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TV-Parodie auf ProSieben: Ikonen des TV-Irrsinns

Foto: ProSieben

"Switch Reloaded" Das Gebiss des Grauens

Proll-Millionäre zeigen ihre Zähne, Zombies verlesen die News: Die grandiosen Parodisten von "Switch Reloaded" tauchen in der neuen Staffel wieder tief hinab in den deutschen TV-Irrsinn - und nehmen sogar vorweg, wie sich Markus Lanz bei seinem "Wetten, dass..?"-Einstand schlägt.

Sie gehören zu den Menschen, die 24 Stunden am Tag fernsehen? Sie glauben, Sie kennen alles, was im TV läuft? Sie meinen, Ihnen sei keine noch so kleine, kranke Charge aus den Niederungen des Informations- und Unterhaltungsbetriebs unbekannt? Mag sein.

Aber so, wie solche Chargen in "Switch Reloaded" in Szene gesetzt werden, hat man sie noch nie gesehen: Details werden herausgearbeitet und unters Vergrößerungsglas gezerrt, bis das Wesen einer Person und deren mediale Funktion grausam deutlich hervortritt.

Die TV-Parodie "Switch Reloaded", die sich über die Jahre zu einer der imageträchtigsten Serien von ProSieben entwickelt hat, ist Fernsehkritik in ihrer wirkungsmächtigsten Form. Für Parodierte und Kritisierte ergibt sich daraus ein zweifelhafter Status: Sie werden zu Ikonen des TV-Irrsinns.

Wer würde denn, ganz ehrlich, den Namen der ARD-Börsenexpertin Anja Kohl kennen, hätte sie die "Switch"-Darstellerin Martina Hill nicht berühmt gemacht? Wenn Hill als Kohl in den letzten "Switch"-Staffeln mit aufgerissenen Augen und wirrem Haar die Kurse als Mischung aus Beat-Prosa und Bauernweisheiten vortrug, brachte sie damit eine Wahrheit über Wirtschaftsjunkies auf den Punkt - der Dax ist die geilste Droge der Welt.

Untot, aber immer auf Sendung

In der sechsten Staffel von "Switch Reloaded", die am Montag startet, nimmt sich Hill nun einer unbekannteren News-Dame auf einem unbekannteren Sendeplatz an: der N24-Anchor-Lady Tatjana Ohm. Leblos leiert diese Hill-Ohm ihre Null-Meldungen ab, ihre Brüste wippen umso lebendiger. Die Dame spricht wie ein Ticker-Laufband. Untot, aber stets auf Sendung. Eine schöne Allegorie auf den hart umkämpften Nachrichtenmarkt, auf dem die Sender immer mehr Aktualität simulieren müssen, während immer kleinere Budgets die Mitarbeiter an ihre Grenzen bringen. Warum also nicht gleich einen Moderationszombie vor die Kamera setzen?

Hills Ohm zeigt, dass "Switch Reloaded" nichts an Brillanz und Brisanz eingebüßt hat. Quer durch alle Regionen des TV kämpfen sich die Parodisten, vom Bildungsfernsehen über Brachial-Soaps bis zu den großen Samstagabendshows.

Gespannt darf man auf ein Special innerhalb der jetzigen Staffel sein, das auf die erste "Wetten, dass..?"-Ausgabe mit Markus Lanz am 6. Oktober vorgreift (der genaue "Switch"-Sendetermin steht noch nicht fest). Man wird quasi mit neuen und schon eingeführten Charakteren (etwa Max Giermann als Lanz selbst) das Ereignis parodieren, bevor es überhaupt stattgefunden hat. Ein böses Statement zur Vorhersehbarkeit des deutschen Fernsehens.

Beim "Switch"-"Wetten, dass..?" wird unter anderem auch Prolo-Millionär Robert Geiss, der Star der RTL-II-Dokusoap "Die Geissens", auftreten beziehungsweise "Switch"-Darsteller Martin Klempnow. Ein neues Highlight der aktuellen Staffel: Die getunte Zahnleiste beim "Switch"-Geiss ist so groß und glitzernd wie die Rolex am Arm. Also: Fresse aufreißen, Reichtum zeigen! Damit ist nebenbei auch das Prinzip der Glamour-Soaps beschrieben, mit der RTL II sein Nachmittags-, Primetime- und Nachtprogramm vollstopft.

Hitler sagt "Goodbye Großdeutschland"

Nicht ganz so gelungen in "Switch Reloaded" ist die Fortführung der homoerotischen Küchenkumpelei von Johann Lafer und Horst Lichter, die nun in der, hihihi, Badewanne inklusive Einseifen mit Butter endet. Und auch die für die sechste Staffel entwickelte Verulkung des Erfolg-"Tatort" aus Münster schleppt sich (jedenfalls nach den Szenen zu schließen, die ProSieben vorab zugänglich gemacht hat). Vielleicht liegt es daran, dass die TV-Ermittler Jan Josef Liefers und Axel Prahl selbst schon das Krimi-Fach aufs Korn nehmen. Die Parodie einer Parodie ist schwierig.

Aber nicht unmöglich: Großartig, wie die "Switch"-Macher ihre Hommage an den Sender-Kollegen "Stromberg", das andere Vorzeigeprodukt von ProSieben, weiterdrehen. Verwandelten sie die Comedy über den Büro-Diktator in den vorherigen Staffeln in eine Braunhemd-Groteske samt schnauzbärtigem Titelhelden, so erzählen sie die Geschichte jetzt in Form einer Auswanderer-Soap weiter. Frei nach dem Vox-Vorbild lautet der Titel: "Goodbye Großdeutschland".

Der "Switch"-Mann Michael Kessler liefert dafür die einzige wirklich witzige deutsche "Führer"-Variation der Filmgeschichte: Sein Hitler geht mit seiner Entourage nach Argentinien und will dort ein Schnitzelrestaurant eröffnen. Wie einer dieser Vox-Auswanderer lamentiert er über seine schlechten Erfahrungen mit der Heimat. Das Wetter! Die Bürokratie! Die ständige Miesmacherei!

Das Erzählprinzip einer Auswanderer-Doku im Privatfernsehen ist ja immer das gleiche: Man klagt darüber, dass in Deutschland alle klagen, und schuld an der eigenen Misere sind sowieso nur die anderen. Das gilt jetzt sogar für Hitler. Auch Kesslers verzagter "Führer" glaubt nicht mehr an das deutsche Wesen, daran kann die Welt nicht mehr genesen. Dann lieber ein sauberer Cut.

Oder wie es Hitler/Stromberg/Kessler bei "Switch Reloaded" treuherzig in die Kamera sagt: "Ich hatte in letzter Zeit ein bisschen Probleme, da hat mir jemand Stalingrad in Rechnung gestellt."


"Switch Reloaded", montags, 22.15 Uhr, ProSieben

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