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POP Trübsal unterm Cowboyhut

Die amerikanische Sängerin Lucinda Williams, von der Kritik schon lange heftig gelobt, erreicht mit ihrem neuen Album erstmals ein großes Publikum.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Warten zu müssen kann grausam sein im Showgeschäft, und darüber tröstet auf Dauer auch der Zuspruch von Freunden und Kritikern nicht hinweg. Lucinda Williams galt bereits ein paar Jahre lang als ewiger Geheimtip und Star der Zukunft, als sie 1994 für den Grammy, den Oscar der amerikanischen Musikindustrie, nominiert wurde - doch da hatte sie schon alle Hoffnung auf den großen Durchbruch fahrenlassen.

Also verzichtete sie auf einen Auftritt in einem schönen Kleid bei der Grammy-Zeremonie und setzte sich am Abend der Verleihung in ihren Jeans mit einem Kasten Bier zu Hause vors Fernsehgerät. Gewonnen hat sie dann trotzdem; passenderweise allerdings nur, weil eine andere Sängerin ihren Song »Passionate Kisses« zum Hit gemacht hatte.

Auch für die Ende Februar dieses Jahres anstehende Grammy-Verleihung ist Williams, 46, wieder nominiert; sogar in zwei Kategorien: für ihr Lied »Can't Let Go« und für ihr neues Album »Car Wheels on a Gravel Road«.

Diesmal wird sie vermutlich persönlich erscheinen, und auch sonst sieht es so aus, als könnte Williams endlich den großen Erwartungen ihrer Bewunderer gerecht werden: Ihre neue CD wird nicht nur von einem Aufkleber mit Lob aus der Fachwelt geziert - von »Songs, so perfekt wie nur möglich« schwärmt die »New York Times« -, sondern sie verkauft sich auch blendend: Williams ist sogar in Deutschland auf dem besten Weg, doch noch ein Star zu werden.

Dabei gibt sich die Sängerin weder besondere Mühe, das Image der anmutig klampfenden Liedermacherin auszufüllen, noch mag sie sich auf ein Genre festlegen: Das macht ihren Public-Relations-Helfern vor allem in den USA zu schaffen, wo viele Radiostationen ausschließlich eine Musikrichtung pflegen. Die Williams-Songs aber werden mal dem Blues zugerechnet und mal dem Rock'n'Roll, wenngleich besonders häufig davon die Rede ist, sie sei eine Erneuerin der Country-Musik.

»Wenn du alles bist, bist du nichts«, sagt Williams ein wenig ratlos. Als sie jüngst ihr neues Album bei einer Live-Show auf einer Londoner Bühne präsentierte, setzte sie sich einen Cowboyhut auf und fragte ihr Publikum: »Verwandelt mich dieses Ding nun in eine Country-Queen? Und ist es nicht wunderbar, wenn es mir gelingt, ein bißchen Verwirrung zu stiften?«

In Wahrheit erweist sich Williams auf »Car Wheels on a Gravel Road« weniger als Country-Rebellin denn als kämpferische Traditionalistin. Ihre Songs klingen nach staubiger Landstraße und gottverlassener Weite, sie erinnern an Meisterwerke von Neil Young, Emmylou Harris und Townes Van Zandt. Sie selbst jedoch lehnt den Begriff Country für ihre Musik ab, »weil das Wort in Amerika leider nur ein Synonym ist für stumpfsinnige Schlager von Garth Brooks, Shania Twain und LeAnn Rimes«.

Ihre Begeisterung dagegen gilt klassischen Country-Helden wie Hank Williams und Loretta Lynn - und deren kargen Weisen von der Trostlosigkeit des Lebens und der Einsamkeit von Männern und Frauen. Auch ihre Songs erzählen oft von Verlorenen und Verzweifelten, »schon weil mir einfach nicht allzu viele heitere Sachen einfallen, schließlich ist mein eigenes Herz schon auf tausend Arten zertrümmert worden«.

Williams stammt aus dem US-Südstaat Louisiana und war elf, als die Ehe ihrer Eltern kaputtging. Sie blieb gemeinsam mit zwei Geschwistern bei ihrem Vater, dem Poeten und Literaturprofessor Miller Williams, der es an keinem Ort lange aushielt. Immerhin ist Vater Williams so renommiert, daß er unter anderem anläßlich der Vereidigung Bill Clintons (1997) ein Gedicht vortragen durfte, in seinem Haus gingen illustre Gäste wie Charles Bukowski und Allen Ginsberg ein und aus.

»Ich war wohl kein besonders braves Kind«, erinnert sich Lucinda Williams; große Teile ihrer Schul- und Universitätszeit verbrachte sie mit Streikaktionen und auf Demonstrationen. Und weil sie eigentlich nur vor Bob Dylan Respekt hatte, zog sie mit der Gitarre durch Studentenkneipen und trat für ein Trinkgeld auf. Doch erst 1988, nach zwei von der Öffentlichkeit unbemerkten Alben, sorgte sie erstmals unter Kritikern für Aufsehen - da war sie schon 35.

Weil sie ihren Job als Musikerin ungewöhnlich ernst nimmt, nennen wohlmeinende Menschen Lucinda Williams eine Perfektionistin, andere schimpfen sie neurotisch und zickig. Ihre beiden letzten Alben ließ sie dreimal nahezu komplett neu aufnehmen. Sechs Jahre hat sie für ihr Werk »Car Wheels on a Gravel Road« gebraucht, sie mußte ihr Haus verkaufen, und auch ein paar der alten Weggefährten blieben auf der Strecke. »Es gibt Menschen, die nicht mehr mit mir sprechen.«

Frauen nehme man derlei Kampfesmut meistens sofort krumm, klagt Williams, »ein Mann dagegen gilt sofort als Genie«. Ihre Beharrlichkeit hat sich dennoch ausgezahlt. Vor rund zwei Jahrzehnten hatte ihr Bob Dylan nach einem Williams-Auftritt in einem Folkmusik-Club zugeraunt, daß er sie anrufen werde, um zusammen mit ihr auf Tournee zu gehen. »Ich habe eine Ewigkeit neben dem Telefon gewartet«, sagt die Sängerin. Im Herbst vergangenen Jahres standen die beiden endlich gemeinsam auf der Bühne. CHRISTOPH DALLACH

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