Rechte von trans Menschen Schluss mit der moralischen Panik!
Banner in Madrid
Foto: Europa Press News / Getty ImagesWie an manchen Stellen im deutschen Diskurs über trans Personen gesprochen wird, finde ich besorgniserregend und ehrlich gesagt: gruselig. (Im amerikanischen, wo ein Kandidat für den US-Kongress aus South Carolina öffentlich fordert, dass Eltern, die ihre trans Kinder in ihrer Geschlechtsidentität bestärkten, exekutiert werden sollten und im britischen sowieso.) Ich hätte nicht gedacht, dass in einer aufgeklärten, liberalen Gesellschaft, mit einer um Anstand bemühten Debattenkultur, eine Gruppe von Personen im Jahr 2022 derart menschenfeindlich degradiert wird.
Zwar redet man mittlerweile in Talkshows und auf sonstigen Meinungsbühnen nicht mehr nur über, sondern auch mit trans Personen – aber nicht ohne meiner Beobachtung nach drei wiederkehrende – wie auch demütigende – Momente:
Bagatellisierung
Oftmals wird angedeutet, paraphrasiert oder behauptet, dass es trans Personen ja nicht wirklich gäbe; ausschließlich das biologische Geschlecht bestimme unsere Geschlechtsidentität, die Selbstaussage eines Individuums würde da nicht zählen. Gern wird diese Ansicht um die Aussage erweitert, dass es sich dabei gerade nur um einen Trend oder Hype handle – auch mit platten »Ich identifiziere mich jetzt mal mit einem Auto«-Gags.Empörung und Warnung vor einer gefährlichen Sexualisierung
Angeblich würde das schiere Sprechen über Themen rund um trans Identitäten die Gefahr bergen, dass Kinder zu früh sexualisiert werden; gern verbunden mit der Vorstellung, dass eine geheime trans Lobby versucht, kommende Generationen in regenbogenfarbene Geschlechtsdysphorien hineinzumanipulieren. In den USA zeigt diese Angstmacherei bereits Wirkung: Eine Umfrage des Southern Poverty Law Center ergab, dass 63 Prozent der republikanischen Befragten der Aussage zustimmen, dass trans Menschen »versuchen, Kinder in ihrem Lebensstil zu indoktrinieren« .Kriminalisierung
Insbesondere in Bezug auf das Transsexuellengesetz – das nun vom Selbstbestimmungsgesetz abgelöst werden soll, um erwachsenen Menschen dabei zu helfen, mit weniger Kosten und ohne herabwürdigende Hürden ihr eingetragenes Geschlecht zu ändern – wird schnell die Sorge geäußert: Dieses Gesetz werde sicherlich von Tätern ausgenutzt, um sich Zugang zu Frauenräumen zu verschaffen, um Frauen zu belästigen und ihnen Gewalt anzutun. Safe Spaces für Frauen sind natürlich unabdingbar und Gewalt gegen Frauen durch alle Maßnahmen zu verhindern. Nur hängt diese mögliche Gewalt ja nicht mit trans Menschen zusammen, sondern eben mit kriminellen Sexualstraftätern, die zur Rechenschaft gezogen werden müssen.
Diese drei Momente erinnern fast lehrbuchartig an die moral panic, an die sogenannte »moralische Panik« in beispielsweise den Debatten der Achtzigerjahre, als die homosexuelle Community und queere Menschen für den angeblichen Sittenverfall der Welt herhalten mussten, und die raunige Behauptung eines Zusammenhangs zwischen Pädokriminalität und Homosexualität verbreitet wurde.
Moralische Panik als identitätsstiftenden Mittel
Der von dem Soziologen Stanley Cohen geprägte Ausdruck der »moralischen Panik« bezieht sich auf Situationen, in denen Verhaltensweisen oder Menschengruppen zum Ziel einer unverhältnismäßigen Empörung und moralischen Verurteilung werden; durch einen Teil der Gesellschaft, der darin eine Gefahr für die soziale Ordnung sieht. Zu den berühmten Beispielen gehört angeblich satanistische Rockmusik, die Jugendliche zu unredlichen Drogendealern und verlotterten Kriegsverweigerern mit langen Haaren verwandelt. Sogar das Spiel Pokémon GO löste vor einigen Jahren eine kleine moralische Panik der Kulturpessimisten aus. Eine gesellschaftliche Entwicklung wird über Gebühr verurteilt und als Zeichen einer kulturellen Krise diffamiert, einhergehend mit der Angst vor Dekadenz und Ruchlosigkeit. Geschlechternormen verlieren ihre Bedeutung, Kinder tragen blau und pink gleichzeitig, Minderheiten bestimmen die Diskurse, Hilfe.
