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MEDIZIN Trip vor dem Tod

Um Krebspatienten im letzten Stadium ihrer Krankheit von Schmerzen und Depressionen zu befreien, verabreichen britische und amerikanische Ärzte ihnen modische Rauschgifte: LSD und Heroin.
aus DER SPIEGEL 50/1971

Amerikanische Ärzte streiten sich über die Frage, ob sie einem Krebskranken in der Endphase seines Leidens »einfach nur die Hand halten« oder ob sie ihn auf eine psychedelische Reise schicken sollen: mit den modernen Horrordrogen Heroin und LSD.

Mitunter reichen selbst stärkste herkömmliche Rauschmittel, wie etwa Morphium und Jetrium, nicht mehr aus. Krebspatienten in diesem Stadium ihrer Krankheit Erleichterung zu verschaffen. Und »genügend Hände«, die Sterbenden und Schmerzgepeinigten zu trösten, so erläuterte Dr. Austin H. Kutscher vom Columbia Presbyterian Medical Center in New York. gebe es ohnehin nicht.

Deshalb sind nun zwei Londoner Sterbekliniken -- über eine von ihnen wurde kürzlich im deutschen Fernsehen berichtet dazu übergegangen, einigen ihrer Kranken über Wochen und Monate hinweg das derzeit gefürchtetste Rauschgift zu verabreichen: Die Patienten erhalten täglich vier- bis fünfmal bis zu 30 Milligramm Heroin, das einem Trank aus Alkohol. Kokain und Sirup beigemischt wird.

Die Mediziner am St. Josephs' und am St. Christophers Hospice in London beobachteten, daß bei regelmäßiger Gabe dieses Rauschmittel-Cocktails die unangenehmen Nebenwirkungen für den Patienten, etwa Übelkeit und Brechreiz, seltener auftreten als bei Behandlung mit Morphium. Und während Morphium die Patienten meist unruhig macht und ihren Appetit hemmt, wirkt das Heroin-Gebräu eher appetitfördernd, aber auch psychisch anregend -- die Kranken zeigen sich wacher und ausgeglichener.

Heroin für Krebskranke im Endstadium würden auch US-Ärzte, so am Maryland Psychiatrie Research Center in Baltimore, gern verschreiben, aber die amerikanische Arzneimittelgesetzgebung hindert sie daran. So experimentieren die Mediziner in Baltimore vorerst mit LSD und einem ähnlich wirkenden Halluzinogen namens DPT. Beide Drogen sind für klinische Tests in den USA zugelassen.

Zwar dämpfen oder beseitigen die LSD-Trips, die den Kranken in Ealtimore verabreicht werden, auch den Schmerz (ohne daß die Ärzte bislang wissen, auf welche Weise). Doch vor allem soll die Behandlung das Bemühen der Psychotherapeuten unterstützen, die Todkranken von ihren Depressionen zu befreien.

Schon jeweils einen Tag vorher wird der Kranke auf die psychedelische Reise eingestimmt. Blumen und ein Plattenspieler werden ins Krankenzimmer gebracht. Während des LSD-Trips lauscht der Kranke klassischer Musik, die seine Assoziationen beflügeln soll.

Ein Psychotherapeut und eine entsprechend ausgebildete Krankenschwester sitzen während des Trips am Krankenbett und sprechen dem Patienten Mut zu. Und gegen Ende der Reise werden Freunde und Verwandte des Kranken ermuntert, ihn zu besuchen.

Bei jeweils zwei von drei der Patienten in Baltimore hatte die LSD-Behandlung den gewünschten Erfolg. »Nach dem LSD-Trip«. so berichtete Psychotherapeut Dr. Stanislav Grof, hätten die Kranken »plötzlich wieder an allem möglichen Interesse gezeigt -- sie wollten fernsehen, Musik hören oder fragten Freunde und Angehörige, was denn zu Hause los sei«.

Oft hielt die stimmungshebende Wirkung eines LSD-Trips wochen- oder monatelang vor. Und oft, so resümierte Psychotherapeut Grof, sei es auf diese unkonventionelle Weise nicht nur gelungen, »das Leiden der Patienten zu verringern«. Viele der Kranken fänden offenbar mit Hilfe der LSD-Trips auch »eine bessere Einstellung zum Tod«.

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