Vergewaltigungs-Verherrlichung "365 Tage" 50 Shades of schlecht

Der polnische Netflix-Film "365 Tage" ist ein großer Erfolg beim Publikum. Nun protestiert unter anderem die Sängerin Duffy, weil sie selbst erlebt hat, was der Film glorifiziert: Entführung, Unterwerfung, Vergewaltigung.
Anna Maria Sieklucka und Michele Morrone in "365 Tage"

Anna Maria Sieklucka und Michele Morrone in "365 Tage"

Foto:

Netflix/ Everett Collection/ picture alliance

Die Dialoge sind Schrott, die jungen nackten Leiber passen gut zueinander, und die Landschaften, Motorjachten und Palastbetten, in denen der Sex abgefilmt ist, sind exquisit ausgesucht. Insofern ist das Netflix-Drama "365 Tage" ein Softpornofilm nach allen Regeln des Genres.

"Ich werde dich so hart ficken, dass man deine Schreie bis Warschau hört", verkündet der extrem gut aussehende Mafiaboss Massimo (Michele Morrone) in einem Moment maximaler poetischer Produktivität. Da ist die schöne polnischen Geschäftsfrau Laura (Anna Maria Sieklucka), der er in ihrem sizilianischen Hotel ein Betäubungsmittel in den Drink kippen ließ, schon seit ein paar Monaten Gefangene in seinem Gangsterheim. Manchmal darf sie ihn gefesselt in seinem Privatjet auf Dienstreisen begleiten. Genau ein Jahr lang, so Massimos Diktat, werde er sie festhalten, damit sie sich in ihn verlieben kann, dann ist sie – gefügig oder nicht – wieder frei. 

Morrone und Sieklucka auf der Yacht

Morrone und Sieklucka auf der Yacht

Foto: ©Netflix/Courtesy Everett Collection/ picture alliance / Everett Collection

Der Film "365 Tage" heißt im Original "365 Dni" und ist ein Werk des polnischen Regieduos Barbara Bialowas und Tomasz Mandes. Er läuft seit Anfang Juni auf Netflix und ist ein Streaming-Hit unter anderem in Deutschland und Großbritannien.

Herrschsucht und erzwungene Unterwerfung

Über eine mehrminütige Szene, in der die Darsteller Sieklucka und Morrone ungefähr in der Mitte des knapp zweistündigen Werks auf einem Motorjachtdeck die körperliche Vereinigung simulieren, wird in den sozialen Netzwerken munter geschwärmt und gestritten, weil manche Zuschauerinnen und Zuschauer sie offenbar für besonders aufgeilend halten. In einigen Besprechungen wurde der Film, der davon erzählt, dass die Gekidnappte ihrem gewalttätigen, aber sanftherzigen Kidnapper nach langem Aufbegehren und Zaudern schließlich verfällt, mit dem Sadomaso-Schundwerk "Fifty Shades of Grey" und dessen Verfilmung verglichen.

Allerdings schildert "365 Tage" im Unterschied zu "Fifty Shades of Grey" einen unzweifelhaft kriminellen Fall von männlicher Herrschsucht und erzwungener weiblicher Unterwerfung. Seit Netflix den polnischen Film zeigt, gibt es Proteste gegen das Drama, das gleich in den ersten Minuten zeigt, wie der männliche Hauptdarsteller eine Flugbegleiterin zwingt, ihn oral zu befriedigen. Der Film verharmlose Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch, beklagte unter anderem die britische Studierendenorganisation "Pro Empower".

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Nun empört sich die britische Sängerin Duffy in einem offenen Brief an den Netflix-CEO Reed Hastings, den die Tageszeitung "The Sun" veröffentlicht hat , über das Werk. "'365 Tage' verherrlicht Sex, Drogenhandel, Entführung und Vergewaltigung von Frauen. Das sollte nicht als Unterhaltungsprogramm dienen", schreibt Duffy. Sie selbst hatte im Februar dieses Jahres berichtet, dass sie vor einigen Jahren entführt, unter Drogen gesetzt und während einer längeren Gefangenschaft vergewaltigt worden war. In ihrem Protestbrief heißt es: "Es macht mich traurig, dass Netflix einem solchen Film, der Kidnapping erotisiert und sexuelle Gewalt verzerrt darstellt, eine Plattform bietet."

Tatsächlich zeichnet sich der Mafiaboss Massimo in "365 Tage" durch eine enorme Rohheit und Geistesschlichtheit aus. Als sein Entführungsopfer einmal die Hinrichtung eines anderen Mafioso mitansieht, verkündet der Killer über den in einem Folterkeller Exekutierten: "Glaub mir, er hat's verdient." Als die entführte Heldin Laura fliehen will, packt er sie, schleudert sie in einen Polstersessel und gelobt: "Ich werde nichts gegen deinen Willen tun." Da hat er bereits sein Knie zwischen ihre Schenkel gewuchtet und knetet mit der Hand ihre Brust, bevor er anfängt, sie zu würgen. 

Bloß ein schlechter Witz?

Es scheint so, als hätten sich viele Medienmenschen dazu entschlossen, "365 Tage" für einen sehr schlechten, aber im Grunde belanglosen Witz zu halten. Der Film sei "dumber than hair", dumm wie Bohnenstroh, urteilte "Variety" . Er sei "das Schlechteste, was ich je gesehen habe", schreibt der Kritiker der "Cosmopolitan" . Der "Guardian" befand , das polnische Werk sei gemacht für triebgesteuerte Menschen, die gerade mal intelligent genug seien, sich einen Netflix-Account zuzulegen, aber leider zu doof, die Internetadresse einer Pornoseite korrekt in das Browserfenster ihres Computers einzutippen.

"Als ich selbst entführt und vergewaltigt wurde, bin ich gerade noch mal davongekommen. Viele hatten dieses Glück nicht. Und nun muss ich mir diese Tragödie, meine Tragödie, derart verharmlost ansehen", argumentiert Duffy in ihrem Protestschreiben.

Gefesselte Laura, Kidnapper Massimo

Gefesselte Laura, Kidnapper Massimo

Foto: ©Netflix/Courtesy Everett Collection/ picture alliance / Everett Collection

In einem Schlüsselmoment des Films, als die Heldin endlich gebrochenen Willens um Sex mit ihrem Entführer bettelt, schließt der sogar die Ketten auf, mit denen er sie an eine Luxusbettstatt gefesselt hat. Das ändert aber nichts an der Botschaft des Films. "Das Leben basiert darauf, dir mit Gewalt zu nehmen, was du willst", behauptet der Entführer Massimo triumphierend. Dass der Film "365 Tage" diese Moral ebenso von Sinnlichkeit besoffen wie besinnungslos feiert, macht ihn nicht bloß zu einem doofen, sondern auch zu einem ekligen Produkt.