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UNTERHALTUNG Tuten und Blasen

Mit volkstümlichen Märschen und Jodlern werden derzeit in Westdeutschland Millionen verdient. Die Kapellen kämpfen um Marktanteile und fürchten den Nachwuchs.
aus DER SPIEGEL 1/1974

Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt, wird es alten Ländlern von jeher fröhlich ums Herz. Jetzt erfreut der »Waldler-Marsch« und der »Karawanken-Jodier« auch Großstädter, die vom Tuten und Blasen aus Berg und Tal bislang keine Ahnung hatten.

Außer in Bierzelten und auf Kirmesplätzen, wo es noch immer eher kümmerliche Gagen einbringt, ist das Schrammeln und Jodeln neuerdings auch für Mammuthonorare in Westdeutschlands Musik-, Stadt- und Sporthallen zu hören.

Allein mit dem »Original Egerländer« Blasorchester veranstaltet der Hamburger Impresario Michael Collien, der auch die Wiener »Original Hoch- und Deutschmeister« auf Reisen schickt, rund 100 Konzerte pro Jahr

für mehr als 200 000 Besucher. Daneben sind die Veranstaltungen der »Original Donauschwäbischen« und der »Original Böhmerländer« -- der »Original Harzer Volksmusikanten« und der »Original Schwarzwaldmusikanten«, der »Kaiserlich Böhmischen« und der »Westfälischen Nachtigallen« neben vielen anderen meist ausverkauft.

In den bundesdeutschen Schallplattenläden wird der Sang und Klang aus Alpen-, Eger- und Burgenland bei Spitzenumsätzen von 600 000 ("Hohe Tannen") und 500 000 Exemplaren ("Schneewalzer") bereits unter den Bestsellern registriert.

In riesigen Stückzahlen fließt das marktgängige Folklore-Surrogat in dieser Saison aus den Lagern der großen Schallplattenfirmen ab. Teldec bestreitet damit etwa 15 Prozent des Unterhaltungsmusik-Umsatzes. Polydor, Phonogram und EMI Electrola nennen Auflagen von 200 000 bis 300 000 pro LP. Und der Trend, so erklären die Firmensprecher übereinstimmend, ist »immer noch steigend«.

Schon immer wies das Folklore-Barometer in Deutschlands Süd-Provinz sonniges Wetter aus. 46 Prozent aller Radiohörer, ermittelte Infratest für den Bayerischen Rundfunk, bevorzugten alpenländische Musik. 39 Prozent wollten Volks- und Wanderlieder hören, aber nur 16 Prozent fremdsprachige Schlager. Der Witterungsumschwung im übrigen Deutschland wurde nach Meinung von Fachleuten wie dem Münchner Teldec-Mitarbeiter Justus Fischer erst vor kurzem durch Rundfunksendungen bewirkt. »Es dauerte zehn Jahre«, sagt Fischer, »bis sich die Oberkramer zur ersten Plattenmillion aufschwingen konnten. Erst mit dem »Wettstreit nach Noten im Deutschlandfunk ging das Geschäft richtig los.«

Am 5. Oktober 1969 wurde dieses überregional wirksame Blasmusik- » Schrammel- und Jodelprogramm erstmals ausgestrahlt. Bald darauf zählte die Redakteurin Anita Enders nach jeder der inzwischen 52 Folgen rund 10 000 zustimmende Hörerbriefe. Daraufhin erweiterten auch der Saarländische und Westdeutsche, der Bayerische und der Südwestfunk ihr Angebot.

Im Münchner Sender ist »Die weißblaue Hitparade« inzwischen so beliebt, daß sie vom 1. Januar an von 25 auf 55 Minuten erweitert werden mußte. Der Kölner WDR funkt pro Woche zumindest 500 Minuten volkstümliche Musik. In Saarbrücken erkannte Unterhaltungschef A. C. Weiland: »Besonders im Frühprogramm hören die Deutschen gern Blas- und Volksmusik.«

Auch am Abend, traun fürwahr: Das ZDF registrierte für die nach dem Deutschlandfunk-Muster gewirkte Folklore-Television »Lustige Musikanten«, die am 19. Januar zum fünften Mal ausgestrahlt wird, zuletzt eine Sehbeteiligung von 60 Prozent und rund 30 000 Zuschriften aus ganz Europa. Prompt marschierten die erfolgreichen »Original Egerländer« auch in Peter Alexanders Weihnachtswunschkonzert auf.

