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SELBSTMORD Tödliches Zickzack

Ein sechsteiliges Fernsehspiel im ZDF zeichnet das letzte Lebensjahr eines jugendlichen Selbstmörders nach.
aus DER SPIEGEL 3/1981

Ein »sonniger, junger Mann«, sagt voller Sarkasmus Schulleiter Ollrich, nachdem ihm Claus Wagner aus Protest gegen die »Disziplinierung über Noten« das Kursheft auf den Schreibtisch geknallt hat. »Aber das legt sich noch«, prophezeit er und behält recht.

Ein knappes Jahr später ist Claus Wagner tot. Er hat sich vor einen Zug geworfen.

Bergung und »Beschlagnahme« der Leiche, Spurensuche und Motivforschung der Polizei bilden die Eröffnungssequenz einer sechsteiligen Fernseh-Serie, die das ZDF für vier Millionen Mark Produktionskosten hat herstellen lassen. Vom 18. Januar an, jeden Sonntag von 20.15 bis 21.15 Uhr, soll das Psycho-Puzzle gesendet werden: »Tod eines Schülers«, die (fiktive) Geschichte des Darmstädter Abiturienten Claus Wagner, dem der Freitod letzter Ausweg ist aus der »verbogenen Optik« der Erwachsenenwelt.

Das erprobte Team Robert Stromberger (Drehbuch) und Claus Peter Witt (Regie), bekannt durch Fernsehserien wie »PS« und »Die Unverbesserlichen«, wollte keine hessische Kleinstadttragödie, sondern einen exemplarischen Fall inszenieren. »Wer ist schuldig geworden«, lautet leitmotivisch die Frage, wie sie der Pfarrer, vor dem Sarg stehend, zu Beginn jeder TV-Folge formuliert, »an Claus Wagner?«

In sechs Film-Stunden wird dessen letztes Lebensjahr nicht Stück an Stück, sondern -- fernsehdramaturgische Neuheit -- Perspektive für Perspektive nacherzählt. Alle Beteiligten -- Eltern, Lehrer, Mitschüler und Freundin -- liefern ihre Sicht des Geschehens, liefern Mosaiksteinchen, die sich der ZDF-Zuschauer zur Antwort zusammenpuzzeln kann. Auch den Regisseur Witt reizte die Möglichkeit, ein und denselben Vorgang »zweimal darstellen zu können«, einmal aus der Perspektive der Eltern, dann aus der des Sohnes, mit gleichbleibendem Drehbuchtext, aber wechselnder Kamera-Optik.

Die Schuldfrage soll die »Lokomotive unter Dampf« (ZDF-Redakteur Siegfried Braun) und die Zuschauer bei der Stange halten, denn die Handlung bietet spätestens nach der dritten Folge nichts Neues mehr.

Begabt, ehrgeizig und sympathisch marschiert Claus Wagner auf Abitur und Medizinstudium los, erkennt aber nach schulpolitischem Engagement: Kritik zahlt sich nicht aus, höchstens in schlechten Noten.

Die Eltern, Wirtsehepaar und »Scheißpragmatiker« (in den Augen des Sohnes), sind entsetzt, als Claus daraufhin die Schule verläßt, zur Freundin zieht und das alternative Leben »ohne Rückgratverkrümmung« probt.

Sein Durchhaltevermögen schwindet jedoch von Job zu Job. Die Liebe zur blondmähnigen Inge hält auch nicht, was sie versprach. Claus meldet sich auf ein anderes Gymnasium um, kehrt zu den Eltern ("Wir sind unbequem, aber preiswert") zurück und ist fortan nur noch Streber, der verbissen und isoliert für das NC-gerechte Reifezeugnis paukt.

Als er die entscheidende Deutsch-Klausur am Thema vorbeischreibt, ist sein Ziel verfehlt, sieht er »keine Alternative« mehr. Der Lokführer, der ihn überfährt: »Herrgott noch mal -- 26 Jahre is nix passiert. Un so en Bub!«

Claus Wagner, auf Zickzackkurs zwischen Auflehnung und Anpassung, erscheint als wehrloses Opfer der Verhältnisse, seine Mit- und Gegenspieler agieren als deren Handlanger. S.157

In der Schule, dargestellt als Zerrbild der Leistungsgesellschaft, läßt Autor Stromberger Darmstädter Schüler wie ausgebuffte Manager um Zehntelpunkte kämpfen, nichts als die spätere Karriere im Sinn. Schuld an Claus Wagners Weg in den Selbstmord, so legt die im Dokumentarstil gefilmte Serie nahe, sind die Auslesemechanismen der erfolgsorientierten Gesellschaft: Kurssystem und Numerus clausus.

Nach Meinung Strombergers ist es denn auch kein Zufall, daß die Selbstmordrate bei männlichen Jugendlichen um bis zu zwei Drittel höher liegt als bei gleichaltrigen Mädchen. Nach gängigem Rollenverständnis, so meint der Autor in einem Dokumentationsband zum Fernsehfilm,

( Robert Stromberger: »Tod eines ) ( Schülers«. Wilhelm Goldmann Verlag, ) ( München; 192 Seiten; 7,80 Mark. )

sei eben für Männer der Erfolg im Beruf unausweichliches Lebensziel; hingegen könnten Mädchen immer noch »Erfüllung in einer Ehe« finden.

S.156Till Topf als Claus Wagner und Ute Christensen als Freundin IngeReitz.*S.157Robert Stromberger: »Tod eines Schülers«. Wilhelm Goldmann Verlag,München; 192 Seiten; 7,80 Mark.*

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