ADAC-Talk bei Günther Jauch Mensch, Meyer

Immer neue Enthüllungen über den ADAC sorgen für Empörung, doch wer steckt hinter dem Skandal? Bei Günther Jauch saß Vereinspräsident Peter Meyer in der Runde: Professionell kochte er seine Gegenredner ab - und zeigte, warum man ihn nicht voreilig abschreiben sollte.

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Wer hätte das gedacht? Peter Meyer kam tatsächlich zu Günther Jauch. Der ADAC-Präsident hatte nach Bekanntwerden des Manipulationsskandals lückenlose Aufklärung versprochen, aber wenig geliefert. Stattdessen gab der ADAC immer nur zu, was ohnehin bekannt werden würde. Sich wegducken und Jauch einen Korb geben, wäre konsequent gewesen. Meyer entschied sich anders.

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Heft 6/2014
Plädoyer für ein Sterben in Würde

Eine mutige Entscheidung, könnte man meinen. Schließlich war es eine klassische Alle-gegen-einen-Konstellation. Neben Meyer waren geladen: Ferdinand Dudenhöffer, Autowissenschaftler und scharfer ADAC-Kritiker, Uwe Ritzer, Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und maßgeblich für die Enthüllungen der vergangenen Wochen verantwortlich. Außerdem Franz Rother, Stellvertretender Chefredakteur bei der "Wirtschaftswoche" und Margaret Heckel, Journalistin.

Die Show war für Meyer ein Spaziergang. Jauch hatte sich offensichtlich mit seiner Redaktion darauf verständigt, nach und nach die Erkenntnisse der vergangenen Wochen abzuarbeiten. Meyer musste, mehr oder weniger beherzt unterbrochen von seinen Gegenrednern, dazu Stellung beziehen. Der ADAC-Präsident nutzte zu seiner Verteidigung vier Taktiken, die er geschickt einsetzte.

"Ja, da müssen wir besser werden"

Den Vorwurf, dass der ADAC unter dem Deckmantel des Vereins als knallharter Versicherungskonzern agiere, konterte er mit schönsten Wirtschaftswunder-Assoziationen (Taktik Nummer eins): Wie die Jungfrau zum Kind sei der ADAC zur Versicherungssparte gekommen. Damals nämlich, als die Deutschen anfingen, das europäische Ausland zu bereisen. Auch in Frankreich oder Italien wollten sie von den Gelben Engeln gerettet werden. Weil diese Leistung aber nur im Rahmen einer Versicherung angeboten werden konnte, sei dieses Geschäftsfeld entstanden. Und vor dem geistigen Auge der Zuschauer entstand in diesem Moment auch etwas, nämlich das rührende Bild eines auf dem Brenner-Pass gestrandeten VW-Käfers in schönstem Kodak Color - samt herbeieilendem Mechaniker.

Wenn Betulichkeit nicht gefragt war, verwirrte Meyer mit Taktik Nummer zwei: Fachwissen über Detailtiefen, in die keiner auf die Schnelle folgen konnte. Zum Beispiel darüber, wer jetzt eigentlich wie die Pannenstatistik erstelle und dass sie nicht repräsentativ sei. Das aber - Hundeblick - habe der ADAC auch nie behauptet.

An dieser Stelle zeigte sich Jauch überraschend schlagfertig. Als Meyer seine Taktik Nummer drei anwandte ("Ja, da müssen wir in Zukunft besser werden, viel transparenter" - Hundeblick), hakte er nach: "Sie veröffentlichen die Pannenstatistik ja seit 1970. Und erst nach 44 Jahren merken Sie, dass es da an Transparenz mangelt?"

Ungeschicktes Manöver von Jauch

Trotzdem wurden in der ganzen Sendung keine Wirkungstreffer gegen Meyer gelandet. Die Vorwürfe waren bekannt, er hatte sich entsprechend gewappnet. Selbst Ritzer von der "Süddeutschen", der sich in der Thematik auskennt wie wohl kaum jemand in Deutschland, konnte dem wenig entgegensetzen.

In der Mitte der Talkrunde befragte Jauch etwas unglücklich Ferdinand Dudenhöffer. Der hatte zuvor die Debatte zusammen mit Ritzer noch am ehesten belebt. Doch dann wollte Jauch von Dudenhöffer wissen, warum der es eigentlich so auf den ADAC abgesehen habe und ob er erst ein scharfer Kritiker des Vereins geworden sei, als dieser nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollte. Dudenhöffers Rolle im Konflikt mit dem ADAC mag umstritten, und seine Motive mögen unklar sein, aber seiner Gesprächsrunde hatte Jauch mit diesem Manöver keinen Gefallen getan. Anschließend hatte einer seiner stärksten Protagonisten deutlich an Glaubwürdigkeit verloren.

Die Debatte litt zudem daran, dass zu wenig nachgehakt wurde: Zum Beispiel, als Ritzer auf den Ursprung des Skandals zu sprechen kam. Dieser lag im offensichtlich extrem miesen Betriebsklima in der Firmenzentrale. Immerhin hatten sich ADAC-Mitarbeiter zum Durchstechen der Informationen über den manipulierten Preis entschlossen. In diesem Moment hätte Jauch Meyer als Verantwortlichen zur Rede stellen müssen - doch nichts geschah.

