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TOD MACHT REIF

aus DER SPIEGEL 39/1968

Mit Tränen in den Augen flehte im Hamburger Pressehaus der fünfzehnjährige Jungforscher Franz Ziegler, man möge ihm doch, bitte, glauben, daß er kein Schwindler sei. Er habe Alexander, seiner weißen Maus, tatsächlich ein anderes Mauseherz eingepflanzt.

Soll er recht haben, der Junge! Soll er tatsächlich »nach der Methode Cooley-Barnard« dem Mäuslein das Herz ausgetauscht haben!

Aber weiß der junge Mäuse-Bastelmann, worauf er sich da eingelassen hat? Weiß er, was ihm bevorsteht, wenn er zu Barnard-Ehren gelangt? Ist er so schlecht über Barnards Leiden an der Presse informiert, daß er sich sogar freiwillig in ein Pressehaus begibt? Hier ist wohl Nachhilfe bitter nötig.

Denn wer die Barnard-Karriere einschlagen will, der tut gut, auf Privatleben zu verzichten, besser -er legt ein Keuschheitsgelübde ab, am besten -- er operiert sich selbst jenen Teil ab, der ihn von der Enthaltsamkeit abhalten könnte. Der Zutritt zu Nachtlokalen jedenfalls ist verboten. »Bild am Sonntag": »Seine »Abenteuer« mit Sexbomben und Filmsternchen in europäischen Nachtlokalen passen nicht zu dem Bild eines ernsthaften Wissenschaftlers« -- der in Deutschland geschlechtslos oder zumindest eingetrocknet zu sein hat.

So »Frau im Spiegel": »In Baden-Baden durchtanzte und durchzechte Dr. Barnard eine ganze Nacht ... Kann ein Patient einem Arzt, der sein Leben zur Schau macht, so vertrauen, wie er gerade einem Herzchirurgen vertrauen müßte?« Und selbst das nüchterne »Handelsblatt« verglich Barnard mit einer »Filmdiva« und fragte besorgt, ob er »nicht eine falsche Straße eingeschlagen« habe, weil er sich .- was offenbar nur Industrie-Kapitäne dürfen -- bei einem italienischen Modeschneider Anzüge anfertigen ließ.

All das mag vielleicht noch zu ertragen sein. Ein dickeres Fell braucht man schon, wenn es aus dem Schweizer Blätterwald philosophisch tönt. Angefangen von der »Weltwoche«, die versichert, »daß der Tod kein zufälliges Ereignis ist«, und mit Rilkes Sprüchen ("Herr, gib jedem seinen eigenen Tod") gegen lebensrettende Herzverpflanzungen ankämpft. Und vollendet von Europas alter Zeitungs-Tante, der »Neuen Zürcher«, die Barnards Herzverpflanzungen als »rationale Hybris« bekämpft. die gegen den »Sinn des Todes als Vollendung des Lebens« verstößt. Und die allen vor dem Sarg geretteten Herzpatienten zu bedenken gibt, daß man »auf dieser Flucht vor dem Ende zentraler Reifungserlebnisse verlustig geht«.

Und wie wollte unser Jungforscher die Gewaltkur überstehen, die »Neue Welt«, das Millionenblatt für Deutschlands dümmste Leser, Barnard verabreichte. Der Herzchirurg hatte den Fehler gemacht, eine für das Soraya-Blatt aus der WAZ-Verlagsgruppe lebenswichtige Frage ("Rettet Prof. Barnard den Schah?") nicht durch die rettende Tat zu beantworten. Obwohl »Neue Welt« mehrfach die unmittelbar bevorstehende Nierentransplantation beim Perserkönig ankündigte

Nicht der Schah, der sich standhaft weigerte, nierenkrank zu werden, sondern Barnard mußte das bitter büßen. Barnard erscheint seither nahezu jede Woche auf der ersten »Neue Welt«-Seite als Entrüstungs-Objekt für die Leser. Zur immer wiederholten Routine gehört dabei sein »skandalumwittertes Auftreten« («... verzückt schaute er zu, wie unmoralische Mädchen sich auf der Bühne unzüchtig entkleideten und schamlos darboten ... Ein ernsthafter Arzt tut so etwas nicht!").

»Neue Welt«-Titelzeilen fragten: »Ist Prof. Barnard (44) ein mehrfacher Mörder?« Forderten: »Gefängnis für Prof. Barnard!« Und rechneten: »Was verdient Prof. Barnard pro Herz?« Erklärte Prof. Barnard in einem Interview, man werde eines Tages auch Gehirne verpflanzen, aber: »Ich glaube nicht, daß ich selbst eine Gehirntransplantation durchführen werde« -- dann machte »Neue Welt« daraus: »Ich glaube, daß ich selbst eine Gehirntransplantation durchführen werde.« Dazu die seitenfüllende Schlagzeile »Prof. Barnard verpflanzt Gehirn!« Anfang August schließlich wußte diese »Wochenzeitung für eine heile Welt« ähnlich exklusiv seinen Lesern die »Ungeheuerlichkeit« zu verkaufen: »Prof. Barnard will sogar Köpfe verpflanzen!«

Solche publizistischen Gewaltkuren mag vielleicht Herzchirurg Barnard im fernen Südafrika überleben. Wie aber der jugendliche Mäusechirurg in Deutschland das alles überstehen will, hat er sicherlich nicht bedacht.

Darum, lieber Jungforscher, ein guter Rat: Sei vernünftig, gegen Journalisten bist du wehrlos, also gib Alexander mit dem Zweitherz Rattengift, verscharr das Mäuschen irgendwo in einer dunklen Ecke und bestreite, daß du jemals auch nur das kleinste Mauseherz übertragen hast. Dann wirst du ein friedliches Leben führen.

Otto Köhler
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