Samira El Ouassil

Rhetorik nach Thüringen Krachend laute Sprachlosigkeit

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Warum sprachen alle vom "Dammbruch"? Das Thüringen-Debakel entlarvte auch eine rhetorische Hilflosigkeit angesichts des Unerhörten. Dabei ist es demokratische Pflicht, die Diskurshoheit nicht der Rechten zu überlassen.
Annegret Kramp-Karrenbauer fand nicht die richtigen Worte

Annegret Kramp-Karrenbauer fand nicht die richtigen Worte

Foto: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX

Fünfundvierzig Sekunden Schweigen. So lange herrschte laut SPIEGEL betretene Stille im Präsidiumssaal , nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer am Montag ihren Rücktritt verkündet hatte.

Schon vor ihrem Abschied war nach der politischen Karambolage in Thüringen eine krachend laute Sprachlosigkeit zu vernehmen - obwohl nach Thomas Kemmerichs Wahl zum Ministerpräsidenten von vielen Seiten viel gesagt wurde. Etwas hatte sich ereignet, das so schräg und unerhört war, dass es außerhalb der semantischen Richterskala bebte: Ein rechtsextremer Geschichtslehrer hatte einen Mann ins Amt gehievt, der im Wahlkampf mit den Worten wirbt "Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat”. Es fehlte offensichtlich an Vokabular, um die Vorgänge präzise zu beschreiben und sie rhetorisch in den Griff zu bekommen.

Am symptomatischsten, aber nicht als die Einzigen, personifizierten Liberale dieses Phänomen, die mit zerknirschtem Deklarationsstil und in Form halbgeständiger Schadensbegrenzungsversuche durch Interviews und Talkshows taumelten. Kein Moment der Wahrhaftigkeit oder Klarheit, keine überzeugenden Aussagen, die den demokratischen Totalschaden adäquat beschrieben und ihn auch nur annähernd rhetorisch kuriert hätten; stattdessen nur scherbenaufkehrendes Stammeln - mit Tendenz unter den Teppich.

In der "SZ" von Mittwoch konnte man dann lesen, dass Annegret Kramp-Karrenbauer darüber erschüttert gewesen sei, dass in ihrer Sitzung mit den Thüringer Abgeordneten in Erfurt direkt nach diesem Unfall mit Ansage kein einziger CDUler die Wahl Kemmerichs als Fehler bezeichnen wollte. Und auch aus der Ferne spürte man die Erschütterung über diesen Sprechakt: Solange man keinen Fehler als Fehler bezeichnet, hat man ja auch erfolgreich keinen gemacht.

Gute Politiker verwenden eine Sprache, die auf semantisch überzeugende Art einer unübersichtlichen Wirklichkeit gerecht wird. Diese ist auch deshalb so wichtig, da wir erst dann, wenn wir gesellschaftliche Probleme richtig benennen, jene überhaupt sichtbar machen und vor allem erst dann Problemlösungen erarbeiten können.

Ein Parlamentarier ohne das richtige Vokabular ist wie ein kurzsichtiger Bogenschütze ohne Brille.

Es ist nicht nur diskursiv wichtig, die Dinge richtig zu benennen, um sie überhaupt wahrnehmen zu können, es ist auch aus rhetorischer Sicht eine demokratische Pflicht, um die Diskurshoheit wirklich nie auch nur ansatzweise unbeaufsichtigt in der Nähe der extremen Rechte spielen zu lassen.

Die Politiker, die mit ihren Kommentaren die ersten lexikalischen Bewertungen einer Situation setzen, dominieren das Bild, das wir uns fortan von einer Situation machen, besonders während einer Staatskrise: Wer zuerst spricht, bestimmt die Form der wahrgenommenen Wirklichkeit.

Umso beunruhigender ist es deshalb, wenn mutmaßlich übertölpelte Politiker angesichts parteistrategischer Unübersichtlichkeiten als "übermannt” beschrieben werden oder eine Situation, vor der sie nachweislich gewarnt wurden, als "überraschend” tituliert wird. Umso irritierender ist es, wenn ein wahrlich nicht linksextremer Kandidat als linksextrem bezeichnet wird oder wenn immer wieder von einer Spaltung gewarnt wird, die empirisch gar nicht gegeben ist - wenn nicht mal klar ist, wer oder was da gespalten worden sein soll: die Gesellschaft? Die politischen Lager? Der soziologische Tisch?

