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Tote Tante mit toten Punkten

aus DER SPIEGEL 45/1947

Die tote Tante ist von ihrem geistreichen geistigen Vater zu neuem Leben erweckt worden. Dieser Vater ist der 59jährige Schauspieler und Theaterschriftsteller Curt Goetz; die »Tote Tante« war ein Einakter, der sich nun vierfach verlängert sieht.

Goetz, der spöttische Weise, der weise Spötter schrieb die Geschichte um die Erbschaft einer amerikanischen Tante 1924. Es handelt sich darum, daß die tote Tante, lange bevor sie tot war, mit einem Klecks auf der Moral nach Amerika verschickt wurde. Nach langen Jahren bringt sie ihren professoralen Bruder durch ihr Testament in moralingetränkte Konflikte.

Seine Tochter soll die hochvermögende tote Tante beerben falls sie bereits vor der Ehe ein Kind hat. Aus der Zwickmühle zwischen Moral und praktischem Finanzerwägungen wird der Professor befreit, als seine Tochter das Kind ihres Verlobten adoptiert.

Daraus machte Curt Goetz eine »moralische Komödie« in vier Akten mit dem erstaunlichen Titel »Das Haus in Montevideo oder die doppelt gewonnene Wette«. Das langer gewordene Stück mit dem noch länger gewordenen Titel erlebte sm Basler Küchlin-Theater seine Preminere.

Dieser er-götzliche Zweitaufguß erwies sich immer noch als an-, wenn auch nicht aufregend, obwohl zahllose Pointen darübergossen worden sind, Pointen dieser eleganten, geradezu lautlosen goetzschen Art.

Curt Goetz spielt wie in allem, was er schrieb, auch in der ehemaligen »toten Tante« die wichtigste Rolle selbst: den tyrannisch-polternden, aber doch herzensguten Professor. Neben ihm, ebenfalls wie immer, Coetzens und des Professors Gattin, treu, welterfahren und weltklug: Valerie von Martens. Dazu ein Dutzend Kinder und die übrigen Mitwirkenden des Goetzensembles.

Das Publikum amüsierte sich bis zum Exzeß über den witzigen Dialog. Es half dem neuen Vierakter über die toten Punkte, die die alte tote Tante gar nicht hatte.

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