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SCHIZOPHRENIE Tick mit Trick

aus DER SPIEGEL 41/1966

Eine Säge trennt den Schädel des Patienten auf. Drinnen kreisen, deutlich sichtbar für die Ärzte, blaue Scheiben und gelbe Räder.

Nach dem tickenden Hirn wird das tiefrote Herz geöffnet. Der Inhalt - ein weißes Büchlein mit dem Titel »Souvenirs« - landet auf dem Müll, der Operierte in einem schwarzen Käfig.

Derart absonderliche Szenen, bilderbuchbunt mit der Trickkamera aufgenommen, sind Teile eines 14-Minuten -Films, der in dem seltsamsten Cinema -Studio der Welt entstanden ist - hinter der Mauer der Psychiatrischen Klinik der Universität Lausanne.

Ein Nachspann nennt die Mitwirkenden: zwanzig schizophrene Eidgenossen und als Statisten »einige Krankenschwestern«.

Anfang 1963, als der geschlossenen Anstalt am Genfer See eine »Forschungsabteilung für bildnerischen Ausdruck« angegliedert wurde und der leitende Arzt Christian Muller, um schizophrene Vorstellungen zu studieren, seinen Psycho-Patienten eine Filmkamera übergab, glaubte er, »daß sich die Kranken einfach gegenseitig filmen würden«.

Doch der Irrenarzt irrte: Die geistesgestörten Lichtbildner, erdachten Drehbücher, studierten Rollen und kurbelten, schnitten und vertonten Spielfilme. In Hannovers »Filmgalerie«-Club wurden die Streifen am vorletzten Wochenende erstmals (und vorläufig einmalig) vor zahlenden Deutschen (eine bis drei Mark) gezeigt. Sie ließen die »Hannoversche Allgemeine Zeitung« - erkennen, »wie nah Genie und Wahnsinn oft beieinanderliegen«.

Bevorzugtes Thema der Mad Movies aus Lausanne: die Sex-Sorgen und Gitter-Komplexe der gestörten Internierten. »Die Filme«, sagt der Lausanner Nervenarzt und Studio-Betreuer Dr. Alfred Bader, »spiegeln das tägliche Leben im Innern eines psychiatrischen Krankenhauses wider.«

Im Klinik-Garten, zwischen einer Einhorn-Plastik, Springbrunnen und seifenblasenumsegelten Rosenrabatten, beginnt der Film »Der Dichter und das Einhorn": »Mit kleinen, traurigen Schritten« - so die lyrische Erklärung - kommt der bärtige Poet ("seine Seele

ist sehr krank") in die Anstalt. Seine Habe, bunte Vögel aus Holz ("meine Träume"), wird ihm von einer Schwester weggenommen.

Da verwandelt sich der Spiel- in einen Trick- und Tickfilm: Rohe Riesenarme greifen nach dem Dichter, Spritzen dringen in ihn ein und Gitter umschließen ihn. In einem grellbunten Kaleidoskop wirbeln Symbol-Chiffren durcheinander: gestreifte Katzen und Doppelbetten, brennende Pin-up-girls und Elefanten, sinkende Schiffe und Kruzifixe.

Zum Schluß ziehen die Anstalts-Ärzte aus in einen Krieg, und ein schwarzer Wirbelwind rafft sie dahin. Der Dichter verläßt hoch zu Roß die Klinik; dem Abschiedsgeschenk der Pflegerinnen, einer in einem Vogelbauer eingesperrten Taube, schenkt er die Freiheit.

Reales und Irr-Reales, schwarz weißer Spielfilm und bewegte Farbmontagen mischen sich auch in »Bonjour mon oeil« ("Guten Tag, mein Auge"). Mitten im banalen Anstalts-Alltag leuchten schillernde Träume und kunterbunte Hirngespinste auf. Die Krankenschwester wird zur Zofe, die Patientin zur Monarchin, und aus der Ferne winkt Englands Königin Elizabeth.

Durch alle Szenen schleicht eine graue, heimtückische Katze. Schizophrenie -Forscher Bader: »Dieses allgegenwärtige Tier soll wohl unseren Direktor symbolisieren.«

Den Wert seiner Kino-Klinik sieht Bader in den psychotherapeutischen Erfolgen: Die Schizophrenen, die im Filmstudio ihre latenten Talente entdecken, gewinnen Zuversicht und schließen sich, vom Teamwork begeistert, nicht länger von der Außenwelt ab.

Auch positive Wirkungen auf Nicht -Kranke verspricht sich Bader von den wirren Werken: »Das Publikum sieht, daß auch hinter der zerfahrensten Verrücktheit ein Mensch steht, dem es die Hand reichen muß.« Die Geisteskrankheit kann der Normale - so Bader »besser verstehen«.

Der dritte Film, an dem derzeit ein Kranken-Kollektiv in Lausanne arbeitet, soll gleichfalls um Verständnis in der Außenwelt werben, »deren Vorurteile oft die Resozialisierung geheilter Geisteskranker sehr erschweren« (Bader).

Die Patienten wollen diesmal eine Persiflage drehen. Thema: die Witze über Psychiater und Verrückte.

Schizophrenen-Film »Bonjour mon oeil": Englands Königin winkt aus der Ferne

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