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WERBUNG Ton vom Karton

aus DER SPIEGEL 44/1965

Von einem Werbemuster für Fußbodenbelag erklingt eine Rossini -Ouvertüre. Aus einem Heilmittelprospekt kommen Atemgeräusche kranker Säuglinge. Aus Propagandabroschüren hallen Politikerreden.

Mit derlei Schallträgern - papierdünnen Folien oder Kartons - propagieren Industriefirmen und Handelsunternehmen ihre Produkte, klären Parteien über ihre Leistungen auf.

Die Firma »Sunlicht« ließ den einer Dvoràk-Melodie nachempfundenen »Sunil-Swing« in zwei Millionen Waschmittelpackungen pressen; die Autofabrik DKW wirbt mit Offenbachs »Cancan« und Zweitaktknattern; das Züricher Warenhaus »Jelmoli« empfiehlt bei Chopin -Klang einen Mallorca-Aufenthalt.

Die SPD ließ 100 000 mal ihren Wahlschlager »Einmal muß man es probieren« verbreiten, und die FDP unterlegte eine »Dokumentation ihres Erfolgs« mit Mozarts »Kleiner Nachtmusik«. Die IG Metall verschickte 20 000 Schallfolien mit dem von Kenneth Spencer gesungenen US-Gewerkschaftslied »Solidarity for ever«.

Erfunden und als »neuer Zweig der Werbewirtschaft« propagiert wurde diese akustische Werbung vom Oberhausener Großindustriellen-Sohn Max Meier -Maletz, 38. Er hatte in Amerika die »enorme Werbewirksamkeit von gesprochenem Wort und Musik« (Meier -Maletz) kennengelernt.

Nach seiner Rückkehr aus den USA ließ er von den Firmen »Dynamit Nobel« und »Kalle« eine billige, extrem dünne Kunststoff-Folie entwickeln, die als Tonträger taugt. Seine erste bespielte Folie führte der Erfinder dann 1955 auf der Düsseldorfer Kunststoffmesse vor. Es war ein tönender Kunststoffprospekt - technisch den bekannten, dem Maletz-Produkt ähnlichen Tonpostkarten überlegen.

Doch Meier-Maletz erstrebte Vollkommenheit. So erfand er die »Beschallung« - ein Verfahren, bei dem zwei Arbeiten auf einmal vollbracht werden: Während ein Automat auf Papier oder Karton Folienscheiben kleistert, werden schon die Tonrillen eingegraben.

Als neueste Werbeform will der Ton-Ingenieur jetzt die tönende Zeitungsanzeige kreieren. Die Illustrierten »Stern«, »Quick« und »Twen« beabsichtigen, solche Annoncen zu bringen, die Bundespost aber verweigert noch, wie Meier-Maletz sagt, die Beförderung beschallten Zeitschriftenpapiers ("unerlaubte Beilage"). Aus der neuen Hamburger Teenagerpost »OK« des Heinrich Bauer Verlags erschallt indes in Kürze Beatmusik im redaktionellen Teil. Daß die goldene Schallplatte auf dem SPIEGEL -Titelblatt Nummer 40/1963 ("Das Kartell der Schlagermacher") nicht bespielt war, kränkte den Tonkünstler sehr. Beschaller Meier-Maletz: »Zur Verbesserung und Rationalisierung meines Verfahrens habe ich seit 1953 ungefähr 30 Patente angemeldet.« Mittlerweile haben sich Firmen aus 25 Ländern um Lizenzen beworben.

Dank seines Rationalisierungseifers kostet eine der 0,1 Millimeter dünnen Folienplatten, die in Millionenauflagen von der Krefelder Firma »Scherpe« gepreßt werden, nur noch 14 Pfennig. Beschallungen auf Papier oder Karton werden schon zum Stückpreis von zehn Pfennig gehandelt. Meier-Maletz: »Meine Platten sind so billig, weil ich nur lizenzfreie Musik verwende.«

Tatsächlich wirbt Meier-Maletz nur mit Tönen von Komponisten, die seit mindestens 50 Jahren tot sind. Für deren Musik kann die Gema - das Inkasso-Institut der Tonsetzer - keine Gebühren mehr erheben.

Doch dem Düsseldorfer Werbephonetiker sind die Platten noch nicht billig genug. So experimentiert er seit einigen Wochen an einer Fünf-Pfennig-Wegwerfplatte. Mit diesem Endprodukt soll

- wenn es nach Meier-Maletz geht der nächste Wahlkampf geführt werden.

Um den Politikern jetzt schon darzutun, wie wirksam ein Volk beschallt werden kann, hält Meier-Maletz eine Werbeplatte für Werbeplatten bereit. Von einer Folie schreit Joseph Goebbels: »Wollt ihr den totalen Krieg?«

Werbefolie von Sunlicht

Swingmusik und Zweitaktknattern

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