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Gefängnis-"Tatort": Das Schweigen hinter den Gitterstäben

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"Tatort"-Abschied für Nina Kunzendorf Eine Frau für jeden Abgrund

Mit einer Kommissarin wie ihr geht der Zuschauer überall hin: Nina Kunzendorf stiefelte mit Boots, Tops und lässiger Erotik durch die Elendszonen Frankfurts. Eine Last, die man ihr nie ansah, die ihr aber doch zusetzte. Jetzt verabschiedet sich die Erin Brockovich des "Tatort" - und wird von Margarita Broich abgelöst.

Optimismus ist ein Luxus. Besonders in dem geballten Elend, in dem die Frankfurter "Tatort"-Kommissare ermitteln müssen, also zwischen Trinkern und Triebtätern, zwischen Bahnhofsviertel und Reihenhausvororten. Hauptkommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf) hat sich diesen Luxus immer gegönnt. Stiefelte da in Cowboyboots und farbenfrohen Tops durch Frankfurts Elendszonen, strahlte den gesamten Dreck um sie herum einfach weg. Und Kollege Steier (Joachim Król)? Krümelte im knittrigen Säufer-Trench hinter ihr her und sammelte die unangenehmen Details auf, die sie liegengelassen hatte. Gute Arbeitsteilung.

In der aktuellen Episode strahlt Mey noch einmal so. Erzählt dem Kollegen Steier, wie sehr sie ihren Beruf liebt, wie sie daran glaubt, die Welt verbessern zu können, und wie sie diesen Glauben an den Polizei-Nachwuchs weiterzugeben gedenkt. Als Dozentin im fernen Kiel möchte sie arbeiten, da würde sich der Kollege doch sicher mitfreuen, schließlich kenne man sich ja schon eine Weile. Tolle Rede.

Steier - noch verkatert oder schon wieder blau, man weiß das bei ihm nie genau - hört sich die euphorische Ansprache still an. "Es stimmt Frau Mey, wir kennen uns schon eine ganze Weile", sagt er schließlich. "Aber eine größere Scheiße haben sie noch nicht von sich gegeben."

Die restlichen 45 Minuten wird dann nicht mehr so viel miteinander gesprochen, eher nebeneinander hergearbeitet. Die aktuelle Episode spielt überwiegend in einer Justizvollzugsanstalt, die Stimmung ist stickig bis zickig. Wahrscheinlich sind die Darsteller nur einfach wieder sehr gut, kann aber auch sein, dass sich die persönliche Anspannung auf den Film übertrug.

Mit Kunzendorf in die Dunkelheit

Kunzendorf wollte schon länger aus dem "Tatort" raus, weil sie mit ihrer Rolle fremdelte. Angeblich fand sie die lässige Erotik, die ihre Figur zu jeder Zeit und Unzeit verstrahlt, auf Dauer zu anstrengend. "Wer das Schweigen bricht" ist ihre fünfte und letzte "Tatort"-Folge für den HR. Als eine Art Erin Brockovich Frankfurts hatte Kunzendorf auch strategisches Gewicht; mit so einer durchschreitet man gerne die düstersten Abgründe der Stadt. Es soll lange Diskussionen gegeben haben, um die Schauspielerin zu halten. Vergeblich, Brüche in Kunzendorfs Privatleben mögen ihre Aufbruchslust verstärkt haben.

Król hätte fortan wohl gerne verzichtet auf einen weiblichen Sidekick, der ihm die Show zu stehlen droht. Für eine gerade abgedrehte Folge wurde ihm allerdings die tolle Alwara Höfels ("Tatortreiniger") zur Seite gestellt, die bei vielen ihrer Auftritte im Kino oder Fernsehen eine ähnlich nonchalante, aber niemals nachlässige lustvolle Heiterkeit wie Kunzendorf im "Tatort" verbreitet. Am Ende soll Król auch seinen Frieden mit Höfels geschlossen haben.

An sie gewöhnen darf er sich trotzdem nicht. Für die Zukunft wird vom HR eine gleichberechtigte weibliche Ermittlungsinstanz gesucht, gerne ein kleines bisschen älter, schließlich muss sie dem Menschenfeind Steier Paroli bieten können. Der Findungsprozess läuft auf Hochtouren, denn schon in der zweiten Jahreshälfte wird wieder gedreht. Will man die neue Co-Hauptdarstellerin angemessen bei der Drehbuchentwicklung berücksichtigen, muss sehr bald ein Ergebnis her.

(Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat der HR die Nachfolgerin Kunzendorfs bekannt gemacht. Margarita Broich wird von November an der weibliche Gegenpart zu Joachim Król.)

Bei der Gefängnis-Episode "Wer das Schweigen bricht" glaubt man all diesen Druck hinter der Kamera auch vor der Kamera zu spüren. Das Drehbuch schrieb Lars Kraume, der als Schöpfer des Kunzendorf/Król-"Tatort" den starken Formwillen mit in das Projekt gebracht hat. Regie führte Edward Berger, der bei der Buchentwicklung zum harten Münchner Cop-"Tatort" vor zwei Wochen sein Gespür für dichte Milieuzeichnungen unter Beweis gestellt hat.

Hier lässt Berger die Ermittler Mey und Steier in die Gefängniswelt und deren eigenes Regelwerk hinabsteigen. Er zeichnet die unerwarteten Allianzen hinter Gittern nach, etwa zwischen Neonazis und Migranten, und taucht in die Stille nach dem Schließen ein. Die Wortlosigkeit, die den Ermittlern hier von den Insassen entgegenschlägt, breitet sich bald auch zwischen ihnen aus. Selbst die geschmeidige Rekonstruktion des Verbrechens, die Steier und Mey sonst immer mit einer sonderbaren Lust am Tatort vollzogen, wird nur noch routiniert abgespult.

Was bleibt, ist das Schweigen und das kalte Klirren von Metall auf Gitterstäben. Am Ende des Knast-Krimis freut man sich als Zuschauer auf einen kleinen Spaziergang vor der Haustür. Muss Nina Kunzendorf nach den Dreharbeiten zu ihrem Abschieds-"Tatort" ähnlich gegangen sein. Endlich frei.


"Tatort: Wer das Schweigen bricht", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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