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SCHRIFTSTELLER Tonlose Provinz

Hannelies Taschau: »Landfriede«. Benziger Verlag, Köln; 248 Seiten; 28,80 Mark
aus DER SPIEGEL 21/1978

Wenn die Schriftstellerin Hannelies Taschau ein neues Buch veröffentlicht, dann liegen nicht beim Verlag schon Tausende von Vorbestellungen, und es hocken nicht Wochen vorher die literarischen Großwildjäger an ihren Angelplätzen, nervös, wann denn der Butt nun endlich anbeißt.

Hannelies Taschau schreibt, von der Bestseller- und Büchner-Preis-Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, seit nun bald 20 Jahren regelmäßig ihre Gedichte, Hörspiele und Erzählungen. Lauter unprätentiös-wortkarge Texte, die sich durch einen fast schon irritierenden Mangel an verbaler Eitelkeit auszeichnen.

Statt die Wirklichkeit an einschüchternde Wortgewalt auszuliefern, bleibt sie mit ihren spröden. im Gestus von Abc-Fibeln daherkommenden Sätzen immer auf der Höhe ihrer mühsamen Figuren, die sich -- Frauen etwa -- nicht mal eben im forschen Parolendeutsch emanzipieren. sondern sich schleppend, aber unbeirrbar auf sich selber zubewegen.

Für jene Literaturkritiker, die im Grand-Hotel der Dichtkunst zu tafeln pflegen und Schriftsteller für ihre Oberkellner halten, die gefälligst das Gewünschte und nicht eigenmächtig statt Hummer etwa Linsensuppe zu bringen haben, für diese beamteten Kenner, die Literatur nicht lesen, sondern durchsehen wie die Arbeit eines Examenskandidaten. ist Hannelies Taschau der Rede nicht wert.

So teilte denn auch Marcel Reich-Ranicki, die deutsche Oberverwaltungsbehörde für Literatur, über ihren ersten, 1967 erschienenen Roman lediglich mit, auf Seite 98 habe er »endgültig auf die weitere Lektüre ... verzichtet«. Taschau, setzen! Die aber blieb schon deshalb stehen, weil sie bis heute nicht weiß, »was ich außer Schreiben sonst noch machen könnte«.

Inzwischen haben sich die Erwartungen an Literatur derart verändert, daß gerade eine dem Banalen und Alltäglichen nachforschende Autorin wie Hannelies Taschau plötzlich Aufmerksamkeit erregt. Als jetzt ihr zweiter Roman »Landfriede« erschien, zeigten jedenfalls -- von der »FAZ« bis zum WDR, der das Buch verfilmen will -- die Medien ein erstaunlich geschossenes Interesse für diese ohne intellektuelle Allüren und literarische Attitüden arbeitende Außenseiterin

Mit der Tonlosigkeit eines naturwissenschaftlichen Vortrags berichtet Hannelies Taschau in »Landfriede« vom hieb- und stichfesten Leben in der Provinz, das bis in die Gespräche, bis in die familiären Sitzordnungen, Gesten und Tapetenmuster geregelt und bereinigt ist ein für allemal.

Da wirkt selbst noch die Landschaft mit Nutzwegen und Freizeitwert wie eine zu Demonstrationszwecken eingerichtete Musterschau von »Schöner Wohnen": »Die Dächer sind rot, die Felder sind dunkelgrün, die Weiden sind heligrün, die Knöpfe der elektrischen Weidezäune sind gelb.«

Von Anfang an buchstabiert Anne, die weibliche, gerade 20 Jahre alte Hauptfigur des Romans, an dieser fix und fertigen Welt mit klammen Augen herum.

Ihrem Freund Schrager zuliebe, der hier im Münsterländischen eine Lehrerstelle bekommen hat, war sie aus dem Kohlenpott mit aufs Land gezogen. Jetzt nach dem Einzug in die von der Gemeinde gestellte Lehrerwohnung versteht sie die Welt nicht mehr.

»Plötzlich, von einem Tag auf den andern, muß man morgens nicht mehr aus dem Haus ... Man macht das Frühstück. Man wird gerufen und muß hingehen, weil man ja Zeit hat, der andere aber nicht. Auf einmal kann man verantwortlich gemacht werden: Rohrzucker ist nicht gekauft. Knabbel* ist nicht eingeweicht.«

Wenn Annes anfänglich mehr irritierte als rebellische Verwunderung über die selbstvergessene Mechanik, mit der sie »gedankenlos das Waschbecken reinigt« oder nachgießt, sobald »seine Tasse leer ist«, wenn ihre abwe-

* Getrocknete Graubrotbrocken

sende Fürsorglichkeit langsam zur Verweigerung sich steigert und sie schließlich aus dieser Statisten-Existenz flüchtet, dann hat dennoch weder ein Strindbergsches Ehedrama stattgefunden, noch ist ein feministischer Endsieg exemplarisch errungen worden.

Wie überhaupt Hannelies Taschau in ihrem Buch nichts beweist und nichts zu den Akten gesicherter Parteigänger-Weisheit legt. So ist denn auch Annes Freund Schrager keine patriarchalische Geißel, sondern ein fast sympathisch phantasieloser Lebens-Techniker, der immer weiß, was Vernunft und gesunder Menschenverstand gebieten.

Besorgt zählt er die Zigarettenkippen in Annes Aschenbecher nach; im Namen der Gesundheit wacht er darüber, daß sie ihre Medikamente nimmt; er liest die Wünsche, die er hat, von ihren Augen ab, und die Wünsche, die sie hat, erfüllt er mit drohendem Verständnis, daß ihr die Lust vergeht.

Dieser Schrager, Ende 20, ist einer jener »neuen« Männer. die wirklich nur das Beste für ihre Frauen wollen und sich dadurch das gute Gewissen erwerben zu bestimmen: »Was gut ist für mich, ist auch gut für dich.«

Dem hat Anne weite; nichts als den Widerstand einer Wahrnehmung entgegenzusetzen, in deren Optik gerade die selbstverständlichen, von einer wie am Schnürchen funktionierenden Vernunft bestimmten Verhaltensweisen nicht mehr selbstverständlich erscheinen, einfach dadurch, daß sie überhaupt eigens vermerkt werden.

»Schrager packt das neue Bücherregal aus, er legt sich achtundzwanzig Bretter zurecht, die Seite mit dem Aufdruck »unten' nach unten.«

Und auf dieselbe Weise läßt Hannelies Taschau den auswendigen kleinstädtischen Lebensstil, den Schrager erbötig kopiert, an ihrer mit eingezogener Bauchdecke zuschauenden Protagonistin auflaufen.

Während er beim obligatorischen Antrittsbesuch im Bungalow der Nachbarn gleich in den für Gäste geltenden Verhaltensvorschriften verschwindet und die Gastgeber ihrerseits planmäßig Konversation machen, registriert sie voll fröstelnder Teilnahmslosigkeit: »Es gibt Weißwein aus Weißweingläsern. Die Gläser stehen auf Untersätzen. Die Weinflasche liegt in einem Korb bereit.«

Gegen diese bis zur Leblosigkeit vorentschiedene Welt, in der alles, die Dinge ebenso wie die Empfindungen, Beziehungen und Lebensvorstellungen tatsächlich existierender Personen, seinen unverrückbaren angestammten Platz hat, gegen diese abgedichtete und abgerichtete Welt schreibt Hannelies Taschau in »Landfriede« an. Christian Schultz-Gerstein

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