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KAFKA Tote im Tresor

aus DER SPIEGEL 20/1966

Wenn das nicht echter Kafka ist«, gelobte der Wiener Musik- und Theaterverleger Friedrich Karp, »lasse ich mir mit einem Abortbesen ins Gesicht fahren.«

Die Expertise gilt einem bislang unbekannten Kafka-Drama, das demnächst in Karps »Universal Edition« erscheinen wird. Titel: »Ein Flug um die Lampe herum.« Untertitel: »Nach Skizzen und Ideen von Franz Kafka, für die Bühne bearbeitet und eingerichtet von Ludek Mandaus.«

Für die schweizerische Zeitung »Die Tat« ist die Entdeckung des angeblichen Kafka-Stückes eine der verregendsten Nachrichten der letzten Jahre«. Denn bisher war nur ein Theaterstück des Prager Dichters (1883 bis 1924) bekannt - das Nachlaß-Fragment »Der Gruft -Wächter«.

Kafka-Spätfunde sind nicht ganz ungewöhnlich. Während der tschechischen Kafka-Konferenz 1963 auf Schloß Liblice, die Kafka für Marxisten akzeptabel machte, kamen unbekannte Kafka-Briefe in die Öffentlichkeit, und 1965 entdeckte der Kafka-Nachlaßhüter Max Brod »beim Sichten alter Papiere« Ungedrucktes. Der Berliner Kafka-Forscher und Jungverleger Klaus Wagenbach fand im vergangenen Jahr den tatsächlichen Schauplatz des Romans »Das Schloß« das Dorf und Schloß Wossek südlich von Prag.

Der »Flug«-Fund indes weckt bei Kafkalogen Skepsis. Der Prager Professor und renommierteste tschechische Kafka -Forscher Eduard Goldstücker: »ich zweifle, daß Kafka wirklich dieses Stück geschrieben hat.« Und selbst der Mann, der die »Flug«-Sicherung besorgte, schwankt. Ludek Mandaus über den Kafka-Anteil an seiner Kafka-Bearbeitung: »Ich könnte 20 Prozent sagen oder 80 Prozent, ich weiß es nicht mehr.«

Der Tscheche Mandaus, 67, Bassist und Opern-Regisseur am Prager Nationaltheater und Gastregisseur in Wien ("Schwanda, der Dudelsackpfeifer"), ist die Zentralfigur der Wiederentdeckungs -Mär - er will den Text von Kafka bekommen und bis heute behütet haben.

Erste Versuche, §einen Kafka-Schatz zu heben, unternahm Mandaus bald nach der tschechischen Kafka-Hausse im Jahr 1963. Als Goldstücker vor zwei Jahren eine Kafka-Ausstellung zusammentrug, erzählte ihm Mandaus, er besitze ein Theaterstück, das Kafka im Jahre 1922 für eine jiddische Truppe geschrieben und ihm zur Übersetzung ins Jiddische überlassen habe.

Beim 1.-Mai-Marsch im vergangenen, Jahr faßte Mandaus neben dem Theaterregisseur und ehemaligen Nationaltheater-Leiter Otomar Krejca Tritt und versuchte, ihn für den »Flug« zu interessieren. Krejca winkte ab. Mandaus wandte sich an das Salzburger »Europa -Studio«-Theater, dem der Tscheche Jaroslav Langer als Dramaturg beistand.

Langer und »Europa-Studio«-Leiter Ottokar Runze erfuhren nun von Mandaus, Kafka habe das Stück für die (1911) in Prag gastierende jiddische Truppe Löwy geschrieben - Mandaus sei »dabei behilflich« gewesen.

Tatsächlich hatte Kafka, wie seine Briefe und Tagebuchnotizen belegen, engen Kontakt zur Löwy-Truppe. Sein Interesse galt vor allem der Schauspielerin Chaje Tschissik (Kafka: »Schön war Frau Tschissik gestern"). Über ein eigenes Drama schrieb Kafka aber nichts ins Tagebuch.

Mandaus' Mithilfe und die Datierung schienen Runze zweifelhaft - Mandaus hätte danach schon als 12jähriger Knabe mit Kafka kooperiert. Von Runzes Rechnung beeindruckt, kehrte Mandaus zu seiner 1922er-Version zurück, an der er jetzt festhält und mit der er auch den »Flug« dem Verleger Karp überließ.

