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HITZEWELLE Tödliche Stadt

Höllische Hitze brachte 1500 Griechen um. Der vielen Leichen wurde Athen nicht Herr. *
aus DER SPIEGEL 32/1987

Die heißen Luftmassen wehten aus der Wüste Sahara nach Norden. Sie blieben tagelang über Städten und Badebuchten an den Küsten des Mittelmeeres hängen und machten den Sommer zur Hölle.

In Griechenland stieg die Tempratur auf 46 Grad im Schatten, eine solche Rekordmarke war seit 30 Jahren nicht erreicht worden: 1500 Menschen starben an den Folgen der Hitze, die meisten davon in Athen und in der »Attischen Sahara« so die Athener Zeitung »Ta Nea«. »Vergleichsweise mehr Tote als im Krieg«, fand ein anderes Blatt.

Böse brannte die Sonne auch auf Zypern: 44 Grad in der Hauptstadt Nikosia, 19 Tote. Im Süden Israels wurde eine Temperatur von 45 Grad gemessen, im Südosten der Türkei gar 50 Grad.

Um die ausländischen Urlaubsgäste nicht abzuschrecken, hielten die türkischen Behörden die Zahl der Opfer tagelang geheim. Sie gaben immerhin an, daß mindestens 60 Menschen, die erhitzt im Wasser Erfrischung suchten, im Mittelmeer ertranken. Zunehmender Trinkwassermangel führte zu örtlicher Typhus-Erkrankungen.

Aber auch im italienischen Kalabrien, an Jugoslawiens Adriaküste in Albanien und Bulgarien wüteten tagelang Temperaturen von über 40 Grad.

Am schlimmsten aber traf es Griechenland, dessen selbstgefällige, ineffiziente Bürokratie mit Notlagen besonders schlecht fertig wird. Zehn Tage lang fiel die Temperatur nicht unter 40 Grad Die Zahl der Todesfälle in Krankenhäusern stieg auf das Dreifache, drei Viertel der 1246 Menschen, die allein in den staatlichen Krankenhäusern Athens und der Provinz verstarben, erlagen direkt oder indirekt der Hitze - nicht nur Alte sondern auch Frühgeborene, Säuglinge Kleinkinder und junge Menschen.

Die meisten der Opfer starben in Athen. Die dichtbesiedelte Hauptstadt die nur zwei Prozent ihrer Fläche für Grünanlagen übrig hat, in der aber rund vier Millionen Menschen leben, wurde zur Todesfalle vor allem für Alte, Herz-Kreislauf- und Lungenkranke.

In der »unmenschlichen und tödlichen Zementstadt Athen« (so Gesundheitsminister Georgios Mangakis) tat der in den Sommermonaten fast permanente Smog ein übriges, machte das Verweilen in der Kapitale unerträglich.

In etlichen Stadtbezirken stockte die Wasserversorgung, da die Reinigungsanlagen der Wasserwerke dem um 50 Prozent gestiegenen Verbrauch nicht gewachsen waren. Selbst der Verkehrsbetrieb litt unter der Hitze: Die Bahn Athen-Piräus mußte vorübergehend pausieren, weil sich stellenweise die Gleise verbogen hatten.

Notarzt- und Krankenwagen hatten Mühe, den Hilferufen Hitzegeschädigter nachzukommen. Tausende Athener wurden erschöpft oder bewußtlos in die Erste-Hilfe-Stationen und Krankenhäuser eingeliefert, für viele war es zu spät. Dabei, so mußte Minister Mangakis zugeben, hätte man Dutzende noch retten

können, wenn die Krankenhäuser klimatisiert wären.

Eltern mit ihren Kindern flohen zu Tausenden an die Küste, auf die Inseln oder in die kühleren Gebirgsgegenden - und ließen alte Familienmitglieder in der überhitzten Hauptstadt zurück. Viele wurden meist erst nach Tagen tot und im Zustand fortgeschrittener Verwesung aufgefunden.

Noch schwieriger, als in der Glut zu überleben, war es, die Folgen des Hitzetodes zu beseitigen. Die Bediensteten der sieben Friedhöfe von Groß-Athen mußten ihr Wochenende unterbrechen und Sonderschichten einlegen. Die Totengräber arbeiteten pausenlos von fünf Uhr früh bis Sonnenuntergang.

Der unerwartete Arbeitsanfall zwang die Friedhofsverwaltungen, mit Baggern Massengräber auszuheben. Dennoch drang Leichengeruch in die Wohnungen, die in der Nähe der Friedhöfe lagen. Ganze Familien flüchteten aus der Umgebung.

Da die Kühlräume der Friedhöfe überfüllt waren, mußten Leichen in privaten Kühlanlagen gelagert werden, selbst in Kühlwaggons der Eisenbahn, die sonst Kulinarisches aufnehmen. Vorigen Dienstag lagen in Krankenhäusern und auf Friedhöfen noch 291 unbeerdigte Hitzetote.

Nicht mal in dieser traurigen Lage vergaßen die Politiker ihren Kampf für das Wohlergehen der Nation und gegen den türkischen Erbfeind. Gesundheitsminister Mangakis warnte die Zeitungen, das Ausmaß der »Naturkatastrophe« so zu schildern, als sei die Situation in Griechenland schlimmer als in der Türkei.

Denn das könne ausländische Reisebüros veranlassen, für Reisen in die Türkei stärker zu werben als für Griechenland-Besuche.

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