About You Awards bei ProSieben Und wie lit ist dein Avocadotoast?

Der TV-Sender ProSieben hat Influencer mit einem Preis ausgezeichnet. Anja Rützel hat sich das angeschaut, sich furchtbar fremdgeschämt - und trotzdem noch einen Text abgegeben, zum Glück.
Von links nach rechts: Bill Kaulitz, authentischer Sänger der Band Tokio Hotel, Heidi Klum, authentisches Model, und ihr authentischer Verlobter, Tom Kaulitz, Sänger der Band Tokio Hotel

Von links nach rechts: Bill Kaulitz, authentischer Sänger der Band Tokio Hotel, Heidi Klum, authentisches Model, und ihr authentischer Verlobter, Tom Kaulitz, Sänger der Band Tokio Hotel

Foto: Matthias Balk/ DPA

Die Welt der Influencer ist ein rätselhafter Ort, an dem man sich mit Lichterketten umschnürt und mit Weichspüler schmust.

Nur logisch, dass man diese Tätigkeiten mit einem eigenen Preis feiern sollte. Pro Sieben zeigte die About You Awards, ausgelobt von einem Online-Modeshop.

Die acht unangenehmsten Momente.

1. Fotograf und Juror Paul Ripke trägt Gesundheitsschlappen und findet alles "lit": Eine Nominierte habe einen "litten Instagram-Account", oberaffengeilt er sich schon durch seine erste Moderation, dass man sich beim Zuschauen vor lauter Teenie-Ranschmeiße-Fernscham schwört, sofort alle eigenen Jeans zu verbrennen und nie mehr Sneaker zu tragen. Jurymitglied Jerome Boateng sei "der litteste Fußballer", geht es dann munter so weiter, und man fürchtet sich für den Rest der Sendung, dass er gleich noch spontan diesen Tanz aus "Fortnite" zeigt.

Lena Gercke, man kennt sie als "Gewinnerin der ersten Staffel der Castingshow Germanys Next Topmodel im Jahr 2006"

Lena Gercke, man kennt sie als "Gewinnerin der ersten Staffel der Castingshow Germanys Next Topmodel im Jahr 2006"

Foto: Matthias Balk/ DPA

2. Auch die Restjury ist ausgesprochen wunderlich. Die Models Lena Gercke und Doutzen Kroes tragen das gleiche rote Kleid, Jerome Boateng liest seine Moderation so stockend ab, als sei er ein Entführungsopfer, das telefonisch die Forderungen seines Verschleppers durchgibt, während der mit gezogener Waffe hinter ihm steht, und Rapper Cro wirkt bei seiner Laudatio nur so semifahrtüchtig: "Ein Global Player sein ist dope, ist dope."

3. Greta Thunberg bekommt einen Award in der Kategorie "Empowerment", was sehr lustig sein könnte, wenn es nicht so scheinheilig wäre: Gerade noch lief ein Einspielerfilmchen, für das man drei Kandidaten sinnlos nach Los Angeles geflogen hatte, und am Tag vor den Awards konnte man zahllose Instagramstories sehen, in denen die eingeladenen Influencer aus ganz Deutschland zur Preisverleihung reisten - natürlich mit dem Flugzeug. Aber die Awards-Veranstalter hätten ja versprochen, ausgleichenderweise 2200 Bäume zu pflanzen, berichtet Doutzen Kroes, also sollte das schon klargehen, und sie selbst ist auch schwer auf Weltverbesserungskurs: "I'm fighting the elephant ivory crisis". Elefanten, so süß!

4. Mike Singer, 19, jünger wirkend, singt ein Lied darüber, wie er eine verdrogte Frau aus dem Klub abschleppt, reimt aber immerhin recht sauber "noch ein' Moet" auf "mein Portemonnaie".

