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KINO Tortur de France

In seinem fulminanten Dokumentarfilm »Höllentour« zeigt der deutsche Regisseur Pepe Danquart das größte Radrennen der Welt als Leidensweg und feiert die Sportler als geschundene Helden.
aus DER SPIEGEL 24/2004

Schon vor dem Kampf wirkt der Held, als wäre er am Ende: Radrennfahrer Erik Zabel liegt auf dem Weg zum Start im Heck eines Busses, die Haut von einem Sturz aufgescheuert, sein Körper ausgemergelt wie der aufgetaute Ötzi, und studiert eine Karte mit dem Profil der Berge, die er in den nächsten Stunden bewältigen muss. »Guckt euch diese Scheiße an!«, sagt er. »Warum bin ich nicht Surfer geworden?« Dann grinst er - und nimmt die Etappe in Angriff.

Diese Szene aus Pepe Danquarts packendem Dokumentarfilm »Höllentour«, der in dieser Woche in die Kinos kommt, lässt keinen Zweifel: Die Tour de France ist ein 3400 Kilometer langer Leidensweg. Bei keiner anderen Sportart wird der menschliche Körper über einen so großen Zeitraum an die Grenzen seiner Belastbarkeit getrieben. Und zugleich zeigt der Film: Genau dieses extreme Leiden macht die Sportler süchtig.

»Höllentour« ist der aufwendigste Film, der je über die Tour gedreht wurde. Im Sommer letzten Jahres, zum 100-jährigen Jubiläum des bedeutendsten Radrennens der Welt, drehten Danquart und sein Team mit acht Kameras insgesamt über 70 Stunden Film, die der Regisseur für die Leinwand auf gut zwei Stunden verdichtet hat.

Herausgekommen ist dabei ein Werk, das dem sportlichen Wettkampf und seinen Protagonisten physisch und psychisch so nah kommt wie kein Film vor ihm, das aber auch einen präzisen Blick für das Geschehen am Rande der Strecke beweist. In sorgsam komponierten Totalen, rasanten Montagesequenzen und historischen Exkursen entfaltet sich ein einzigartiges Panorama des Großereignisses.

Bisher gab es nur wenige Kinowerke über die Tour de France, etwa die Kurzfilm-Klassiker »Vive le Tour« (1962) von Louis Malle oder »Pour un Maillot Jaune« (1965) von Claude Lelouch. Die meisten Regisseure schreckten vor der Komplexität und ständigen Dynamik der Ereignisse zurück - und vor ihrer Unvorhersehbarkeit, die jede Planung durchkreuzen kann.

Auch wacht die Amaury Sport Organisation, die alle Rechte an der Tour besitzt, streng über ihr Rennen und dessen Image. »Wer einen Film über die Tour dreht«, sagt Danquart, »versündigt sich an ihr.« Doch mit seinem Konzept, sich dem Arbeitsalltag der Sportler zu widmen und das konkrete Drama ihres Leidens ins Zentrum seines Films zu stellen, konnte er die Organisatoren überzeugen.

Vor allem sah sich der Regisseur vor die Herausforderung gestellt, für ein Ereignis, das vom Fernsehen bereits aus allen erdenklichen Perspektiven gezeigt worden ist, neue, ungewöhnliche und leinwandtaugliche Bilder zu finden. Auch Danquart wollte einen Wettkampf gewinnen: Das Kino sollte dem Fernsehen das Hinterrad zeigen. »Ich hatte total die Hosen voll, als mir klar wurde, was da auf mich zukommt«, sagt er. »Doch die Angst hat mich angespornt.«

So schickte Danquart Motorradfahrer mit Kameras ins Rennen, die den Fahrern manchmal so nah kommen, dass der Zuschauer jede Sekunde mit einer Berührung rechnet. »Es ist ein Wunder, dass bei all der Hektik und Anspannung nichts passiert ist«, erinnert sich Danquart. Doch das riskante Spiel hat sich gelohnt: Die Anstrengungen der Fahrer werden für das Publikum geradezu physisch erfahrbar.

Auch rückte Danquart den Fahrern in Momenten auf den Leib, in denen sie wohl eher ungern gefilmt werden: so beim Urinieren. »Das war eine Frage von allgemeinem Interesse«, sagt Danquart. »Wann und wo pinkeln die Fahrer?« So gab er seinem Kameramann die Anweisung: »Wenn sie pinkeln, musst du da sein.« Nun sieht man in einer kuriosen Einstellung eine ganze Reihe von Fahrern, die sich nebeneinander am Straßenrand erleichtern.

Erstaunlich tief konnte Danquart in die Privatsphäre der Sportler eindringen, in absolute Tabuzonen der Medienberichterstattung. Oft begleitet der Film Erik Zabel und Rolf Aldag, seine beiden Protagonisten, nach den Etappen auf ihr gemeinsames Hotelzimmer. Da ergänzen sich die beiden, der berlinernde Kumpeltyp Zabel und der vierschrötige Westfale Aldag, im Gespräch ebenso gut wie im Feld, und reden offen über ihre Gefühlslagen.

Einmal steigt Danquart gar mit Aldag in die Badewanne, in der sich der Sportler seine Beine rasiert, damit sich bei der täglichen, heftigen Massage der Muskeln nicht die Haarwurzeln entzünden; dann erzählt Aldag, wie er sich die schweren Etappen harmlos redet, um die Angst vor ihnen zu verlieren.