Die so antagonisierte Gruppe wird dann als Symbol einer angeblichen zivilisatorischen Gefahr zu einer Outgroup stigmatisiert. So wird Transfeindlichkeit zu einem neuen tribalistischen Abgrenzungsmerkmal und die moralische Panik zu einem identitätsstiftenden Mittel der verbissenen Verteidigung eigener Kernwerte.
Diese Panik beginnt beim Negieren der Existenz von Menschen – was bei mir für eine phänomenologische Verwunderung sorgt, denn wie kann man die Existenz von Personen leugnen, wenn sie doch, nun ja, existieren, leben und atmen?
Im aktuellen Bundestag sitzen mit Tessa Ganserer und Nyke Slawik zwei trans Frauen; es gibt weitere prominente trans Personen wie die Journalistin Georgine Kellermann, den Realitystar und Model Benjamin Melzer, den Autor Linus Giese, die »GNTM«-Gewinnerin Alex Mariah Peter; oder einen international bekannten Schauspieler wie Elliot Page, die Wachowski-Schwestern und die ehemalige Athletin Caitlyn Jenner und etliche weitere Beispiele.
Teil des transfeindlichen Anschürens im Rahmen einer moralischen Panik ist das willentliche Vermengen der Kategorien Geschlecht und Sexualität, um die Geschlechtsidentität in die Nähe eines angeblich amoralischen Verhaltens rücken zu können. Dass das Gesetz »Transexuellegesetz« hieß, hat da nicht unbedingt geholfen.
Dementsprechend entstand in Deutschland, aber auch in den USA, das beliebte Narrativ, dass Kinder, die über Geschlechtsidentität aufgeklärt werden, »frühsexualisiert« werden. Da wird eine Ausgabe der »Sendung mit der Maus«, die über trans Personen aufklärt, als Indoktrination bezeichnet und in einem Atemzug mit Videos über Analgruppensex in Verbindung gebracht. Hier wird alles vermischt, Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung, Sexualverhalten, eine evozierte Idee von Promiskuität. Die Unterstellung, das Sprechen und Informieren über trans Personen, das schlichte Sichtbarmachen, erzeuge eine Art gedankliche Ansteckung, dämonisiert eine Gruppe von Menschen – die ohnehin Opfer von Hass und Diskriminierung sind – so lange, bis das trans Sein an sich eine moralische Bedrohlichkeit bekommt.
Es ist als empfinden Diskursteilnehmer offenbar die schiere Existenz von trans Personen als Angriff der Gegenwart auf ihr eigenes Sein. Wenn die eigene geschlechtliche Welt als binär und als rein biologisch definiert wahrgenommen wird, stellen trans Personen diese Konformitäten infrage. Das dadurch bewirkte Unsicherheitsgefühl, dass die eigenen Gewissheiten zur Verhandlung stehen, übersetzt sich in eine verstörende Feindseligkeit. Die gegenwärtigen bürokratischen Vorgänge erschweren trans Menschen das Leben, die Gesellschaft erschwert ihnen das Existieren, und jetzt führen wir auch noch teilweise Debatten auf dem Niveau eines betrunkenen Stammtischs nach einer Hexenverbrennung.
Trans Personen sind genauso wenig ein gesellschaftlicher Trend, wie Linkshänder ein Trend waren, als plötzlich in den Statistiken die Zahl der Linkshänder rapide anstieg. Es ist unbedingt notwendig, dass wir Gespräche darüber führen, wie das Selbstbestimmungsgesetz konkret aussehen könnte, oder wie genau auch eine Aufklärung von Kindern und Jugendlichen hinsichtlich ihrer Geschlechtsidentität; und auch das Angebot für Menschen mit Fragen zur Geschlechtsidentität muss nicht nur umfassender, sondern auch qualifizierter werden. Und natürlich muss dabei die Sicherheit von Frauen, cis Frauen und trans Frauen – also: Frauen – Priorität haben. Aber all diese Debatten müssen ohne eine heteronormative Überheblichkeit und cis Panik ablaufen, ohne die unberechtigte Angst, dass einer Mehrheitsgesellschaft etwas weggenommen werden könnte, wenn trans Menschen ein sicheres und würdevolles Leben ermöglicht wird.