Identitätsdebatte »Ein geteiltes Schicksal ist das, was dich zum Juden macht«

Eine Debatte im Schatten der NS-Vergangenheit: Wann kann ein Deutscher sich Jude nennen? Es hängt weder an der Geburt noch an rechtlichen Fragen, meint der Bestsellerautor Tuvia Tenenbom.
Autor Tenenbom in Jerusalem: »So einfach ist das«

Autor Tenenbom in Jerusalem: »So einfach ist das«

Foto: Isi Tenenbom

Anfang September veröffentlichte die »FAZ« einen Beitrag der Berliner Schriftstellerin Mirna Funk. Darin bezichtigte Funk den Publizisten Max Czollek der Täuschung : Sie schrieb sinngemäß, Czollek trete zwar als Vertreter eines betont linksidentitären Judentums auf, verschleiere dabei aber die Tatsache, dass er, den traditionellen Regeln entsprechend, eigentlich gar kein Jude sei. Zuvor hatte bereits der Schriftsteller Maxim Biller Czollek angegriffen . Auch Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, äußerte sich kritisch zu Czollek. 

Die Debatte, die sich daraus entwickelt hat, steht im Spannungsfeld der jüdischen Tradition, der sogenannten Halacha. Ihr zufolge ist nur diejenige Person Jüdin oder Jude, die eine jüdische Mutter hat. Sind diese Regeln noch zeitgemäß? Die Diskussion steht aber auch im Schatten der deutschen Geschichte: Die Nürnberger Gesetze der Nationalsozialisten gaben einst jede Person zur Verfolgung frei, die auch nur einen jüdischen Großvater hatte. Und dann ist da noch das berüchtigte, Hermann Göring zugeschriebene Wort: »Wer Jude ist, bestimme ich«.

Hier nun schreibt Tuvia Tenenbom, in New York lebender Bestsellerautor, bekannt geworden mit Büchern wie »Allein unter Deutschen« und »Allein unter Juden«, in denen er sich intensiv mit Identitätsfragen und dem fortwährenden deutschen Antisemitismus befasst hat. Tenenbom hält sich gerade im orthodoxen Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim auf, wo er an einem neuen Buch arbeitet.

»Wer ist Jude?« ist eine der explosivsten Fragen der israelischen Politik, aber in Wahrheit wurde sie vor Ewigkeiten entschieden, nachzulesen im biblischen Buch von Ruth, unserer ersten Konvertitin: »Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein.« In anderen Worten: Es geht um die Identifikation mit dem jüdischen Volk, seinem Glauben und seinen Gebräuchen, und darum, sich dazu öffentlich zu bekennen: Ich bin Jude, dein Volk ist mein Volk, wir gehören zusammen. So einfach ist das.

In Deutschland treffe ich oft auf Deutsche, die mir sagen, sie seien Juden oder fühlten sich als Juden, aber bei näherem Hinschauen identifizieren sie sich auf keine Weise mit dem jüdischen Volk, sondern allein mit einer bestimmten Erscheinungsform des modernen Judentums, mit dem sie die Liebe zu den Palästinensern verbindet. Diese Deutschen sind eher Palästinenser als Juden – aber in Wahrheit sind sie weder das eine noch das andere. Deutsche, die es lieben, Juden in einer ganzen Vielzahl von Angelegenheiten zu belehren, und das oft auf abschätzige Art, sind keineswegs die Enkel von Juden, sondern Enkel von Judenhassern. Nur weil man in bestimmten Fragen bezüglich, sagen wir mal, der Rechte von Schwulen oder Transgender einer Meinung ist, ist man noch lange kein Jude.

Deutsche, die dringend ihrer Medikamente bedürften

Beim Bekenntnis zum Judentum geht es nicht darum, die psychologischen Probleme zu lösen, die manche Deutsche – ich bitte um Nachsicht – mit ihren SS-Großeltern haben. Und egal, ob man zum Reformjudentum oder zu den Orthodoxen konvertiert, ist das allein ein rechtlicher Vorgang und hat mit Identität wenig zu tun. Ich kenne etliche Deutsche, die zum Judentum übergetreten sind – und das bei den ultraorthodoxen Haredim – und immer noch an Jesus glauben. Sie sind dem Gesetz nach Juden, aber in den Augen vieler Juden, mich eingeschlossen, sind sie psychotische Deutsche, die dringend ihrer Medikamente bedürften.

Das alles hat viel mit der deutschen Geschichte zu tun, aber wenn jemand von all denjenigen, die sich in Deutschland aus welchem Grund auch immer für das Judentum entschieden haben, einmal einem »echten« Juden begegnet, ist ihnen oft eher zum Kotzen zumute und weniger nach geteilter Identität.

Ich zum Beispiel bin nicht religiös. Aber wenn ich durch die Straßen von Mea Shearim gehe, eines Viertels, dessen Gebräuche und Verhaltensweisen ich nicht teile, empfinde ich all diese Menschen dort trotzdem als Teil meiner Familie, als meine Brüder und Schwestern. Geteilte Identität, geteilte Vergangenheit und Zukunft, und, am allerwichtigsten, ein geteiltes Schicksal ist das, was dich zum Juden macht.

Henryk M. Broder, egal, ob ich seine politischen Ansichten ablehnen mag, ist ein deutscher Jude. Maxim Biller, auch wenn ich mit seiner politischen Haltung übereinstimmen mag, ist ein deutscher Deutscher. Broder würde für sein Volk sterben. Biller nicht. Und der Rest von all diesen Deutschen, die der NS-Definition nach Juden sind, egal ob die nun von Göring oder Himmler kommt, gehören eher in die NPD als in irgendeine Versammlung von Juden.

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