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LANDWIRTSCHAFT Turbo im Stall

Mit einem gentechnisch erzeugten Hormon wollen Pharmakonzerne die Milch-Produktion erhöhen. Der Streit um die Zulassung wird zum Testfall für gentechnische Methoden in der Landwirtschaft. *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Ignaz Kiechle, Bonns leidgeprüfter Bauernminister, konnte sich endlich mal des Beifalls sicher sein. »Das gute Image landwirtschaftlicher Produkte«, kündete er den rund achthundert Delegierten des Fleischerverbandstags in Garmisch-Partenkirchen am Erntedanksonntag, dürfe nicht »ein weiteres Mal in Mißkredit« gebracht werden.

Gerade hätte er »lange und intensiv« für das Verbot von Sexualhormonen in der Tiermast gerungen, das nächstes Jahr in Kraft trete. Nun drohe jedoch die Einführung von leistungssteigernden Wachstumshormonen für Kühe, für die es keine Notwendigkeit gebe. Dafür, versprach Kiechle, müßten »EG-weit Lösungen gefunden« werden, der europäische Milchmarkt solle für »hormonelle Experimente tabu sein«.

Fragt sich, wie lange noch. Denn Kiechles populäre Tabu-Forderung richtet sich gegen ein Projekt, mit dem die internationale Chemie- und Pharma-Industrie erstmals ihren vielleicht wichtigsten Zukunftsmarkt auslotet: den Verkauf gentechnisch erzeugter Produkte für die Landwirtschaft. »Bovines Somatotropin« (BST), zu deutsch Rinderwachstumshormon, soll, geht es nach den Plänen der vier amerikanischen Chemie- und Pharma-Riesen Monsanto, Upjohn, Eli Lilly und Cyanamid, das erste Zaubermittel aus den Gen-Laboren sein, das den Landwirten die Segnungen des biotechnischen Zeitalters näherbringt. Schon Anfang nächsten Jahres möchte Anführer Monsanto das neue Produkt in den USA und der EG von Tierärzten feilbieten lassen.

Doch das Versprechen, die Hochleistungskühe mit einem biochemischen Trick zu endlich perfekten Milchmaschinen zu machen, traf bei Bauern und Verbrauchern auf beiden Seiten des Atlantiks bislang auf wenig Gegenliebe. Weil der US-Kongreß sich auf Druck der Kritiker die Entscheidung über die Zulassung vorbehielt, hoffen die Hersteller nun auf den Durchbruch im traditionell zerstrittenen EG-Europa. »Da steht uns

eine schwierige Grundsatzentscheidung ins Haus«, fürchtet Werner Richarz Biotechnik-Koordinator im Bonner Landwirtschaftsministerium.

Dabei schien die Idee der amerikanischen Gen-Tüftler anfangs durchaus harmlos. Schon seit 1937 war bekannt daß Injektionen mit Somatotropin die Milchleistung von Kühen steigern können. Doch der chemisch relativ komplizierte Eiweißstoff ließ sich nicht künstlich herstellen. Ähnlich wie schon beim menschlichen Hormon Insulin, gelang es dann Wissenschaftlern der kalifornischen Firma Genentech 1979, jenes Gen zu isolieren, das in den Rinderzellen die Produktion des Wachstumshormons steuert. Indem sie es auf Bakterien übertrugen, brachten sie fortan auch diese dazu, den Stoff zu produzieren.

Damit war der Weg frei, die bereits in Milligramm-Dosen wirksame Substanz auch im industriellen Maßstab herzustellen. Und schon 1984, nach den ersten Versuchen in den Test-Ställen befreundeter Universitätswissenschaftler, verhießen Monsanto-Manager amerikanischen Milchfarmern einen bis zu 40 Prozent gesteigerten Milchfluß aus den Eutern ihrer hochgezüchteten Kühe, wenn das neue BST-Präparat erst auf dem Markt wäre.