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Sehnsüchtig nach bequemen Interpretationen heften wir uns oft dankbar an das erste, plausibel erscheinende (V)erklärungsangebot, wiederholen den "Dammbruch” und die "Spaltung”, weil die unordentliche Wirklichkeit uns überfordert. Das einordnende Sprachbild oder auch die vielbemühte historische Analogie verhelfen uns zu einer analytischen Sicherheit - so lange, bis wir die halbrichtigen Metaphern für ganz und gar zutreffend halten und Begriffe irgendwann definitorisch entleert sind, wie zum Beispiel "linksextrem".

Konzeptionelle Metaphern, die unsere Begriffsbildungen möglich machen, formen laut Linguist George Lakoff unser Verständnis der Welt und bestimmen, wie wir denken und argumentieren. Deshalb ist es so fatal wie ideologisch, wenn sich Kommentatoren und Politiker aus Gewohnheit auf sprachlichen Veranschaulichungen ausruhen, obgleich diese in der Gegenwart nicht mehr vollends greifen; wenn beispielsweise auf einer Äquidistanz bestanden wird, welche unsere Gesellschaft von Rot zu Schwarz nach Braun als eine Art Teststreifen denkt; oder als Hufeisen, auch wenn dieses offensichtlich obsolet ist 

Sprachliche Rücktritte

Die Dynamik performativer Sprachlosigkeit wird natürlich auch dankbar angenommen. In einer Interviewsituation - wie zum Beispiel in der zwischen Marietta Slomka und Thomas Kemmerich - spricht der Politiker oftmals nicht als Politiker in seiner Funktion als Politiker, sondern als Experte über seine eigene Arbeit, der sein politisches Wirken für den Zuschauer kommentiert. Er ist gleichzeitig Fußballkommentator, Spieler und Spiel.

Dadurch steht die eigene Sprache permanent im schizophrenen Konflikt mit dem medialen Ritual des parteipolitischen Kommentierens des eigenen Handelns. Es entsteht zwangsläufig "Bullshit”, wie es der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt bezeichnete, wenn Handlungen durch Sprechakte simuliert werden.

Selbst die Rücktrittserklärungen der vergangenen Tage wirkten wie eine Berichterstattung über die eigene politische Performance, alle sprachen in der Rolle von sich selbst Entfremdeter. Es sind Momente, die wir auch häufiger in Tilo Jungs "Jung & Naiv”-Aufzeichnungen der Bundespressekonferenz wahrnehmen, wenn wir bemerken, dass die Sprechenden dort gerne mehr oder etwas anderes sagen würden als sie sagen können und dabei ihre Körperspannung in einem "Mehr-kann-ich-Ihnen-leider-dazu-nicht-sagen” erstarrt.

Performative Sprachlosigkeit manifestiert sich in letzter Konsequenz im Rücktritt. Es ist der Punkt endgültiger kommunikativer Dissonanz auf allen Seiten, in der es einfach nichts mehr zu sagen gibt. Wer wie Annegret Kramp-Karrenbauer leider zu oft nicht die richtigen Worte finden konnte, um das politische Geschehen zu kommentieren, - ob auf einer Karnevalsbühne oder als Expertin für Meinungsäußerungsregulierung im Internet -, wird sie vermutlich auch nicht in dem Moment gefunden haben, in dem sich die Thüringer CDUler über ihre innerprogrammatischen Ideologie-Konflikte klar werden sollten.

Ihr Rücktritt ist nicht nur Reaktion auf Thüringen, sondern auch Endpunkt einer Entwicklung mangelnden Rückhalts und einer zu lange andauernden Sprachlosigkeit innerhalb der CDU, die sich kurioserweise nicht mit sich selbst darüber einig werden kann, ob sie sich zu den demokratischen Konkurrenten auf der linken Seite genauso weit weg wähnt wie zu den Nazis auf ihrer rechten. Eben weil auch hier eine Bezeichnung wie "linker Rand” nicht mehr abbildet, was eigentlich beschrieben werden soll.

Diese Sprachlosigkeit destabilisiert die Demokratie, vor allem wenn sie gerade politisch durch eine im Cheatmodus agierende, extreme Rechte gehackt wird. Politische Akteure dürfen aus vermeintlicher Naivität oder Opportunismus kein kommunikatives Wortfindungsstottern entstehen lassen, in der populistische Aussagen Resonanzräume erhalten.

Heute und nach Thüringen ist jetzt mehr denn je Aufgabe der Liberalen und Konservativen, ihre Stimme wiederzufinden und die Demokratie, die sie verkörpern und schützen müssen - vor allem vor Rechts – laut, klar, und aufrichtig zu stärken. Durch rhetorisches Rückgrat.

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