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Popmusik Tippelbruder im Geiste

Der geniale Stadtstreicher Louis Hardin alias Moondog feiert nun, 75jährig, in Deutschland sein Comeback als Popstar.
aus DER SPIEGEL 11/1992

Wer in Oer-Erkenschwick lebt, gilt in New York als tot. So erging es Louis Hardin alias Moondog, Nachfahre des texanischen Revolverhelden John Wesley Hardin, exzentrischer Selfmade-Wikinger und Komponist. Als Moondog Mitte der siebziger Jahre seinen Wohnsitz von der Sixth Avenue ins Ruhrgebiet verlegte, hielten die Kolumnisten der New Yorker Zeitungen ihr jahrzehntelanges Hätschelkind für verstorben.

Als der Totgeglaubte 1989 zu mehreren Konzerten nach Manhattan zurückkehrte, traten die Journalisten mit alten Fotos zum Interview an, um sicherzustellen, daß man nicht einem nachgemachten Louis Hardin auf den Leim ginge.

Doch Moondog war echt, sein Auftritt der Höhepunkt des 10. New Music America Festivals und der Beginn eines Comebacks für den Gründervater der Minimal Music: Nach CD-Ausgaben älterer Platten und der Mitwirkung bei Popsänger Stephan Eichers vorletztem Album ist soeben »Elpmas« (Kopf Records/TIS) erschienen, Moondogs erste Veröffentlichung seit 15 Jahren.

Kosmische Gesetzmäßigkeiten, die Vorzüge des Reitens oder das Columbus-Jahr - vielleicht naiv, aber auch mit einem Hauch von Altersweisheit kommen die elf Kompositionen auf »Elpmas« daher, digital zusammengeklaubte Idiosynkrasien eines wildbewegten Lebens, streng kontrapunktisch aufgebaut und in eine gefällige Form zwischen Folksong und Minimal Music gebracht, die Moondog als »Triple Canon« bezeichnet.

So einzigartig die Orchesterstücke, Orgelwerke und Madrigale des rauschebärtigen Greises, 75, klingen, so einzigartig ist auch seine Lebensgeschichte.

Der Sohn eines Missionars musizierte das erste Mal auf dem Schoß des Indianerhäuptlings Yellow Calf: Der Sioux ließ Klein-Louis die große Sonnentanztrommel schlagen.

Doch die eigentliche musikalische Ausbildung begann erst auf der Blindenschule in Iowa, auf die Louis Hardin nach einem Unfall mit einer Sprengkapsel überwechseln mußte. Er wurde in Harmonielehre, Orgel und Violine unterrichtet und verschlang, was es in Blindenschrift über Musiktheorie zu lesen gab. Zurück auf der Farm des Vaters, begann Louis Hardin zu komponieren - ohne Instrument, aus dem Kopf alles in Braille notierend.

1943 beschloß der blinde Hinterwäldlerjunge, daß sein Platz als Komponist nur in New York sein könne. Er ließ sich Bart und Haare wachsen, legte eine Mönchskutte an und brachte sich mit Modellstehen an der Kunstakademie durch. Artur Rodzinski, Dirigent der New Yorker Philharmoniker, meinte Jesus begegnet zu sein, als er Moondog vor der Carnegie Hall das erste Mal sah.

Rodzinski verschaffte ihm Zutritt zur Juilliard School of Music und gestattete dem seltsamen Heiligen, seinen Proben beizuwohnen: »Die Orchestermusiker haben für meine Zimmermiete Geld gesammelt.« Toscanini, der junge Bernstein und selbst Charlie Parker wurden auf den exzentrisch gekleideten Komponisten aufmerksam und zeigten sich beeindruckt von seinen Arbeiten.

Anfang der fünfziger Jahre entstanden erste Plattenaufnahmen von Hardin, der sich inzwischen Moondog nannte und auf dem besten Weg war, ein Maskottchen der New Yorker Musikschickeria zu werden. Da er aber partout seine Army-Decken und Kutten nicht ablegen wollte, sondern mit einem Speer und einem Wikingerhelm sein Äußeres noch vervollkommnete, ließen ihn seine berühmten Freunde bald wieder fallen. Den Stammplatz auf der Straße hatte Moondog wieder.

1954 gewann Hardin einen 100 000-Dollar-Rechtsstreit gegen Alan Freed, den mutmaßlichen Erfinder des Terminus Rock'n'Roll, der unbefugt das Markenzeichen Moondog in seinen Shows verwenden wollte. Allerdings soll der Richter nur gnädig gegen den langhaarigen Wikinger gewesen sein, weil er einen Anruf von Igor Strawinski erhielt: »Bedenken Sie, der Mann ist ein ernst zu nehmender Komponist!«

Sängerin Julie Andrews nahm eine Platte mit Moondog auf; er erschien bei Talkshows und las seine Gedichte zusammen mit Allen Ginsberg. Nur seine Braille-Kompositionen wollte kein ernsthaftes Orchester zur Aufführung bringen. Dafür entdeckten die Hippies einen Bruder im Geiste. Insect Trust und Janis Joplin nahmen Moondog-Songs auf. »Sie haben die Lieder abgemurkst«, kommentierte er deren Bemühungen. Dafür erklärten ihn die Anfang der sechziger Jahre noch nicht arrivierten Minimalisten wie Reich, Glass oder Riley zum »leader of the pack«.

1969 war es soweit: CBS ermöglichte Moondog eine erste Session unter professionellen Bedingungen. Zusammen mit Jazz-Größen wie Hubert Laws und Ron Carter entstanden jazzinspirierte Minisymphonien, die inzwischen immerhin 40 000mal verkauft wurden.

Nach zwei Radio-Konzerten in Frankfurt kehrte er nicht mehr nach New York zurück, weil ihn die zunehmende Gewalt und die Allgegenwart der harten Drogen auf den Straßen Manhattans abstießen. Lieber tippelte er ein Jahr lang durch die Innenstädte von Hamburg und Hannover, trommelschlagend, Gedichte verkaufend. So traf ihn in Gelsenkirchen die damalige Geologiestudentin Ilona Göbel - und hielt ihn für einen Verrückten.

Als sie wenig später eine Moondog-Platte hörte, holte sie den Mann mit dem Wikingerhelm von der Straße und quartierte ihn bei ihren Eltern ein. Seither arbeitet Ilona Göbel nur noch in Sachen Moondog - als »meine Augen«, als Managerin und Musikverlegerin, die Louis Hardin wieder zu Rollkragenpullovern und braunen Cordhosen bekehrt hat. Von den Amerikanern abgeschrieben, veröffentlichte Moondog drei Platten in Deutschland, komponierte über 50 noch unveröffentlichte Symphonien und einen neunstündigen Kanon für 1000 Stimmen.

Auf »Elpmas« setzt Moondog erstmals Sample-Technologien ein - ein weiter Weg vom Schoß des Indianerhäuptlings zur computergestützten Aufnahmetechnik. Und wenn, wie geplant, in Tokio das ihm gewidmete Moondog-Building von dem französischen Designer-Star Phillipe Starck gebaut wird, dann hat der blinde Junge aus Kansas tatsächlich den Himmel berührt. o

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