5. Jurymitglied Enissa Amani hält einen sehr langen, extrem sonderbaren Vortrag darüber, dass sie sich als Stand-upperin diskriminiert fühlt, wenn man sie "Komikerin" nennt (und dass sie sich "Nutten" für ihre Bühnenshow wünscht). Ja, sie kündigt gar an, nach Nicaragua auswandern zu wollen, um dort fürderhin Papayas zu züchten, sollte sie von der Presse noch einmal als "Komikerin" bezeichnet werden, sofort wolle sie ihre Bühnenkarriere beenden, müsste sie den unsachgemäßen Begriff "Komikerin" noch einmal über sich lesen, "ich schwöre, ich schmeiß alles hin", weshalb man sie wirklich auf keinen Fall mehr "Komikerin" nennen sollte, denn spätestens nach dieser Rede kann einfach keiner wollen, dass wir diese Komikerin an die Fruchtproduktionsbranche verlieren. (Nur noch mal zur Sicherheit: Komikerin.)

Heidi Klum, authentisches Model

Heidi Klum, authentisches Model

Foto: Matthias Balk/ DPA

6. Angeblich will diese Preisverleihung "Authentizität feiern". Aber dann darf ein Mensch aus dem Publikum ein Selfie mit Heidi Klum machen, und es wird eine längere Prozedur daraus, weil eine ganze Reihe von Fotos geschossen werden muss, bis ein Bild dabei herauskommt, auf dem sich alle gefallen, es ist schon ein Kreuz mit diesem anstrengenden Echt- und Ungekünsteltsein. Heidi Klum bekam übrigens den Preis für ihr Lebenswerk, der aber irgendwie anders hieß, weil "Lebenswerk" eben auch nach "sehr alt" klingt. Klum hatte dann auch noch eine Botschaft an alle "haters": "Stop hating!" Stattdessen solle man sich vom Sofa erheben und selbst etwas Positives tun, und wie so etwas ungefähr aussehen könnte, hatte sie direkt vor der Awards-Sendung selbst in ihrem durchweg superpositiven Format "Germany's next Topmodel" schon mal demonstriert.

7. Die Einspielerfilmchen zu den Nominierten flunkern ganz gern: Der Betreiber des Instagram-Accounts Tommyviews studiere Medizin und sei "ganz nebenbei" ein erfolgreicher Influencer geworden, Tinytina habe es durch ihre Natürlichkeit zur erfolgreichen Newcomerin geschafft. Ja, vielleicht. Möglicherweise hat ihre große Followerzahl auch ein winziges bisschen damit zu tun, dass Ersterer mit einer bereits sehr erfolgreichen Influencerin zusammen ist, und dass Zweitere die Cousine von Dagibee ist, in deren Videos sie diverse Male auftrat. Besonders kühn geriet allerdings die Behauptung, der als "Newcomerin" nominierte Franziska Elea gelinge, was "viele Politiker" leider nicht schafften: junge Menschen zu inspirieren. Zum Beispiel dazu, sich beim Yoga einfach mal eine Ananas auf den Kopf zu stellen oder vor dem Eiffelturm jemanden zu küssen und dabei das eine Bein so niedlich abzuwinkeln.

Riccardo Simonetti, der Lichtblick

Riccardo Simonetti, der Lichtblick

Foto: Matthias Balk/ DPA

8. Es gibt sehr viele Piep-piep-piep-Ansprachen - wir sollen uns einfach alle lieb haben, verlangt zum Beispiel Sandra Lambeck, Gewinnerin in der Kategorie Style, denn es passierten gerade "so viele unschöne Dinge" auf der Welt, die schon rein farblich nicht so gut zu den neuen Dior-Sandälchen passen. Ihr Blitzrezept für Weltfrieden: "Jeder kehre vor seiner eigenen Tür, und die Welt ist sauber." Cro rief dazu auf, "alle Grenzen zu sprengen": "Die ganze Welt soll sich lieben." Wirklich überzeugend wirkte an diesem Abend tatsächlich nur Riccardo Simonetti, der den Titel "Idol of the Year" gewann und hochsympathisch und natürlich darüber sprach, wie er als "schwuler Junge vom bayrischen Land" diskriminierten Menschen zeigen wolle, dass jeder von ihnen einen Platz in der Gesellschaft habe. Er habe vielleicht nicht die besten Instagram-Statistiken, sagte er: "So ein Posting über Aidsaufklärung likt sich halt auch nicht so gut wie ein Avocadotoast".