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PRIMANERTEXTE Traurig ohne Gitarren

aus DER SPIEGEL 4/1966

Sag mir du willst mir helfen / und ich spucke dir ins Gesicht«, verheißt ein Jungpoet namens Peter Udelhavet vom Neusprachlichen Gymnasium in Köln -Deutz.

Eine Traute Lange von der Vincent -Lübeck-Schule in Stade höhnt lyrisch: »seht ihre armen wohlstandsmienen!/ hört ihr feiges, frömmlerisches lispeln!/ aus ihrem atem stinkt die hochkonjunktur ... /seht! eure väter!«

Vom »Tag, wenn die Bombe fällt, wenn wir den Blitz sehen«, singt ein Paul Gerhard Hübsch aus Oberursel.

Und den Vätern, dem Wohlstand wie einem künftigen Atomkrieg gilt noch manch anderer Gesang in Deutschlands neuester Anthologie. Titel des rororo -Bandes: »Primanerlyrik - Primanerprosa"*. Sein Herausgeber: Armin Schmid, 39, Frankfurter Studienrat, SPD-Mann mit Links-Neigung und Autor einer im letzten Herbst publizierten Kriegsdokumentation, »Frankfurt im Feuersturm«.

Kräftig mit-ediert hat außerdem der Lyriker ("Kunststücke") und Rowohlt-Lektor Peter Rühmkorf, 36, der gern aus purem »Mißvergnügen an der perfekten Langweiligkeit zeitgenössischer Schreibmoden« nach literarischer »Untergrundflora« forscht: Vor drei Jahren entdeckte Rühmkorf den Laienroman »6 Richtige« der Hamburger Hausfrau Bengta Bischoff (SPIEGEL 42/1963); gegenwärtig bringt er - Arbeitstitel der Analyse: »Stimmen des Volkes in Liedern« - unverfälschte Kinder- und Toilettenverse ans Tageslicht.

Auf der Suche nach weiterem Literatur-»Wildwuchs« kam Rühmkorf nun auch dem Frankfurter Gymnasiallehrer Schmid zu Hilfe. In einem Rowohlt-Rundschreiben an die deutschen Schülerzeitschriften forderte der Verlagslektor von den Jüngst-Autoren des Landes Beiträge in Vers und Prosa.

Die Post lieferte annähernd 3000 Werke dichtender Primaner- im Reinbeker Verlagshaus ab. Schmid und Rühmkorf siebten davon 152 Lyrik- und 25 Prosatexte aus- darunter die Arbeiten von vier Prosa- und 17 Lyrik-Mädchen. Jüngster Autor der Sammlung: 17; ältester: 23.

Die Primaner-Anthologie soll keineswegs, so Vorwortschreiber Rühmkorf, mit »Übergeschäftigkeit das Talent bereits auf der Schulbank abfangen«. Sie bietet vielmehr die Selbstdarstellung einer als schwierig beseufzten Generation von Spät-Teenagern und Früh -Twens, die bislang vornehmlich in Spielhallen und Twist-Schuppen erforscht wurde.

Rühmkorf: »Daß diese Jugend ... ständig expressis verbis ins Öffentliche strebt und der Erwachsenenwelt sich unbefragt erklärt, das scheint dem Bewußtsein der auf alles Schlimme gefaßten Erwachsenen bisher entgangen.«

Was - nunmehr erstmals ins Öffentliche strebt, ist unter anderem ein gutes Quantum Pubertätsnotstand mit Kitsch-Verzierung, sind, mal schnodderig, mal weltschmerz-getönt, Prosatexte über Schulzwang ("In den Pausen ist der Schüler Mensch, während er im Unterricht fast nur vegetativ existiert") sowie Verse »an gaby« und »für ute«.

Eine Autorin fleht: »Liebe mich, / wie Du Deine Zigarette liebst!- / Laß mich' brennen / und rauche mich!« Eine andere besingt »meinen mit obszönen Worten bekritzelten Tisch / dem ich im Zorn die Beine brach«.

»Ich sitze hier / bei zigaretten und bier / und weiß nicht was ich soll«, bekennt ein Frankfurter Gymnasiast, und einer aus Rheydt klagt: »Es gibt auch Traurigkeit, die wehtut. / Das ist die Traurigkeit ohne Gitarren.«

»Der Narzißmus«, erläutert Herausgeber Schmid, »scheint heute ausgeprägter als früher.« Dagegen bleibt, laut Schmid, die deutsche Mutter unbesungen, und selbst »die soziale Frage, die moderne Arbeitswelt und die Technik interessieren die jungen Autoren literarisch nicht im geringsten«.

Um so mehr interessieren Vater, Staat und beider Vergangenheit. Ein Kölner Schüler namens Albrecht Reinhardt (Titelverheißung: »Wir sprechen uns später") beschimpft seine Ahnen: »Geht mir doch weg! / Was ihr erfahren habt, / habt ihr vergessen, / und was ihr bewältigt, / vergewaltigt ihr.«

Und auch die bundesrepublikanische Gegenwart kommt schlecht weg. »Einen staat haben wir . . . / der sorgt für uns, nur manchmal - / manchmal fordert er / sogar unser leben / dann werden wir skeptisch«, dichtet Annemarie Linke aus Friedberg. Rolf Dieter Krause vom Hamburger Christianeum spottet: »Vor dem Fenster singen die Spatzen: sogenannte DDR / sogenannte Zonen / sogenannte Wirklichkeit / sogenannte Feinde / sogenannte Menschen.«

»Wohl nicht zufällig«, interpretiert Rühmkorf, »sehen wir den jungen Mann, das junge Mädchen, die die Lust an ihrem Vaterland verloren und dem Zugriff unglaubwürdiger Autorität sich entzogen haben.«

Statt dessen, meint Rühmkorf, diene etlichen Anthologie-Autoren, eine Art »Anpassungssuada als Ausdruck der Gehorsamsverweigerung«. So erbittet sich - allzu fügsam - der Hamburger Hermann Hettche: »Laßt mich mittelmäßig sein / wie all die vielen anderen / gebt mir des Durchschnittsbürgers Welt / sie ist so schön durchwandert.«

Doch auch wirklich Positives fehlt im Primanerchor nicht. So stimmt der Oberschüler Dieter Leisegang von der Frankfurter Freiherr-vom-Stein-Schule in einer »Abiturrede« unverhofften Lobgesang auf den deutschen Lehrer an: »Denn so, wie es jetzt ist, wie wir die Schule erlebt haben, ist es gut. Wir würden sachlich unterrichtet in dem, was sachlich feststellbar ist.«

Leisegangs Lehrer: Studienrat Armin Schmid, Herausgeber der Primanertexte.

*"Primanerlyrik-Primanerprosa«. Herausgegeben von Armin Schmid. Rowohlt Verlag.

Reinbek bei Hamburg; 188 Seiten: 2,20 Mark.

Lektor Rühmkorf

»Liebe mich«

Lehrer Schmid

»Rauche mich«

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