Das war der Fehler. Denn ähnlich wie in Europa, leiden auch die Milchbauern in Amerika seit Jahren unter den preisdrückenden Folgen der Überproduktion. Leistungsteigernde Mittel, das bestätigte eine Studie des Office of Technology Assessment (Amt für Technikfolgenabschätzung), könnten noch mehr kleinere Betriebe in den Ruin treiben. Bei Einführung des BST, so die Prognose, müßten bis zum Jahr 2000 zwei Drittel der US-Milchfarmer aufgeben, der Glaube vieler Bauern an den Segen des gentechnischen Fortschritts zerbrach.

Neben den Bauernverbänden lehnten auch Verbraucherorganisationen die »Hormon-Milch« ab. Aus Furcht vor möglichen Rückständen in Milchprodukten organisierten sie einen Boykott solcher Molkereien, die an der Vermarktung der Milch von den Testfarmen beteiligt waren. Zahlreiche Betriebe in den USA mußten den Vertrieb der Testmilch daraufhin einstellen.

Ähnlich erging es auch der Kieler Milchzentrale. Dort hatten Wissenschaftler der Bundesanstalt für Milchforschung und der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft bis vergangenen August fast zwei Jahre lang jene täglich rund 1300 Liter Milch abgeliefert, die ihre insgesamt 78 BST-behandelten Kühe produzierten. Schon seit 1985 läßt die deutsche Monsanto-Filiale bei den beamteten Milchforschern herausfinden, ob der wundersame Milchvermehrer die bundesdeutschen Bedingungen für die Zulassung als Medikament erfüllt.

Der bedenkenlose Verkauf der BST-Milch trieb Umwelt- und Verbraucherverbände

auf die Barrikaden. Als »eindeutigen Verstoß gegen das Lebensmittelrecht« brandmarkten sie den forschen wissenschaftlichen Milchvertrieb Ende August und erzwangen eine schnelle Anweisung aus dem Kiechle-Ministerium. Seitdem wird die BST-Milch in die Kälbertröge der Versuchsgüter umgeleitet - für Professor Hans Otto Gravert, einen der beteiligten Kieler Forscher, »alles großer Quatsch«.

Denn BST sei endlich ein Medikament, bei dem Rückstandsprobleme nicht zu befürchten seien. Tatsächlich können die gesundheitlichen Risiken der BST-Spritzen für die Verbraucher - gemessen am üblichen Einsatz der pharmazeutischen Breitband-Palette in Europas Ställen - eher vernachlässigt werden. Anders als etwa die gefürchteten Steroidhormone, wird der Eiweißstoff Somatotropin im Darm zersetzt. Zudem wirkt er nur bei Rindern, ist es doch deren ureigenstes Produkt. Auch Befürchtungen, die Gesundheit der tierischen Milchmaschinen in den Ställen könne noch weiter leiden, will Gravert nicht gelten lassen. Natürlich müsse man untersuchen, ob »die Kuh ausbrennt, doch alle bisherigen Versuche zeigen das Gegenteil« .

Das sei, meint die Tierärztin Anita Idel, Sprecherin einer schon auf rund hundert Mitglieder angewachsenen »Arbeitsgemeinschaft Kritische Tiermedizin«, »schlicht nicht wahr«. Unter Berufung auf Studien des amerikanischen Veterinär-Professors David Kronfeld führt sie eine ganze Reihe möglicher Gesundheitsschäden für das BST-gestreßte Vieh auf. Dazu zählen *___eine gesteigerte Hitzeempfindlichkeit der behandelten ____Kühe, der Weideauftrieb bei Sonnenschein wird zum ____wirtschaftlichen Risiko; *___allergische Reaktionen an den Injektionsstellen, die ____sich unter Umständen entzünden können; *___Störungen der Fruchtbarkeit, die Kühe können noch ____früher »ausbrennen«, die Hochleistungszucht verkürzte ____ihre produktive Phase ohnehin schon um mehrere Jahre; *___gesteigerte Krankheitsanfälligkeitinsbesondere ____Entzündungen am Euter können zunehmen.

Gemeinsam mit anderen BST-Kritikern gründete die streitbare Tierärztin deshalb eine Anti-Hormon-Allianz, die vom Tierschutzbund über den Deutschen Naturschutzring bis zu oppositionellen Bauerngruppen reicht. Gegen das »gentechnologische Abenteurertum« in den Kuhställen, so ein Bauernsprecher, müßten jetzt deutliche Zeichen gesetzt werden, um den »Aberwitz« steigender Milchmengen angesichts eines ohnehin übersättigten Milchmarktes aufzuhalten.

