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FILM / SYBERBERG Tot im Ziel

aus DER SPIEGEL 45/1968

Auf dem Flug zum Drehort geriet der Regisseur in Panik: »Diesen Film zu machen«, erkannte Hans-Jürgen Syberberg, 32, »ist doch eigentlich heller Wahnsinn.«

Am Drehort auf Sardinien jedoch schöpfte der Jungfilmer wieder Mut: Nach sieben Wochen brachte Syberberg von der Mittelmeer-Insel seinen Spielfilm-Erstling nach Hause, der ihn nun »vollkommen zufriedenstellt« -- sogar geschäftlich.

Denn schon vor der Uraufführung ist Syberbergs Film mit dem Titel »Scarabea« in vier Ländern begehrt: Kauf-Offerten erreichten den Regisseur aus Italien, England, Österreich und der Schweiz.

Für das internationale Verleiher-Interesse hatte sich der Pommer, der in München mit einer Arbeit über Friedrich Dürrenmatt promoviert hat, als Autor erfolgreicher Dokumentarfilme qualifiziert:

Von einem Zwei-Stunden-Film über Fritz Kortners Proben zu »Kabale und Liebe« war der alte Regisseur so angenehm überrascht, daß er sich von Syberberg ein zweites Mal »bis zur Erschöpfung« (Syberberg) porträtieren ließ: Der Fernsehfilm »Fritz Kortner spricht Monologe« (1966) wurde mit zwei Bundesfilmpreisen ausgezeichnet.

Im gleichen Jahr durfte der Dokumentarist auch »Sissy« filmen. Vor Syberbergs Kamera beichtete Romy Schneider ihre Heilung von »krankhaftem Ehrgeiz« -- und verbot später die Fernseh-Vorführung des Psychogramms.

Doch Syberberg -- mittlerweile rund 100mal für das Bayerische Fernsehen zu Reportagen unterwegs -- wollte endlich als Spielfilm-Regisseur »erwachsen werden« und statt der bajuwarischen Region »einen ganzen Kosmos einfangen«.

Die Chance dazu boten dem Reporter zwei vermögende Geschäftsleute aus München und das Bundesinnenministerium, dem Syberbergs Adaption einer Tolstoi-Novelle ("Wieviel Erde

* Mit »Scarabea«-Darsteller Franz Graf Treuberg.

der Mensch braucht") 300 000 Mark Drehbuchprämie wert war,

Sehr frei nach Tolstoi wollte Syberberg die Geschichte einer makabren Wette vorführen, in die Bauern aus dem Burgenland einen bundesdeutschen Hotelier verstricken: Bei dem Versuch, alles Land zu gewinnen, das er auf einem Tagesmarsch umrunden kann, bricht er vor Erschöpfung tot im Ziel zusammen.

Der prämiierte Stoff aber, so merkte Syberberg kurz vor Drehbeginn« war nicht abendfüllend und das Burgenland nicht der rechte Schauplatz.

So verlegte Syberberg seinen Spielfilm-Kosmos nach Sardinien und bereicherte die Handlung um dokumentarisches Dekor: um ein folkloristisches Schlachtfest und um ein Fernsehteam, das nach »Sex, Crime« Violence« verlangt.

Weil im Film »heute ein nacktes Mädchen dazugehört wie ein Menuett zum Rokoko« (Syberberg), engagierte der Regisseur gegen

Gewinnbeteiligung die schon in »Candy« bewährte Italienerin Nicoletta Machiavelli, 22. Sie muß Gottfried Benn mit britischem Akzent zitieren und dem dürstenden Land Läufer als nackte Vision erscheinen. Im Traum kuriert sie ihn kurz vor seinem Zusammenbruch vom »faustischen Drang« (Syberberg) nach Besitz.

Während der Deutsche noch läuft, feiern die Sarden schon ihren Sieg. Sie schlachten Ziegen und Schweine, und immer, wenn die Metzger »nach Landessitte« wie Syberberg behauptet, zustechen, ist die Farbfilm-Kamera dabei. Syberberg ließ auch Madengewimmel im Schweinegedärm aufnehmen und schickte -- einen Insel-Brauch belebend -- seinen Faust zu sardischen Müttern, die ihn aus voller Brust mit Muttermich besprenkeln.

Derlei Horrorszenen im Stil des »Mondo«-Dokumentaristen Jacopetti brachten den Regisseur in Konflikt mit seinem angeekelten Aufnahmeteam und reizten den einstigen Ufa-Star Lil Dagover zum Protest: »Solche Greuel«, so schrieb sie, »gehören samt und sonders verboten.«

Doch darüber soll die Wiesbadener Filmselbstkontrolle Ende dieses Monats entscheiden. Syberberg, Autor dieser kunstvollen und bildmächtigen Phantasmagorie, ist allerdings schon jetzt auf das Schlimmste gefaßt,

»Grausamkeit, Aberglaube, Leidenschaft und Traum« seiner »Scarabea« will er »bis zum letzten Blutstropfen« verteidigen. Denn das »gehört«, sagt er, »einfach zu meinem Weltkosmos«.

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