzu: »Die Zeit ist reif.«

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