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NACHRUF Thomas Bernhard

aus DER SPIEGEL 8/1989

Die Krankheit war sein Lebenselixier. Der Morbus Boeck, der ihm seit langem in Herz und Lunge saß, rätselhaft und unheilbar, seine Krankheit zum Tode, die ihm den Atem verschlug und ihn in und an Österreich ersticken ließ, bestimmte sein Verhältnis zur Welt der Gesunden und seinen Platz im Leben. Jeder Tag, den er überlebte, war ein Schnippchen, dem Tod geschlagen, und ein Affront gegen die Gesunden, in deren Augen so einer kein Recht hatte.

Thomas Bernhard nahm sich dieses Recht, kraft seiner Künstlerschaft, und stilisierte es zum grandiosen Gestus dessen, der immer recht behält. Als überlebender Todeskandidat, dem nichts und niemand mehr etwas anhaben konnte, der dem Leben in seiner Fragwürdigkeit, Unhaltbarkeit und Absurdität feixend vis-a-vis stand, usurpierte er die Machtposition eines Allesheruntermachers. Es ging ihm um den Selbstgenuß im Verurteilungsgestus, nicht um verurteilenswürdige Inhalte - die waren beliebig austauschbar.

»Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt!« rief Thomas Bernhard 1968 jenem österreichischen Unterrichtsminister nach, der wütend und türenschmeißend, gefolgt von allen erbosten »Kunstpfründnern« den Saal verließ, weil der Dichter in seiner Dankrede zur Verleihung des Staatspreises von »schwachsinnigen Zeitaltern« und von der »Infamie und Geistesschwäche« der Österreicher gesprochen hatte.

Es war der erste Eklat in Thomas Bernhards Karriere als öffentliches Ärgernis. Alle folgenden Skandale - und es folgten viele - waren wie Kunstwerke kalkuliert: vom demonstrativen Austritt des Büchner-Preisträgers Bernhard 1979 aus der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung (inklusive brieflicher Verhöhnung »obskurer Politiker« wie Walter Scheel) bis hin zu jenem gesamtösterreichischen Medienspektakel rund um die Uraufführung seines Stückes »Heldenplatz« am Burgtheater, womit sich Bernhard im letzten Herbst endgültig als Staatsfeind Nummer eins etablierte und die Politiker und Medien als genauso schwachsinnig bloßstellte, wie er immer schon beschrieben hatte.

In der Rolle des Enfant terrible, des Nestbeschmutzers, befriedigte der uneheliche Sohn einer oberösterreichischen Hausgehilfin und Enkel des Schriftstellers Johannes Freumbichler seine Größenphantasien auf grandiose Weise. Das ungewünschte Kind, als Außenseiter geboren und vom Großvater zu Idealisierung der Einzelgängerrolle erzogen, durch die Krankheit um die Sängerlaufbahn gebracht und als Gerichtsreporter eines Salzburger Provinzblättchens zur Randerscheinung im Schreibgewerbe gestempelt, schwang sich zum bestgehaßten und berühmtesten Schriftsteller und Dramatiker seines Landes auf. Er wurde der negative Staatsdichter Österreichs. Sein Erfolg ermöglichte ihm den Milieuwechsel, verschaffte ihm den Zutritt zum Großbürgertum, dessen Lebensstil (Wohnung im Wiener Nobelviertel, Landsitz in Oberösterreich) er imitierte und dessen Borniertheiten er hämisch studierte und gnadenlos bloßstellte.

Bernhards literarische Kunstform ist die Tirade, vorzüglich die Haßtirade. Da er den Unterschied zwischen Kunstwelt und Lebenswelt in seiner Literatur aufgehoben hat, spricht aus seiner einzigartigen, süchtig machenden Bezichtigungs- und Vermaledeiungs-Suada immer, mit unverstellter Stimme und sich das Lachen verbeißend, Bernhard persönlich. »Ich hasse die Menschen, aber sie sind gleichzeitig mein einziger Lebenszweck« - dieser Satz aus »Alte Meister« kann als Bernhards literarisches Programm gelten.

Seine berühmte Misanthrophie, der Bernhardsche Markenartikel »Menschenhaß«, ist genau besehen nur gewendete Eigenliebe. Indem er sich selbst in seine allumfassende Haßliebe mit einbezog, machte er sich unangreifbar. Man hat ihn deshalb als Moralisten mißverstanden. Er war keiner. Er war ein Narziß, ein Solipsist. Was ihn aufbrachte, war nicht gerechter Zorn, aber um so mehr blinde Wut, die, ehe sie wieder verrauchte, gewaltige Wortanfälle zeitigte. Seine finsteren Texte wie »Frost« oder »Verstörung« haben die Heimat für immer verunheimlicht.

Am 12. Februar ist Thomas Bernhard in Gmunden am Morbus Boeck gestorben - drei Tage nach seinem 58. Geburtstag.

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