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LITERATUR Trojas Pferde lahmen

In Darmstadt tagte der PEN-Club. Resultat: Er weiß nicht, was er mit sich anfangen soll.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Der »Schauprozeß«, den er schon befürchtet hatte, blieb aus, das »öffentliche Schnellgericht« fand nicht statt: Als am vorletzten Wochenende in Darmstadt die Jahresversammlung des westdeutschen PEN-Zentrums zu Ende ging, war Thilo Koch noch immer Generalsekretär eines noch immer existierenden PEN-Clubs, der noch immer nicht weiß, was er mit sich anfangen soll.

Da hatten nun 128 Repräsentanten deutschen Geistes (die übrigen 340 Club-Brüder und -Schwestern waren zu Hause geblieben) zwei Tage lang in geschlossener Gesellschaft konferiert, gestritten, Anträge gestellt und Resolutionen gefaßt, und durch die verbotene Tür hindurch drang es dabei wie Bergeskreißen.

Doch als die Literaten dann unters Volk zurückkehrten, um in öffentlicher Podiumsdiskussion zu belehren, was der PEN denn eigentlich sei und was er könne, da bekundete der »Club von Freunden« (so PEN-Präsident Hermann Kesten) seine Solidarität allenfalls in Unmut und Verbitterung.

Die Tagungen des PEN, sprach der Kritiker Marcel Reich-Ranicki, seien »weitgehend langweilig«, das Präsidium sei »unfähig oder faul«. »Dieser PEN«, schimpfte der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) Horst Bingel, »verrottet still vor sich hin.« Und vom Katheder herab höhnte der Romancier Gerhard Zwerenz, »unser Zentrum mit Thilo Koch als Generalsekretär« gleiche in seiner »mediokren Bürgerlichkeit« und »wohlorganisierten Nutzlosigkeit«, seiner Sucht nach »immer größerer Repräsentanz« und seinem Hang nach »immer mehr Geheimdiplomatie« einem »Verein leicht verkalkter Herrenreiter, deren Pferde lahmen«.

Aber das alles konnte den Sekretär nun auch nicht mehr erschüttern. Er begreift sich ja ohnehin nur als »Prügelknabe zwischen den Fronten« eines »pluralistischen Clubs"« der Liberale wie Konservative, Linksextreme wie Ultrarechte und überhaupt -- ganz abgesehen von der politischen Couleur -- notorisch querköpfige Dichter und Denker in Zwietracht vereint.

Und verwunderlich ist dabei nur, daß Koch, der sich doch als »links-liberal« bezeichnet, vorwiegend von links seine Prügel bezieht -- etwa dann, wenn er sich gegen die Zuwahl von Mitgliedern zur Wehr setzt, die (so Koch in einem Brief) »den PEN als Trojanisches Pferd für eine Volksfront benutzen wollen«.

In Darmstadt jedoch schloß die ohnedies schwache Linke mit Koch noch einmal Frieden. Als das Präsidium androhte, es würde gemeinsam mit dem Generalsekretär abtreten, zog sie ihr Mißtrauensvotum gegen Koch zurück. und dies wohl um so lässiger, als das Plenum zuvor einen Antrag des Lyrikers und Darmstädter SPD-Oberbürgermeisters Heinz-Winfried Sabais abgelehnt hatte, nach dem »die Mitgliedschaft im PEN-Zentrum unvereinbar mit der Mitgliedschaft in kommunistischen Parteien oder Gruppen« sein sollte.

Ja, die Versammlung protestierte auch »aufs schärfste« gegen die Entlassung des marxistischen Soziologie-Professors Horst Holzer aus dem Staatsdienst und forderte »das Bayerische Kultusministerium auf, Holzer entsprechend seiner wissenschaftlichen Qualifikation in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit zu übernehmen«.

Fragt sich nur, was solche Proteste und Forderungen bewirken und ob sich die Tätigkeit eines PEN-Clubs in ihnen erschöpfen soll. »Daß ich hier bin«. sagte in Darmstadt der Leningrader Professor Jefim Etkind, der 1974 die Sowjet- Union verließ, »verdanke ich dem PEN.« Aber um Wissenschaftlern und Schriftstellern in Not zu helfen. meinte Zwerenz, dazu brauche man nicht unbedingt diesen »Club von Feinden«, da wäre eher ein Notfonds angebracht.

Wozu also braucht man einen PEN, der laut Kesten »weder ein Altersheim noch ein Kriegerdenkmal noch ein Pantheon für literarische Leichen« sein soll? Zwerenz hatte auch darauf eine Antwort: »Mitglied des PEN. das ist fast wie geadelt, zum Ritter geschlagen und verpflichtet doch zu nichts als zu einer lächerlich geringen Beitragsleistung.«

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