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GESELLSCHAFT / UMGANGSFORMEN Titel verbeten

aus DER SPIEGEL 15/1969

Abbau überflüssiger Autorität« war das Motto. Doch gerüttelt wurde nicht am kapitalistischen Gesellschaftssystem, sondern nur an höfischen Gesellschaftsformen.

Deutschlands Tanz- und Anstandslehrer, die sich in der vergangenen Woche zum »Internationalen Tanzlehrer-Kongreß 69« in Stuttgart trafen, wollen künftig nicht nur neue Tanzschritte, sondern auch neue Benimm-Regeln lehren weil die alten oft immer noch »Mechanismen der Unterordnung« sind, wie der Berliner Pädagogik-Professor Dr. Wolfgang Müller herausfand.

Müller ist Mitglied eines 30köpfigen »Fachausschusses für Umgangsformen«, den die 700 bundesdeutschen Tanzschulen, die dem »Allgemeinen Deutschen Tanzlehrer Verband, (ADTV) angehören, vor 13 Jahren gegründet haben und der »Kniggerat« genannt wird. Er tagt mehrmals im Jahr und finanziert sich durch den Verkauf von Broschüren, in denen er Reformvorschläge zum Thema »Höflichkeit heute« oder »Höflichkeit am Arbeitsplatz« veröffentlicht.

Kniggerats-Mitglied Müller wäre von den Neuerungen selbst betroffen, würden sie eingeführt. Denn eine seiner Forderungen ist: »Der Anspruch auf ständige Anrede mit dem Titel entfällt.«

Statt dessen empfiehlt er den »anglo-amerikanischen Brauch«, auf Titel, die eine Position (Generaldirektor, Studienrat), Funktion (Pfarrer, Lehrer) oder akademische Qualifikation (Doktor, Diplom-Ingenieur) bezeichnen, bei der Anrede zu verzichten und sie beim Vorstellen erst nach dem Familiennamen zu nennen. Professor Dr. Müller selber möchte so vorgestellt werden: »Herr Wolfgang Müller, Professor für Sozialpädagogik in Berlin, Doktor der Philosophie.«

Dadurch soll »das durch Titel gekennzeichnete soziale Gefälle, ein Relikt der höfischen Epoche«, wie das Kölner Kniggerats-Mitglied Hans-Georg Schnitzer erläutert, abgebaut werden. Außerdem »prägt sich der Gesprächspartner dann den Namen besser ein«.

Wohlerzogene Herren, die weiterhin aufstehen, wenn eine Dame eine Tischrunde verläßt oder wieder zu ihr zurückkehrt, finden ebenfalls nicht mehr den Beifall aller deutschen Anstandslehrer -- allenfalls ihren Spott und Tadel.

Denn der Hamburger Gerd Hädrich, Präsident des ADTV, findet, daß solche »Stehaufmännchen« ausgesprochen unhöflich sind: »Sie müssen doch dauernd das Gespräch mit ihrer Tischnachbarin unterbrechen und sie dadurch brüskieren. Der anderen Dame kann man seine Ehrerbietung auch anders zeigen.«

Überhaupt sollen in Zukunft alle Regeln des guten Tons auf praktischen Überlegungen basieren. Während sich die pensionierte Legationsrätin Erica Pappritz auch in der neuesten Auflage ihres »Etikette«-Buchs beispielsweise noch über die »barbarische« Unsitte entrüstet, Kartoffeln mit dem Messer zu schneiden, urteilen die Kniggeräte »bei aller Verehrung für die unwahrscheinlichen Leistungen von Frau Pappritz« -- so Schnitzer heute toleranter: »Früher wurde diese Regel mit der oxydierenden Messerklinge begründet' die bei den geschnittenen Kartoffeln einen ätzenden, süßlichen Geschmack zurückließ.« Wer heute noch Kartoffeln mit der Gabel zerteile, beweise nicht mehr Anstand und gute Sitte, sondern nur noch guten Geschmack: »Die Kartoffeln haben dann eine rauhe Oberfläche und nehmen die Sauce besser auf.

Neuerdings dürfen Herren ihre Jacken ablegen, wenn es ihnen in einem Raum zu heiß geworden ist. Und Damen dürfen sich in einem überfüllten Lokal zu einem Herrn an den Tisch setzen und dort ihre Lippen nachziehen.

Sie dürfen mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzen -- allerdings nicht im Freien rauchen. Und auch Telephon-Anrufe während der TV-Tagesschau-Zeit sind verpönt.

Über so altbürgerliche Bräuche wie den Handkuß denken moderne Tanzlehrer ebenso kritisch wie opportunistisch. Der Hamburger ADTV-Schatzmeister Alfred Bartels lehrt ihn »nur noch bei Bedarf«, erklärt aber zugleich, daß er dann appliziert werden soll, wenn sieh »jüngere Leute älteren Herrschaften anpassen wollen

Weil »alles unsinnig« ist, »was das Leben erschwert und nicht logisch ist«, will ADTV-Präsident Hädrich auch den sittenstrengen Brauch abschaffen, daß eine Dame hinter dem Herrn eine Treppe hinaufzusteigen hat.

Im Zeitalter des Mini-Rocks ist der Mann »zwar noch immer nicht gegen den Anblick eines hübschen Frauenbeins gefeit«, meint Hädrich, »aber es ist doch wichtiger, daß er die Dame auffangen kann, wenn sie auf der Treppe strauchelt«. Hädrichs weitere Einsicht: »Wenn eine Dame Strumpfhosen trägt, kann eigentlich nichts passieren.«

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