Sibylle Berg

Trojaner, Tracker, digitaler Fingerabdruck Diese vielen Ekligkeiten

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Jetzt gegen zu viel staatliche Einmischung zu protestieren, ist genau richtig. Aber nicht gegen die Corona-Maßnahmen, sondern gegen die digitale Überwachung, die immer gefährlichere Ausmaße annimmt.
Digitaler Fingerabdruck (Symbolbild): Nur ein überwachtes Volk ist ein gefügiges Volk?

Digitaler Fingerabdruck (Symbolbild): Nur ein überwachtes Volk ist ein gefügiges Volk?

Foto: Science Photo Library / Getty Images

Paradoxe Welt der kleinen Fehlentscheidungen. Hinter einem sorglosen Klick verbergen sich Texte, die von Überwachung  und anderen Ekligkeiten handeln, aber eben auch unsichtbare Tracker, die unsere IP-Adresse einsacken und den Standort, und all das nur, um uns in Zukunft noch besser mit irgendwas beliefern zu können .

Mit Hass im Zweifel, davon kann man nie genug haben.

Guten Tag, liebe Leserinnen, das wird wieder ein langweiliger Text, denn er handelt von digitalen Dingen. Die man nicht sieht, die einen nicht belästigen, unser Leben nicht beeinträchtigen, bis ein SEK die Tür auftritt. Gesetzt den Fall, dass es irgendwann Faschist*innen bei der Polizei geben sollte (kleiner Scherz) oder es von heute auf morgen keine Demokratie mehr gibt und Nazis in den Regierungen sitzen (kleiner Scherz), die man nicht Nazis nennen soll, so wie man alles gerade irgendwie nicht nennen soll, denn andere Leute haben auch Gefühle.

Regierungen zum Beispiel. Im Moment sind es, glaube ich, 17 europäische Länder, deren Führungen harte Antiterrorgesetze verabschiedet haben, weil gerade Terror war oder irgendwas, eine Pandemie zum Beispiel. Länder, in denen sich die Bürger*innen nach mehr Sicherheit sehnen.

Terror trotz Überwachung

Ja, denken die Bürger*innen, wenn es gegen Fundamentalisten geht oder Pädophile, da bin ich dabei. Ja aber, sage ich, wissend, dass die meisten Terrorattentate trotz Überwachung stattfanden, oft aufgrund von nachlässigen Ermittlungen, und dass im sogenannten Darknet bereits Ermittler unterwegs sind, die immer wieder Kindermissbrauch aufdecken.

Okay, mögen Sie nun fragen, wozu dann noch mehr Überwachung, und was bedeutet das eigentlich? Es bedeutet, dass es möglich ist – und Regierungen immer den Hang dazu haben, die Bevölkerungen zu kontrollieren (zu deren Sicherheit). Auch wenn es bedeutet, damit gegen Menschenrechte zu verstoßen. Das auf Privatsphäre zum Beispiel. (DuckDuckGo – googlen Sie das selbst, dann prägt es sich besser ein.)

Ein Trojaner gelangt, manchmal, ohne dass Sie etwas unternehmen müssen, in Ihre Endgeräte, und schaut sich da in Ihrer digitalen Wohnung um. Er öffnet Schubladen, liest Ihr Tagebuch, jedes Passwort, jede Mail, jeden Chat, jeden Suchverlauf, jeden Porno, er hört Ihnen zu und beobachtet Sie, falls Sie Ihre Kamera nicht abgeklebt haben. Willkommen in der Hölle. Falls Sie nicht interessant genug für einen Trojaner sind, steht jetzt noch das Gesetz gegen Verschlüsselung  an, damit man Ihre WhatsApp-, Signal- und Telegram-Mitteilungen mitlesen kann. Fehlen nur noch – richtig – die Fingerabdrücke. Check .

Apropos Gefängnis. Früher, bevor es die Funktion »Entsperre dein Handy mit deinem Fingerabdruck« gab, wurden die Abdrücke lediglich in Straftäter*innen-Datenbanken gespeichert. In Deutschland wird gerade eine millionenfach bestückte Gefährderdatei geplant. Sie heißt Pass .

Und falls man Ihre Daten aufbewahren möchte, bis die Zeit reif ist, um irgendwas damit zu machen, dafür gibt es die Vorratsdatenspeicherung. Vielleicht haben Sie mal irgendwann bei Google nach subversiven Aktionen  gesucht?

Fast scheint es, als ob Politiker*innen die Verwirrung der Bevölkerungen nutzen wollten, um wieder einen Schritt in Richtung Überwachung und Kontrolle weiterzugehen. Nur ein überwachtes Volk ist ein gefügiges Volk, mögen sie denken.

Vielleicht denken Politiker*innen aber auch gar nichts, wenn ihre Beratenden aus den IT-Departments ihnen den neuen heißen Scheiß  aus der wunderbaren Welt der Spionage und Bespitzelung des Volkes nahelegen.

Was ich eigentlich sagen wollte: Es kann sein, dass Ihre Regierung nicht zu hundert Prozent Ihr Freund ist. Das bedeutet nicht, dass Sie asozial ohne Masken und mit selbst gebastelten Galgen demonstrieren oder Verstorbene und Pflegepersonal verhöhnen sollten. Demonstrieren Sie gegen Ihre Überwachung, gegen die Verwanzung Ihrer Geräte, gegen die Antiterrorgesetze.

Wenn Sie protestieren wollen, dann mit Maske und Abstand, beides schützt Sie eventuell. Ein Generalverdacht aller Bürgerinnen schützt keinen. Er macht uns nur alle zu möglichen Verbrecher*innen.