BÜCHER / NEU IN DEUTSCHLAND Torheit hinter Marmor
Sie hießen Ickelheimer, Neustadt und Schönberg und nannten sich später Isles, Newton und Belmont. Sie und die Seligmans, die Loebs, die Kahns, die Guggenheims, die Goldmans und die Schiffs bestimmten lange Zeit das New Yorker High-Society-Minimum: »französische Köche, irische Dienstmädchen, englische Butler. aber deutsche Gouvernanten«.
Diese (zumeist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Amerika eingewanderten> deutsch-jüdischen Familien begründeten mit viel Sinn für Kunst und noch mehr Genie für Kommerz einen (so Birmingham) »in sich geschlossenen und deutlich unterscheidbaren Teil der New Yorker Gesellschaft« und kamen »einer Aristokratie -- im besten Sinne des Wortes -- näher als jede andere Gesellschaftsgruppe«.
Die einzelnen Dynastien und Clans bekämpften und verschwägerten sich. bis die legendären »Einhundert« zu einem mehrtausendköpfigen Verwandtschaftsklüngel »von schwindelerregender Kompliziertheit« wurden,
Diese »jüdischen Großherzöge« waren teils reich, teils superreich: Einzelne von ihnen zahlten allein für das Rasieren 300 Dollar im Monat, ließen sich ihren Weinkeller (ebenfalls monatlich) 20 000 kosten, besoldeten zeitweilig die ganze amerikanische Kriegsmarine und finanzierten (mit lächerlichen 100 000 Dollar) die Revolution, mit der sich Panama auf Wunsch der Kanalbau-Investoren vom renitenten Kolumbien trennte.
Der als Romanautor bekannte Stephen Birmingham schildert Aufstieg und Leben dieser Nabobs insbesondere mit Blick auf ihre Affären und ihre Schrullen. Wie häufig jemand in Sonderzügen den Kontinent durchquerte und wer sich als Hobby etwa die Metropolitan Opera hielt: dem gilt des Autors stärkstes Interesse.
Als tröstliches Fazit stellt Birmingham immerhin fest. »daß hinter den Marmorfassaden Menschen lebten, die in demselben Maße zu Torheit und Größe fähig waren wie andere Menschen auch«.