Apokalypse-Serie "Acht Tage" Ein Crack-Pfeifchen auf den Weltuntergang

Wer Drogen hat, wirft sie ein. Wer Waffen hat, tötet mit ihnen: Die Sky-Serie "Acht Tage" über einen Asteroideneinschlag in Europa erzählt vom Zerfall vor dem Knall - mit zum Teil überraschendem Tiefgang.

Sky/ Neuesuper

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Vielleicht haben Sie es in der Zeitung gelesen: Die Welt geht unter, und zwar recht bald. Acht Tage vor dem Start der Serie "Acht Tage" schaltete der Sender Sky letzte Woche bei deutschen Boulevardzeitungen Anzeigen auf den Titelblättern, die in großen Lettern ankündigten, dass ein Asteroid Europa zerstören würde. Die Anzeigen waren wie Artikel aufgebaut, gaben Auskunft über Überlebenschancen, Bunkerplätze und Regierungsversagen. 1-a-Katastrophenjournalismus.

Nur ein Fake, zum Glück, leider, je nachdem wie man es sieht. Als Glaubwürdigkeitskampagne für den deutschen Journalismus funktionierte die Aktion jedenfalls nicht.

Geschaltet waren die teuren Seite-1-Anzeigen in den Boulevardblättern des kriselnden DuMont-Zeitungshauses, etwa in der "Hamburger Morgenpost" und im "Berliner Kurier". Was hätte das für eine spektakuläre Rettungsaktion werden können für DuMont, einer Instanz des deutschen Nachrichtengeschäfts. Half nichts: Diese Woche wurde bekannt, dass der 1802 gegründete Verlag offenbar am liebsten alle Blätter im Paket verramschen würde.

"Acht Tage"-Anzeige in der "Hamburger Morgenpost"

"Acht Tage"-Anzeige in der "Hamburger Morgenpost"

Das passt ganz gut zur süffigen, süffisanten und sich freudig in die Zerstörung schmeißenden Katastrophenserie, in der jede Rettungsaktion grandios scheitert und auf keine Instanz mehr Verlass ist. Nicht auf den Bündnispartner Amerika, nicht auf die europäischen Nachbarn, schon gar nicht auf die deutsche Regierung.

Bruce Willis ist fern

Dass die Raketensysteme der USA den Asteroiden zerstören könnten, hat sich als Illusion entpuppt; einen amerikanischen Helden wie Bruce Willis, der in "Armageddon" ja noch selbst auf den auf die Erde zuschießenden Himmelskörper gestiegen ist, um ihn zu zerstören, sucht man in "Acht Tage" vergeblich. Einen deutschen Helden auch. Überall nur Lügner und Betrüger. Die Staatsmacht, in der Serie ein rechtspopulistischer Haufen, angeführt von einer Frau namens Bettina, nun ja, Gauland.

Diese Attrappe einer Bundesregierung tat ein Jahr lang so, als baute man Bunkeranlagen für die Bevölkerung, jetzt werden die wenigen benutzbaren Bunkerplätze per Lotterie verteilt. Und die Bundeswehr spielt am Bundeskanzleramt ergreifend einen letzten Zapfenstreich, kriegt die marodierenden Massen aber nicht mehr in den Griff.

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Sky-Serie "Acht Tage": Apokalypse und Ekstase

Mitten drin im Chaos: Mittelstandsfamilie Steiner, Vater, Mutter, zwei Kinder, ein Hamster. Sie (Christiane Paul) ist Ärztin und hat im Verlauf der Serie viele Wundbrände zu versorgen. Er (Mark Waschke) ist Physiker und besitzt als solcher hohes spezifisches Knowhow - durch das er den Asteroiden auch nicht aufhalten kann. Die Ehe ist schon lange kaputt, das Eigenheimparadies war bereits vor der Katastrophe zerbrochen. Und den Traum vom eigenen Bunker werden sich die Steiners auch nicht mehr erfüllen können.

Prepper-Grotten mit DVD-Schrott und Dosenfutter

Anders die Prepper in dieser Serie. Die Weltuntergangsspezialisten haben zwar drastische soziale Defizite, dafür aber auch apokalyptischen Weitblick. Sie bauten sich schon früh selbst Bunker und bereiten sich nun auf die Machtübernahme nach der Zerstörung vor; Frauen können durch Sex mit den Untergangsfanatikern einen Platz in den mit DVD-Schrott und Dosenfutter vollgestellten Prepper-Grotten erwerben. Auch ganz in ihrem Element sind die Jesusjünger, die sich mit Crackpfeifen für den Feuersturm in Stimmung bringen, den sie als gottgesandt sehen.

Wer Drogen hat, wirft sie ein. Wer Macht hat, missbraucht sie. Wer Waffen hat, tötet mit ihnen. Die "Acht Tage"-Regisseure Stefan Ruzowitzky und Michael Krummenacher setzen die Serie Genre-gemäß als Entfesselungsakt ins Bild. Der Österreicher Ruzowitzky war einer der ersten, der konsequent Genre-Stoffe ins deutschsprachige Kino importierte; mit den "Anatomie"-Filmen Anfang der Nullerjahre übersetzte er die Konventionen des damals gängigen US-Collegehorrors in deutsche Hörsäle, mit dem oscargekrönten KZ-Film "Die Fälscher" machte er in Form eines Gangsterdramas den Holocaust zum Thema.

"Acht Tage" - entwickelt und geschrieben von Rafael Parente, Benjamin Seiler und Peter Kocyla - erzählt nun dem Genre gemäß von der Erosion aller Werte in Erwartung des Weltuntergangs. Vom Zerfall vor dem Knall. Aber auch von der Versöhnung vor der vollen Dröhnung. Denn Apokalypsefilme sind ja auch immer Familienfilme, in denen das Ende der Welt einen Neubeginn der Liebe möglich macht.

Und an dieser Stelle entwickelt Ruzowitzkys munteres und, zugegeben, manchmal auch ein bisschen mechanisch der Zerstörung zutreibendes Spektakel eine unerwartete Tiefe. Den acht Krawumms-Folgen sind stille Präludien vorangestellt, die weit aus der Gegenwart zurückgehen und jeweils eine Figur aus der Familie oder deren Umfeld psychologisch ausleuchtet. So geht es in einer Folge um den Großvater (Henry Hübchen), der zu Zeiten der DDR in der Volksarmee war und sich dort unsterblich in einen Kameraden verliebte, den er nun, über 40 Jahre später, wieder besucht. Eine Geschichte, die an den jüngsten Roman von Christoph Hein erinnert.

Ein anrührendes schwules Ost-West-Drama, das sich mit langem Atem über die Jahrzehnte spannt, mitten im Kurze-Lunte-Katastrophensprengsatz - das bringt die Qualität dieser Serie ganz gut auf den Punkt.


"Acht Tage", ab Freitag bei Sky



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
newline 27.02.2019
1. Und niemand
will ein Apfelbäumchen pflanzen?
Sensør 27.02.2019
2. Aha!
Bisher hatte ich die Hamburger Mopo wegen besagter Titelseite zum ultimativen Vollidioten-Blatt deklariert. Bleibt wohl auch dabei ;-)
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