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KUNST GRAHAM Tropisches Gefühl

aus DER SPIEGEL 44/1970

Moderne Künstler plagt oft ein Hang zu Übergrößen. Sie bauen geräumige Säle zu »Environments« aus, sie ziehen kilometerlange Furchen im Wüstensand und packen komplette Felsgestade in Kunststoffplanen ein.

Für solchen Größen-Wahn hat der Amerikaner Robert Graham, 32, wenig Sinn. Er konstruiert seine Environments viel lieber im Puppenstubenformat und weiß einen guten Grund dafür: Nur dieser Liliput-Maßstab gibt ihm die erwünschte »Freiheit, zu tun, was ich will«.

So, unabhängig von Mäzenen und Gehilfen, bastelt Graham nach Belieben handliche Kästen aus Plexiglas (Grundfläche: 50 mal 50 Zentimeter), und auch das Personal, das er in seine Räume läßt, ist ihm widerstandslos zu Willen: niedliche Wachsfiguren, vorwiegend nackt und weiblichen Geschlechts.

Das gemischte Vergnügen an diesen Mädchen Im Terrarium -- ästhetische Lust und Voyeursspaß zugleich -- ist international. Graham, in Mexiko geboren und in Kalifornien aufgewachsen, hat sich längst .auch in Europa als einer der originellsten Sendboten von der US-Westküste hervorgetan. Nach Graham-Ausstellungen in Essen, Hamburg, Berlin und London sind Graham-Vitrinen derzeit in der Galerie Neuendorf in Köln zu besichtigen und zum Stückpreis von 15000 Mark zu kaufen.

Für soviel Geld bietet der Künstler ein reiches Raffinement. Seine Räume sind vielfach unterteilt und abgeschrägt, ihre sonst transparenten Wände stellenweise undurchsichtig beklebt oder besprüht; auf das Glas gezeichnete oder im Innern als Fäden ausgespannte Diagonalen geben Perspektiven an; und manchmal schwappt in einem doppelten Boden Öl oder Wasser, das sich in Tröpfchen kondensiert und so, laut Graham, ein »tropisches Gefühl« erregt.

In solcher Treibhaus-Schwüle räkeln sich die appetitlich fleischfarben bemalten und lebenswahr mit Haar beklebten Damen beispielsweise auf Laken von Kleenex-Tuch, inmitten winziger Requisiten. Doch .der Sex, versichert Graham, solle wie an seinem Leben so auch an seiner Kunst nur »proportional« Anteil haben.

Tatsächlich wirken die Figuren, die der Künstler seit 1963 in rund 70 Behälter gesetzt hat, in ganz verschiedenem Maß erotisch. Hatte er anfangs recht brutale Männer- und Frauen-Typen zu Szenen im Geschmack der Pop Art gruppiert und später mit verschönten Akteuren unumwundene Beischlaf-Situationen hergestellt, so nutzt er neuerdings die glatten Körper gern, um den Ablauf einer Bewegung wie in mehreren Momentaufnahmen festzuhalten.

Was immer aber die Männchen und die Mädchen illustrieren -- stets geben sie in Grahams Frei-Raum den Maßstab an; sie definieren ihn als Vorstellungsbild eines realen, bewohnbaren Gehäuses.

Fühlung mit der Wirklichkeit wahrt Graham auch im Produktionsprozeß: Er nimmt von steif aufrecht stehenden Aktmodellen allseitige Farbaufnahmen, bringt die Photos auf das erstrebte Figurenformat und gießt danach die Puppen serienweise in Bienenwachs -- ein Material, das ihm die Freiheit gibt, ihre Glieder ganz nach Wunsch zu drehen und zu biegen. Selbst die gewagteste Gymnastik erzielt er ohne weitere Zutat.

Mit seiner Bühnenwirklichkeit treibt Graham ein Vexierspiel: Der Betrachter soll der Illusion verfallen und doch erkennen, wie sie zustande kommt. So profitiert auch das Publikum unmittelbar vom kleinen Maßstab: Grahams Guck-Kästen sind -- von oben und von allen Seiten -- so klar durchschaubar wie keines der zimmergroßen Environments die etwa sein kalifornischer Landsmann Edward Kienholz montiert.

Aber mit dessen Panoptikumskunst will Graham ohnehin nicht viel zu schaffen haben. »Ich befasse mich nicht mit moralischen Schocks«, sagt er. Sondern? »Mit Schönheit.«

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