Danach hat Mandaus, der über eine jüdische Freundin Zugang zum Kafka -Kreis hatte, 1922 aus der Hand der Kafka-Freundin Milena Jesenská ("Briefe an Milena") die zum Großteil schon dialogisierten »Flug«-Skizzen bekommen und für ein anderes jiddisches Ensemble fertigdramatisiert - für die Lemberger Truppe eines Joel Spiro.

Mandaus will das Stück selbst inszeniert haben. Kafka habe die Proben besucht; im Prager Café Louvre, in dem die Truppe gastierte, sei der »Flug«

zweimal aufgeführt worden. Mit Spiegeleffekten ähnlich der heutigen »Laterna Magica« sei ihm sogar gelungen Nackt- und Vergewaltigungsszenen darzustellen. Mandaus: »Mich hat damalE nur die Regie gereizt. Schließlich konnte ich nicht ahnen, daß 40 Jahre später alle Welt nach Kafka schreien wird.«

Kafka hatte das Jahr 1922 zum Großteil in Lungensanatorien verbracht und am Roman »Das Schloß« geschrieben. In den Selbstzeugnissen dieser Zeit ist kein Wort über Mandaus, den »Flug« noch über seinen Start zu finden.

Dennoch reflektiert das abendfüllende Stück typische Kafkaismen: so eine Atmosphäre vager Angst und Verfolgung, eine Vorliebe für Eisenbahnreisen (Kafka: »In einem Eisenbahnzug sitzen ... ein Liebling der Frauen werden"), ein gestörtes Vater-Sohn-Verhältnis - und schließlich führt auch der »Flug« in ein Schloß.

Er beginnt auf einem Bahnhof, auf dem Fliegen um eine Lampe kreisen. Pensionatstöchter bringen das jüdische Mädchen Clar zum Zug - es soll den buckligen »Rabbi M.« heiraten.

Im Coupe kopuliert sich Clar mit einem Jüngling namens Franz, während auf dem Korridor Franzens Vater und der Rabbi M. über Kunst und Glauben disputieren, zwei verkleidete Verfolger patrouillieren und aus einem Banktresor die toten Verwandten des Brautvaters treten.

Im Schloß des Brautvaters wird die Hochzeit vorbereitet, dabei zieht sich der Rabbi rituell bis auf die Unterhosen aus. Franz und sein Vater fertigen derweil Kathedralenfenster aus bunten Scherben.

Im letzten Bild steht ein dem Rabbi nachgeformtes Grabmal auf der Bühne. Es birst, aus dem Riß kriechen wieder die toten Verwandten, während Clar die Kleider ablegt und sich an den steinernen Rabbi preßt. Da stürzt das Kathedralenfenster auf die Gruppe und deckt sie zu.

Die Krone, die einem Skelett namens Naum dabei entfallen ist, rollt vor den überlebenden Franz. »Wem«, fragt Franz, »hat er sie hinterlassen?«

Mandaus' Hinterlassenschaft ließ Karp jetzt stilistisch aufbereiten und dem Hebraisten der Wiener Universität, Professor Schubert, zur »Aufklärung kabbalistischer Symbole« (Karp) vorlegen. Auf die fertige Fassung haben zwei deutsche Bühnen bereits optiert - das Düsseldorfer Schauspielhaus und das Deutsche Schauspielhaus Hamburg. »Bis spätestens 30. November«, sagt Karp, »wird Premiere sein« - zuerst in Düsseldorf,

Daß die Bühnen einen Pseudo-Kafka spielen werden, will »Die Tat« nicht glauben: »Wäre ein Fälscher am Werk, müßte er über eine derart geniale Kunstkraft und Einfühlungsgabe verfügen, daß er selbst ein Literat höchsten Ranges wäre.«

Kafka-Intimus und Nachlaß-Verwalter Max Brod dagegen hält den »Flug« für falsch. Brod zum SPIEGEL: »Nur ein Faksimile der Kafka-Handschrift könnte mich vom Gegenteil überzeugen.«

Verleger Karp: »Ein Faksimile gibt es nicht.«

Dramatiker Kafka

Flug um die Lampe

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