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PERFORMANCE-KUNST Tödlich feminin

Die Performance-Künstlerin Colette verabschiedet sich von Berlin und zieht sich hinter ihr Werk zurück. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Der Stoff, aus dem ihre Träume sind, ist Fallschirmseide. Meterweise hat sie sich damit umwölkt, hat ihn drapiert, gerüscht, gefältelt und mit der Heftpistole an alle glatten Flächen genagelt. Als ewiger Wasserfall bedeckt er Wände und Schränke, als gebauschtes Firmament verhüllt er Zimmerdecken, als besänftigender Schleier überzieht er Tische, Stühle, Gitarrenkörper, Badewannen.

Und er schmückt, im Verein mit anderen Textilien, auch sie selber. Colette, 38, Performance-Künstlerin aus New York, hatte sich seit Anfang der siebziger Jahre zum Kunstwerk gemacht. Gehüllt in Seide und Satin, verziert mit Schleifen und enormen Tuffs aus Tüll, mit Perlenschnüren, die über den gewöhnlich blanken Busen flossen, war sie an Orten zu bewundern, die bis dahin wenig kunstvoll waren - auf den Trottoirs von Manhattan, in Schaufenstern und Nachtklubs.

Seit neuestem rotiert sie nicht mehr nur um sich selber. In der Deutschen Oper Berlin kleidete sie jetzt für Ravels »Spanische Stunde« in der Inszenierung von Knut Sommer Bühne und Sänger in ihre bekannten Faltenwürfe. Der Premierenapplaus spendete der Ausstatterin eine Extra-Salve, denn ihr Rüschen-Rausch kam der federleichten Komödie um eine fremdgängerische Uhrmachersfrau karikierend-sinnlich zu Hilfe. Colette zu der Geschichte um die liebestolle Concepcion, ihren gehörnten Ehemann und drei, einander mattsetzende Verehrer: »Das Stück handelt von nichts anderem als Sex.«

Mit ihrer ersten Opernausstattung und einer Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein mit Bildern und Skulpturen verabschiedete sich die textilverarbeitende Künstlerin vorläufig von Berlin, wohin sie vom Deutschen Akademischen Austauschdienst eingeladen worden war. Eigens für das Jahr in Berlin hatte die wandelbare Colette eine neue Person in sich entdeckt. Das deutsche Ambiente inspirierte sie zu einer Performance in einem Nachtklub mit dem Titel »Mata

Hari and The Stolen Potatoes«. Seit sie die Kartoffel als urdeutsch für sich entdeckt hat, taucht die in allen ihren Werken auf - sie trägt sie sogar, als Tribut an die Gastgeber, in vergoldeter Plastikausführung am Gürtel. Zur Zeit arbeitet Colette mit Berliner Musikern an einer Schallplatte und dem dazugehörigen Videoclip, Thema: das Essen von Kartoffeln.

Colette, die sich so multimedial tummelt, wurde 1947 in Tunis geboren. Der Vater war Architekt; die Familie lebte ein paar Jahre in Nizza, als Teenager kam die schon damals eifrig malende Colette schließlich nach New York. Anfang der siebziger Jahre verlegte sie sich auf »Street works« - Pflasterbemalungen mit ihren »persönlichen Hieroglyphen«, einer Art visueller Sprache, die an arabische Schriftzüge erinnerte.

Als kleines Mädchen hatte sie sich Räume geschaffen, zu denen niemand Zutritt hatte; später präsentierte sie sich als Femme fatale öffentlich »schlafend« auf den Gehsteigen des New Yorker Künstlerviertels SoHo in einer mit blauem Satin ausgeschlagenen Box, umgeben von persönlichen Dingen. Ihr eigenes Apartment verwandelte sie in eine phantasiebeflügelnde Grotte, eine uterusartige Höhle der Sensualität.

Erotisch und »erzfeminin« hat ein Kritiker ihre Kunst genannt - es stört sie nicht. In der übertreibenden Verwendung aller als weiblich geltenden Attribute will sie feminine Rollenklischees karikieren.

Bald schon waren Colettes Aktionen ein Hit unter New Yorks sensationsgierigem Kunstpublikum. Das Museum of Modern Art ließ sie 1977 in seinen Räumen agieren. Als ihre Ideen sich in der Kaufhaus-Mode und im Design widerzuspiegeln begannen, entschloß sie sich zu einem dramatischen Schritt: Weil sich die Werke bereits toter Künstler gemeinhin besonders gut vermarkten lassen, »starb« Colette 1978 in einer Performance der Dependance vom Whitney Museum öffentlich einen gladiolenumrankten Tod.

Als »Justine« stand sie wieder auf, ihres Zeichens Präsidentin der »Colette is Dead Co.«, die fortan die Betreuung des künstlerischen Nachlasses besorgen sollte. In memoriam Colette schuf Justine außerdem Gebrauchsgegenstände und eine Modellkollektion für Fiorucci unter dem Etikett »Deadly Feminine Line« - Mode, zur Weiblichkeit tödlich entschlossen. Und in Umkehrung der Popart-Ideen von Andy Warhol kreierte sie die »Reverse Pop Series": Sie wollte nicht die Abbilder von Gebrauchsgegenständen zur Kunst erheben, sondern die Kunst ins tägliche Leben injizieren.

Leben als Kunst - die Formel, von Colette selber propagiert ("I'm a work of art"), klebte an ihr bald bis zum eigenen Überdruß. Nicht an ihrer Kunst, glaubte sie, waren die Leute interessiert, sondern nur noch an ihr. Das bevorstehende Jahr in Berlin bot eine willkommene Gelegenheit, einen neuen Anfang zu machen. Das »Living Environment« hat sie aus ihrem Apartment entfernt und im Lager verstaut; mehr und mehr will sie sich hinter ihre Werke flüchten, den Bewunderern ihre physische Präsenz entziehen.

Viel mehr als um Performances möchte sie sich jetzt um Bühnen- und Filmausstattungen kümmern. Der Reiz ihrer frühen Aktionen ist weg: Sie sei die erste gewesen, die Kunst in New Yorker Nachtklubs gebracht habe, nun tue es jeder.

Geschichte, so findet Colette, macht man selbst.

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