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TV-Theater

aus DER SPIEGEL 39/1972

Das Leben ist nur Rohstoff für die Massenmedien; nur die Medien machen das Leben noch lebenswert -- so wohl hat man den Sinn eines radikalen Fernseh-Experiments zu deuten, das die Theater-Gruppe »Video Free America« (VFA) aus San Francisco als Vorgriff auf eine totale TV-Gesellschaft unternommen hat. Protagonisten dieser »Fortlaufenden Geschichte von Carol und Ferd« sind eine Pornofilm-Darstellerin und ihr Liebhaber, ein ausgeflippter, bisexueller Ex-Student. 14 Monate lang ließ sich das Paar beim Streiten, Lieben und Drogengenuß mit Kamera und Mikrophon verfolgen. Die Observation ihrer Intimsphäre, auf Videotape gespeichert, wird derzeit simultan auf jeweils acht Fernsehschirmen dem Theaterpublikum in New York und San Francisco vorgeführt. Die Zuschauer erblicken ein »gigantisches elektronisches Notizbuch« ("Newsweek"), in dem Carol und Ferd eine Medien-Hochzeit à la McLuhan zelebrieren, dem Rauschgift abschwören, schließlich auseinandergehen. Die Dokumentation offenbart auch einen Rückkopplungseffekt: Carol und Ferd wirken wie Schauspieler, sind dabei doch eher Patienten, die mit Hilfe der Kamera nach einer Psychotherapie für ihre Alltagsprobleme suchen.

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