Samira El Ouassil

Clemens Tönnies Too pig to fail - Anleitung zum Wurstigsein

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Wenn Sie zu den UnternehmerInnen gehören, die auch während einer Pandemie so hohe Gewinne wie möglich einfahren wollen, dann gibt es einige Regeln, die Sie unbedingt beachten sollten.
Fleischmogul Clemens Tönnies wurde von seinem Neffen kritisiert.

Fleischmogul Clemens Tönnies wurde von seinem Neffen kritisiert.

Foto: Noah Wedel/ imago images

In Zeiten einer globalen Pandemie herrscht gerade unter erfolgreichen UnternehmerInnen eine große Verunsicherung, denn je nach Größe ihres Betriebs tragen sie neben den finanziellen Risiken mehr als andere Menschen Verantwortung, nicht nur für sich selbst, sondern auch für MitarbeiterInnen und KundInnen. Dabei ist es aufgrund staatlicher Sicherheits- und Hygienevorschriften gar nicht mal so leicht, im Ausnahmezustand den maximalen Gewinn aus einem Laden zu holen – denn zumeist verhält man sich als verantwortungsbewusste/r ChefIn intuitiv ja doch oft leider korrekt. 

Sollten Sie jedoch zu den UnternehmerInnen gehören, die aus einer Pandemie mit möglichst hohem Gewinn hervorgehen wollen, dann gibt es einige Regeln, die Sie unbedingt beachten sollten. Denn erst wenn der Leiter eines Krisenstabs über Sie sagt: "Das Vertrauen, das wir in Ihre Firma setzen, ist gleich null", erst dann wissen Sie, dass Sie wirklich alles richtig gemacht haben! 

Stellen Sie sich vor, Sie sind beispielsweise Chef eines Schlachtbetriebs. Was können Sie schon vor einer Pandemie tun, um auf sie vorbereitet zu sein? 

  • Behandeln Sie Ihre Tiere schlecht. Profitieren Sie von der Möglichkeit, dass die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz nicht dagegen vorgeht, männliche Ferkel ohne Betäubung kastrieren zu lassen, dadurch sparen Sie schon mal einiges an Geld. 

  • Profitieren Sie davon, dass die Endverbraucher Fleisch möglichst günstig konsumieren wollen. Ein erwachsener Mensch in Deutschland isst im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr, das heißt, ein Mensch frisst jährlich im Grunde einen anderen - das ist Ihr Geschäftsmodell! 

  • Behandeln Sie Ihre MitarbeiterInnen schlecht, insbesondere die mit Werkverträgen. Bauen Sie Ihr milliardenschweres Fleischimperium auf einem Geflecht aus Drittunternehmern auf und pferchen Sie deren bulgarische und rumänische ArbeiterInnen in überteuerten Massenunterkünften zusammen . Hebeln Sie die Arbeitsrechte und das Anrecht auf Sozialstandards aus, denn wie jeder weiß: Lohndumping bedeutet Gewinnmaximierung. Nur die Harten grillen im Garten!

  • Behandeln Sie Ihre MitarbeiterInnen so schlecht, dass Pfarrer den Begriff "Wegwerfmenschen"  verwenden, um zu beschreiben, wie Sie mit Ihren Arbeitskräften umgehen. Denn erst wenn ein Theologe wie Peter Kossen  Ihr Anstellungsmodell mit den Worten "Menschen werden benutzt, verschlissen und dann entsorgt – wie Maschinenschrott: Wegwerfmenschen" beschreiben kann, erst durch die komplette Enthumanisierung der Human Resources, haben Sie erfolgreich das Wurst-Case-Scenario des Kapitalismus erreicht.

  • Behandeln Sie Ihre Mitarbeiter so schlecht, dass die Friedrich Ebert Stiftung Ihr Geschäftsmodell schlicht "Ausbeutung"  nennt und AktivistInnen feststellen: "Es kann nicht sein, dass Menschen im Jahr 2020 in Deutschland wie Sklaven gehalten  werden." Sklaven, pah! Nur wer dient, verdient  einen Verdienst!