»Sicher gibt es da einige Momente im Film, die so emotional sind, dass man sie normalerweise nicht mit Fremden teilen würde«, sagt Aldag. »Doch wenn man rund um die Uhr gefilmt wird, vergisst man die Kamera irgendwann.«

Um den Fahrern so nahe zu kommen, musste Danquart vor allem ihr Vertrauen

gewinnen. Also tauchte er bei den Mannschaftstreffen auf und kam in die Trainingslager, ein Jahr lang und ohne Kamera, und erklärte, was er vorhatte. Er zeigte dem Team seinen Dokumentarfilm »Heimspiel« (2000) über den Eishockeyverein Eisbären Berlin, der aus dem Stasi-Club Dynamo entstanden ist. Bei der Tour schließlich, sagt Aldag, sei Danquart »wie ein Teammitglied« akzeptiert gewesen. Auch weil er nie gnadenlos draufhielt. »Egal, wie ich Menschen zeige«, sagt Danquart, »ich lasse ihnen immer ihre Würde.«

Trotzdem hat der Regisseur Bilder eingefangen, die im Fernsehen selten zu sehen sind, weil dessen Kameras in diesen Wettkampfphasen längst ausgeschaltet sind: Momente der totalen Erschöpfung und der Niedergeschlagenheit, etwa nach einem Einzelzeitfahren. Zabel sitzt im Heck eines Lieferwagens wie ein Häftling in einer Grünen Minna. Dieter »Eule« Ruthenberg, der Masseur, reibt ihm den Körper mit einem Lappen ab, während Zabel drauflosbrabbelt, sich all die Gedanken von der Seele quatscht, die sich bei dem monotonen Kampf gegen die Stoppuhr angesammelt haben. Zabel ist ein mäßiger Zeitfahrer, er scheint zu verzweifeln an seiner Unzulänglichkeit.

Die Sieger, auf die das Fernsehen so erpicht ist, tauchen dagegen kaum auf, nur eine Ehrung wird gezeigt: Als der Amerikaner Tyler Hamilton eine Bergetappe gewinnt, obwohl er sich bei einem frühen Sturz ein Schlüsselbein angebrochen hatte. Leid und Triumph liegen bei der Tour eng beieinander, immer schon, und solche gefühlsbeladenen Bilder hatte wohl auch schon Henri Desgrange vor Augen, als er 1903 die erste Tour veranstaltete, um im Sommerloch die Auflage seines Blattes »L'Auto« - der Vorgängerin der Sporttageszeitung »L'Equipe« - zu steigern.

Zur Geschichte des härtesten Radrennens der Welt gehört es indes auch, dass die Fahrer mit pharmazeutischen Tricks die Schmerzen lindern oder die Leistung steigern wollen. 1998 hatte der Doping-Skandal die Tour fast gesprengt, und es ist anzunehmen, dass weite Teile des Fahrerfeldes illegal ihrer Muskelkraft nachhelfen.

In »Höllentour« kommt die Problematik jedoch so gut wie gar nicht vor. »Ich bin ein filmischer Erzähler, kein investigativer Journalist«, erklärt Danquart seine Zurückhaltung gegenüber dem heiklen Thema. »Ich verschweige nichts, aber ich rede auch nichts herbei.« Allerdings räumt er ein: »Wenn ich ,Höllentour' 1998 gemacht hätte, wäre es wahrscheinlich ein Film über Doping geworden.«

Stattdessen erscheint der Sport als harter, oft unheroischer Alltag, als schiere Maloche, deren Protagonisten von romantischer Überhöhung ihres Tuns wenig halten. Die Strapazen erzählt der Film in einem beiläufigen Ton, zwischen dem Sprintstar Zabel und dem Wasserträger Aldag gibt es im Leiden keine Hierarchie mehr. Zwar werden die Fahrer heute besser bezahlt als vor hundert Jahren, als Minenarbeiter und andere Glücksritter ihr Heil im Abenteuer Radsport suchten, aber gelitten wird wie damals.

Vor allem aber vermittelt »Höllentour«, warum das Rennen so populär ist: Es kommt zu den Menschen, dorthin, wo sie leben, in »Frankreich, dem größten Stadion der Welt«, wie es der Chefarchivar von »L'Equipe« nennt, Serge Laget, ein lebhaftes Männchen inmitten von verstaubten Zeitungsbänden. Die Zuschauer am Streckenrand kommen den Athleten, die sie aus dem Fernsehen kennen und als Stars verehren, so nahe wie sonst nirgendwo, kein Sicherheitstrakt trennt sie voneinander. »Die Tour adelt den kleinen Mann«, sagt Laget.

So spiegelt Danquarts Film das Wesen der Tour auch in den Reaktionen jener Leute, die nicht auf dem Rad sitzen: Masseur Eule, ein schlichter älterer Mann mit dicker Brille, der traurig »Zabel gestürzt, das ist nicht schön« sagt, als er merkt, dass sein Schützling kurz vor dem Etappenziel auf den Asphalt geklatscht ist. Oder jene vierköpfige Familie aus Sachsen, die im Campingbus jeden Tag an der Strecke steht, die Fernsehantenne auf dem Dach neu ausrichten muss und mit der deutschen Fahne wedelt - Danquarts Team hatte die Familie erst während der Dreharbeiten entdeckt. Oder die Einwohner eines kleinen, abgelegenen Dorfes, das sich wochenlang wie eine Braut für ihren Gatten schmückt, weil die Tour durchradelt.

Und dann passiert nicht viel mehr, als dass die Menschen diesem rasenden, bunten, lärmenden Pulk wehmütig hinterherschauen - kaum hat es begonnen, ist das Ereignis schon vorübergerauscht. Aber während dieser paar Minuten geht das Dorf in die Geschichte des großen Rennens ein. LARS-OLAV BEIER, DETLEF HACKE

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