Zur Ausgabe
Artikel 63 / 98

Kabarett Tour de Trance

Die »Münchner Lach- und Schießgesellschaft«, Deutschlands populärstes Kabarett, stellt den Betrieb ein. Endgültig?
aus DER SPIEGEL 42/1972

Wenn sie, in ihren besten Jahren, live im Fernsehen kamen, fesselten sie wie Durbridges Halstuchmörder: Leer waren die Straßen und mancher Wirt stand einsam an der Theke.

Nach 16 Jahren und 19 Programmen, versorgt mit Eigenheimen und Selbstzweifeln, streckt Deutschlands populärstes Kabarett die abgeschliffenen Waffen: Die »Münchner Lach- und Schießgesellschaft« schafft sich demnächst selber ab.

Noch einmal tingeln sie, zwei Monate lang, durchs Vaterland – die Noack und der Hildebrandt, der Scheuer, der Strietzel und der Jüssen; Sammy Drechsel, der Chef und Ideen-Scout, prescht im 200-PS-BMW dem Trupp voraus und rührt die PR-Trommel.

Noch einmal beschießen sie, im Programm »Der Abfall Bayerns«, die alten Patt- und Papp-Kameraden doch am 23. November, vier Tage nach der Wahl, ist Feierabend. Daran könnte auch ein Barzel-Kanzler nichts ändern: »Was soll mir«, klagt Hildebrandt, »zu dem Neues einfallen?«.

Die »Lach- und Schießgesellschaft« war ein Produkt der Ära Adenauer – eine linksliberale Vor-Apo gegen Restauration und Aufrüstung, ohne strenge Ideologie und umwälzende Absichten. Sie wurde die Beste ihrer Klasse, eine Bundes-Institution, die sich freilich in Frage stellte, als die wahre Apo kam.

Kabarett ist journalistisches Theater. Als im Film die Förster und auf der Bühne die Absurden umgingen, hatten Kabarettisten wenig Konkurrenz. Als aber auch in Film und Theater Polit-Gegenwart aufzog, wurde das Spielfeld kleiner; und mit dem Abtritt der CDU schwanden die beflügelnden Buhmänner.

Sechzehn Jahre immerhin, länger als die Weimarer Republik, hat die »Gesellschaft« gehalten. Sie war »von Anfang an«, sagt Hildebrandt, »ein unbewußtes Kollektiv«: Es gab keine Verträge, aber jeder hatte Mitsprache-Recht und der Gewinn wurde geteilt.

Beim Spiel im stets ausverkauften Schwabinger Stammlokal (120 Plätze) war freilich nicht viel zu gewinnen kaum 2000 Mark pro Mann und Monat. Auf Tournee hingegen kassiert jeder bis zu 1000 Mark am Abend; und Fernseh-Auftritte ließ sich die Truppe mit über 100 000 Mark bezahlen.

Kollegial und kregel hielt sie noch eine andere Passion. Die »Gesellschaft« kickt im »FC Schmiere«, dem Prominenten-Klub des DFB, und zuweilen treten sie so an: Radenkovic im Tor, Rechtsaußen Helmut Rahn. Mitte Drechsel. Linksaußen Hildebrandt.

Ober den »FC Schmiere« waren Hildebrandt und Klaus Peter Schreiner, damals noch beim Studentenkabarett »Die Namenlosen«, auch einst an den Sportreporter Drechsel geraten. Die drei blieben der Braintrust der »Gesellschaft«, und Schreiner und Hildebrandt verfaßten 90 Prozent der Texte.

Schreiner, ein schweigsamer Dialektiker, schreibt, sagt Hildebrandt, »von hinten nach vorn«, während Hildebrandt »anfängt und wartet, wie's ausgeht«. So schrieben sie sich, kalauernd und bohrend durch den Lauf der Zeit.

»Denn sie müssen nicht, was sie tun«, hieß das Eröffnungs-Programm; Klaus Havenstein, Hans Jürgen Diederich gehörten mit zum Ur-Ensemble. Programm-Titel wie »Tour de Trance« (1960), »Halt die Presse« (1963) markierten dann politischen Wandel.

»Wir werden uns schon schaffen«, hieß es schließlich; jetzt will jeder seiner Wege gehn. Hildebrandt macht eine Theater-Tournee (»Der Manager«), Schreiner, der in seinem Bayern-Dorf erfolglos als Gemeinderat kandidierte, schreibt weiter; Scheller, Chef einer Firma für Fertighaus-Vertrieb, bleibt, wie die anderen im Showbusiness.

Ist das Ende endgültig? Drechsel hat für das Schwabinger Stammlokal bis Ende 1973 Gast-Kabarettisten verpflichtet; dann aber hält er die Bühne frei. Bei erstarkender Restauration könnte sich auch die »Lach- und Schießgesellschaft« restaurieren.

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 98
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.