  • Empfehlen Sie bei einer sich bietenden Gelegenheit, dass Afrikaner lieber Kraftwerke bauen sollten, damit sie weniger Bäume fällen und aufhören, Kinder zu produzieren. Denn das schont schließlich die Umwelt. 

  • Suchen Sie sich Freunde in der internationalen Politik und finden Sie heraus, wie diese ihr Eisbein essen. Ein Beispiel für einen sehr guten Freund: Putin !

  • Gehen Sie auf Großwildjagd in Afrika  und führen Sie den Umstand, dass Sie hierfür viele Kilometer gefahren sind, als Beleg an, dass es Ihnen wirklich um Afrika geht. Der Satz über das Fortpflanzungsverhalten des Afrikaner war gar nicht so gemeint , denn schließlich lieben Sie dieses Land. Apropos: Wenn Sie sich unbedingt für eine rassistische Aussage entschuldigen wollen (ich rate davon ab), dann entschuldigen Sie sich nur bei den Fans des Fußballvereins, dessen Aufsichtsratschef Sie sind, aber bitte auf gar keinen Fall bei den rassistisch beleidigten AfrikanerInnen. 

  • Finden Sie einen Weg, ein 128-Millionen-Euro Bußgeld nicht zahlen zu müssen, indem Sie Ihre beiden beanstandeten Unternehmen kurzerhand mit anderen Tochterunternehmen verschmelzen und aus dem Handelsregister löschen lassen. Da es die Unternehmen somit rechtlich nicht mehr gibt, kann das Kartellamt die Bußgelder auch nicht mehr eintreiben. Gratulation! Mit diesem saftigen Trick schreiben Sie Rechtsgeschichte. Aufgrund Ihrer Schweinchenschläue wird dieses Manöver fortan "Wurstlücke"  genannt. 

  • Kommen Sie mit Cum-Ex-Geschäften zu Geld, indem Sie sich Ertragsteuern erstatten lassen, die Sie vorher gar nicht abgeführt haben.

  • Setzen Sie sich gegen Steuern für den Klimaschutz ein! Aber vergessen Sie nicht, der CDU über Jahre hinweg insgesamt mindestens 150.000 Euro zu spenden – denn schaden wird Ihnen diese Ausgabe wirklich nicht (im Gegenteil!). 

Und plötzlich: die Pandemie bricht aus! 

  • Verstoßen Sie gegen bestenfalls sämtliche Maßnahmen zur Eindämmung des Virus und setzen Sie Ihre MitarbeiterInnen einem Gesundheitsrisiko aus, indem Sie diese in der Kantine zusammengedrängt sitzen lassen. 

  • Sorgen Sie durch die Arbeitsumstände dafür, dass sich möglichst viele Personen ihrer Belegschaft infizieren, sodass die Ansteckungskurve der gesamten Bevölkerung signifikant nach oben geht 

  • Pluspunkte gibt es, wenn Ihr Neffe Sie deswegen in einem offenen Brief um Ihren Rücktritt bittet und dabei gleich noch das System der Werkverträge anprangert. Das verschafft Ihrer Firma garantiert die notwendige Aufmerksamkeit, welche Sie für Politik und Gesellschaft unabdingbar macht. 

  • Bestenfalls ist dieser Brief  in weltfremd anprangerndem Ton geschrieben und enthält Sätze wie: "Dass gerade in Schlachtbetrieben die Infektionszahlen weit überdurchschnittlich hoch sind, ist ganz sicher auch dem System der Werkverträge geschuldet; es zwingt viele Arbeiterinnen und Arbeiter in unzumutbare Wohnverhältnisse, die mit einem hohen Ansteckungsrisiko verbunden sind und nur wenig Schutzmöglichkeiten bieten, wenn einmal eine Infektion auftritt." Tja, Verwandtschaft kannst du dir nicht aussuchen – Schweinehälften schon! 

  • Und unabhängig von Demokratie oder Pandemie – der wichtigste Rat: Machen Sie einfach Ihr Ding ! Egal, was die anderen sagen. Gehen Sie Ihren Weg, ob geradeaus oder schräg, das ist doch egal. Machen Sie Ihr Ding, egal was die anderen labern und was die Schwachmaten einem so raten – vor allem so Schwachmatinnen wie ich!

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