Der Boom dieses Volksmusik-Abklatschs, vermutet der Münchner Musikkritiker Hans-Ulrich Prost, sei der neuerlichen Hillbilly- und Country & Western-Begeisterung in den USA vergleichbar: »Die Leute fliehen aus Währungs-, Umwelt-, Energie- und Versorgungskrisen ins Vorgestern und merken gar nicht, daß auch die vermeintliche Idylle schon bis zur Krise vermarktet worden ist.«

Längst ist die Zeit vorüber, &n der Volksmusik noch »als etwas Heiliges« galt (U-Musik-Chef Carl Michalski vom Bayerischen Rundfunk). Unbekümmert werden derzeit die alten Weisen auf Show getrimmt. Janes Kalseks »Oberkrainer Sextett« reist im eigenen 85 000-Mark-Bus mit einer Licht- und Lautsprecheranlage im Wert von 50 000 Mark umher; seine Bühnenschau hat der amerikanische Choreograph Gene Reed einstudiert.

Mit dieser Show ist Kalsek in einen Markt eingebrochen, auf dem jahrelang vor allem die »Original Oberkrainer« des Akkordeonspielers Slavko Avsenik kassierten. Im Kampf um die Marktanteile »haben die Musikanten und ihre Anhänger harte Bandagen angelegt.

So schreibt zum Beispiel ein Udo Diemer, Vorsitzender des Original Oberkrainer Fan-Clubs in Wattenheim, Drohbriefe an: Veranstalter von Heimatabenden. »Sie haben«, gab er dem Spielmanns- und Fanfarenzug im Flecken Einzelthum zu bedenken, »die falschen Oberkrainer verpflichtet und sind sich vielleicht noch gar nicht bewußt, welche Folgen es haben kann.« Fazit der Drohung mit »finanziellem Ruin": »Die richtigen, echten, wirklichen »Original Oberkrainer Avsenik' sind an diesem Abend übrigens noch zu einem Gastspiel zu haben.«

Parallel dazu läßt der Avsenik-Entdecker Fred Rauch, »Wunschkonzert"M- oderator beim Bayerischen Rundfunk, Flugblätter mit Konterfei und Unterschrift versenden: »Es ist eine Vorspiegelung falscher Tatsachen, wenn fremde Gruppen unter dem Namen »Oberkrainer das Publikum täuschen und in Veranstaltungen locken, in die die Leute gar nicht gehen wollen.

Um ihr Erstgeburtsrecht zu dokumentieren, haben sich die meisten renommierten Ensembles das Beiwort »Original« im Kapellentitel zugelegt. Dennoch können sie sich der Flut von Kopisten kaum noch erwehren. Für die »Original Egerländer« des Posaunisten und Ex-Jazzers Ernst Mosch hat dessen Plattenfirma Teldec rund 50 Nachahmer ausgemacht. Die Teldec-Konkurrenz Polydor warf alte Volksmusikaufnahmen des Tanzorchesters Max Greger als »Egerländer Kaiserwaldmusik« wieder auf den Markt.

Doch nicht von den Tanzmusik-Profis, die auch auf dem Folkloremarkt absahnen wollen, droht den alten Originalen die größte Gefahr. Sie fürchten vor allem die zahllosen anonymen Musikanten, die -- so ein Volksplatten-Millionär -- »irgendwann ja mal merken müssen, wie leicht heute mit der Sepplhosen-Gaudi großes Geld zu machen ist«.

Allein im »Deutschen Volksmusikerbund«, nur einem von vier ähnlichen Verbänden, sind 80 000 Aktive zusammmengeschlossen. Jedes Jahr nehmen die Verbände rund 5000 Nachwuchsbläser unter 18 auf.

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