Von Sorgen um Bauern- und Verbraucherproteste geplagt, mochten da selbst Agrarpolitiker aus der Christenunion nicht zurückstecken. Einmütig sprachen sich im Ernährungsausschuß des Bundestages die alten und neuen Konservativen aus Christdemokraten und Grünen gegen den Wachstumsschub aus der Hormonspritze aus. Es gelte, stellte der CDU-Agrarsprecher Egon Susset fest, eine »erkennbare Fehlentwicklung rechtzeitig zu unterbinden«, die Verbraucherfurcht vor der »Turbo-Kuh« ("Die Zeit") müsse ernst genommen werden.

Doch auch von soviel Gegenwind lassen sich die Hersteller nicht beirren. Gemeinsam mit dem Schweizer Sandoz-Konzern läßt Monsanto im österreichischen Kundl eine Großfertigungsanlage errichten, und in Brüssel sucht die Chemie-Lobby die notwendige Zustimmung der zuständigen Veterinär-Abteilung der EG-Kommission zu erwirken.

Zugleich heuerten die vier sonst konkurrierenden Firmen gemeinsam die Werbeagentur Hill and Knowlton für eine beispiellose Werbekampagne. Gestützt auf eine Wissenschaftler-Phalanx in staatlichen Forschungsinstituten, geben die PR-Strategen nun die Parole aus, die hormonelle Aufrüstung der Kühe bringe allen Milchbauern gleiche Vorteile. Da die Milchproduktion in der EG für jeden Betrieb durch Quoten begrenzt sei, könne allenfalls die gleiche Milchmenge von weniger Kühen gemolken werden.

Das brächte allein den bundesdeutschen Milchställen, rechnet Monsanto-Partner Gravert, Ersparnisse von 230 Millionen Mark, »ohne großen Kapitaleinsatz«. Gravert: »Wer statt 30 nur 25 Kühe halten muß, braucht doch weniger zu arbeiten.«

So simpel, meint selbst Kiechles Bio-Technik-Experte Richarz, könne man das Problem nun wirklich nicht sehen. Der BST-Einsatz verlange ein »ganz präzises Management«, das nur ein Teil der Bauern beherrsche. Denn längst nicht jede Kuh reagiert gleich. Zudem darf BST nur gespritzt werden, wenn die Kuh schon die Hochleistungsphase zwischen zwei Schwangerschaften ("Laktationsperiode") erreicht hat. Und auch dann steigt der Milchausstoß nur, wenn der Eiweißanteil im Futter hoch ist. Vermehrter Einsatz von Importfutter aus den USA und der Dritten Welt wäre unverzichtbar.

Trotzdem müssen die Manager des Pharma-Quartetts wahrscheinlich nicht um ihre Investitionen fürchten. Sie kalkulieren mit dem - bald schon klassischen - EG-Effekt. So beantragten sie vorerst nur die Zulassung in Großbritannien und Frankreich. Kommt es zu keinem einstimmigen Votum des Agrarministerrats gegen die Genehmigung, dann stünde es den dortigen Behörden frei, die Hormonspritze in den Alltag britischer und französischer Kuhställe einzuführen.

Damit auch deutsche Milchbauern dann zur BST-Spritze greifen können, hielt sich Bauernretter Kiechle eine Hintertür offen. Natürlich dürften, bauten seine Beamten in der Antwort auf eine Bundestagsanfrage vor, den bundesdeutschen Bauern »keine unzumutbaren Wettbewerbsnachteile entstehen«.

Für die Chemieriesen ist das ein willkommenes Signal, die bisherige Anti-BST-Haltung der Politiker nicht so ernst zu nehmen. So freute sich denn auch ein Monsanto-Sprecher: »Die spielen auf Zeit.« _(Auf der Weide der Versuchsstation ) _(Schaedtbek der Bundesanstalt für ) _(Milchforschung. )

Auf der Weide der Versuchsstation Schaedtbek der Bundesanstalt fürMilchforschung.

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