Offener Brief Kameraleute stellen Ultimatum wegen echter Waffen an Filmsets

Immer mehr Filmschaffende fordern ein Umdenken, was den Einsatz von echten Schusswaffen an Drehorten betrifft, das sei zu gefährlich. Namhafte Kameraleute sagen nun: Ohne uns.
Kamerafrau Halyna Hutchins kam bei der Tragödie am Set von »Rust« ums Leben

Kamerafrau Halyna Hutchins kam bei der Tragödie am Set von »Rust« ums Leben

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Jack Caswell / AP / picture alliance / dpa

Nach dem tödlichen Schuss von Schauspieler Alec Baldwin bei einem Dreh mehren sich in Hollywood die Rufe nach einem Verbot von Schusswaffen an Filmsets. In einem offenen Brief haben nun auch zahlreiche Kameraleute der Forderung angeschlossen. Das berichtet der Branchendienst Variety.com, der am Dienstag vier anhängende Seiten voller Unterschriften veröffentlichte .

Demnach bezeichnen die Verfasserinnen und Verfasser des Briefs den Tod von Kamerafrau Halyna Hutchins als »sinnlos, fahrlässig und vermeidbar«. Sie fordern Gewerkschaften, Produzenten und Gesetzgeberinnen zu sofortigem Handeln auf und kündigen an, »nicht mehr wissentlich an Projekten zu arbeiten, bei denen funktionsfähige Schusswaffen verwendet werden«. Man wolle nicht darauf warten, dass sich die Branche ändert: »Wir haben die Pflicht, selbst Veränderungen in der Branche herbeizuführen.«

Zu den mehr als 200 Unterzeichnenden gehören Rachel Morrison (»Mudbound«), Ed Lachman (»Carol«) und Stephen Lighthill, Präsident der American Society of Cinematographers.

Petition mit mehr als 100.000 Unterschriften

Der Brief kommt rund eine Woche, nachdem Regisseur Bandar Albuliwi eine Petition  auf der Website change.org veröffentlicht hatte, die ebenfalls ein Schusswaffenverbot und bessere Arbeitsbedingungen für Filmteams fordert. Darin heißt es, es gebe »keine Entschuldigung dafür, dass so etwas im 21. Jahrhundert passiert«. Außerdem ruft Albuliwi, der wie Hutchins an dem renommierten American Film Institute Conservatory studierte, Baldwin auf, seinen Status und Einfluss in Hollywood für das Verbot echter Waffen zu nutzen. Die Petition hat bis dato mehr als 100.000 Unterschriften gesammelt.

Nach dem Vorfall am Set hatte Regieassistent David Halls gegenüber der Polizei eingeräumt, nicht alle Kugeln in der Trommel des Colts überprüft zu haben, bevor er ihn Baldwin überreichte. Dies tat er laut einem Polizeibericht mit den Worten »Cold Gun« – ein Hinweis darauf, dass die Waffe nicht geladen war. Halls wusste nach Angaben der Polizei nicht, dass in der Waffe scharfe Munition war. Zuvor war bekannt geworden, dass Halls bereits 2019 wegen eines Schusswaffenunfalls aus einer Filmproduktion entlassen wurde.

Es ist weiter unklar, wie scharfe Munition in den Colt gelangen konnte. Am Filmset stellte die Polizei 500 Patronen sicher, eine »Mischung« aus Platzpatronen, Patronenattrappen und vermutlich auch scharfen Patronen.

Bislang gibt es in dem Fall weder Festnahmen noch Anklagen.

In Deutschland sind die Regeln für den Gebrauch von Requisitenwaffen an Drehorten anders gelagert als in den USA. »Überwiegend werden Waffen eingesetzt, in die gar keine scharfe Munition geladen werden kann«, sagte Waffentechniker Pitt Rotter dem SPIEGEL .

Waffen, bei denen nur Platzpatronen verwendet werden können, werden hierzulande mit sogenannten Beschusszeichen gekennzeichnet. »In den USA gibt es dieses Beschusszeichen nach meinen Informationen nicht«, so Rotter weiter. »Außerdem sind dort allgemein viel mehr Waffen im alltäglichen Umlauf, was den Umgang mit ihnen am Set auch deutlich gefährlicher macht – es kann viel leichter zu Verwechslungen kommen.«