Rücktritt? Nein, daran denkt der ADAC-Präsident nicht

Mehr Spannung versprach die Debatte um die politische Einflussnahme durch den ADAC: Sind nicht vielleicht die Mitglieder in zentralen Fragen, zum Beispiel dem Tempolimit, ganz anderer Meinung als die ADAC-Spitze? Das werde in Zukunft alles ganz anders werden, stimmte Meyer sein Lied von der großen Veränderung an. Man wolle sich deutlich enger mit den Mitgliedern abstimmen und deren Meinung in repräsentativen Umfragen ermitteln. Auch hier hätten Jauch oder andere Talk-Teilnehmer nachsetzen müssen. Denn wenn stimmt, was Insider sagen, gab es diese Umfragen bereits in der Vergangenheit. Es hat sich nur niemand darum geschert.

Vermutlich aber wäre Peter Meyer dieser Frage wie mehrfach zuvor mit Taktik Nummer vier begegnet und hätte behauptet, er habe davon nichts gewusst. Und/oder ihm seien diese konkreten Fälle nicht bekannt. Hundeblick.

Die meisten Menschen werden sich beim Thema ADAC irgendwann gefragt haben, wer hinter dem Skandal steckt. Was für Menschen müssen das sein an der Spitze, die einen solchen Missbrauch betreiben, oder zumindest dulden? Welche Arroganz und Selbstherrlichkeit müssen dort herrschen? Seit Sonntagabend wissen wir: Es ist kein schriller Despot, sondern ein Mann vom Typ Sparkassenfilialleiter. Einer, der durchaus nett wirken kann.

Ob er in den vergangenen Tagen an Rücktritt gedacht habe, war Jauchs letzte Frage an Meyer. Nein, sagte der ADAC-Präsident, er sehe es als seine Aufgabe, alles, was hier passiert sei, ins Reine zu bringen. Es klang auf eine seltsame Art plausibel.

Insofern blieb nach einer Stunde ziemlich allgemeinen Autoclub-Geredes nur eine nennenswerte Erkenntnis: Wenn nicht noch eine glasklar ihm zuzurechnende Fehlhandlung zutage gefördert wird, bleibt Meyer wohl im Amt. Am Ende bedankte sich Günther Jauch beim ADAC-Präsidenten dafür, dass dieser gekommen sei: "Sie haben es sich ja nicht leicht gemacht."

Nach dieser Runde hätte sich Meyer bei Jauch bedanken müssen.

insgesamt 139 Beiträge
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Seite 1
michpama 03.02.2014
1. ich erinnere mich...
...daran, dass ich immer noch in einem Verein bin, der mich mal vor Jahren Nachts um 01:15 ziemlich dumm hat stehen lassen, nachdem mein Autoschlüssel im Wagen war und mir der ADAC gesagt hat: Wo sind Sie...? Da fährt von uns jetzt keiner mehr hin, schlagen Sie doch einfach Ihre Scheibe ein... Super Verein...
Uwe S. 03.02.2014
2. Jauch ist doch...
...völlig überschätzt und unfähig. Oder womöglich auch noch...parteiisch! Fragen nach Kartellamt und Steuerfahndung, Gemeinnützigkeitsprüfung usw. blieben aus! Aufdeckung der Gehaltsstruktur der Führungsmannschaft, deren Geschäftswagen etc. waren auch nicht da! Sollte hier etwa der ADAC reingewaschen werden? Ich trau's dem Jauch schon zu :-(
schre1 03.02.2014
3. Gemeinnützigkeit entziehen
Der adac ist ein wirtschaftsuntenehmen und kein verein.ihm müssen die steuerlichen vorteile entzogen werden.reiseunternehmen etc. müssen von gemeinnützigen aufgaben sauber getrennt werden.welcher politiker hat hier wieder schützend seine hand über den adac gehalten?ich glaube nicht ,daß das zuständige finanzamt für körperschaften,(das jeden hasenzüchterverein prüft) hier geschlafen hat.
heinerkarin 03.02.2014
4. Ehrenamtlich
Zitat von sysopDPAImmer neue Enthüllungen über den ADAC sorgen für Empörung, doch wer steckt hinter dem Skandal? Bei Günter Jauch saß Vereinspräsident Peter Meyer in der Runde: Professionell kochte er seine Gegenredner ab - und zeigte, warum man ihn nicht voreilig abschreiben sollte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/adac-chef-meyer-stellt-sich-im-talk-bei-guenter-jauch-a-950707.html
Ich habe mir die Sendung zum Teil angetan. Beim Thema Ehrenamt habe ich dann ausgeschaltet. Dem Zuschauer wurde erzählt, die Führungsspitze des ADAC wäre ehrenamtlich, also ohne Bezüge, tätig. Das kann ich mit beim besten Willen nicht vorstellen. Oder habe ich da was falsch verstanden.
Demokrat aus BaWü 03.02.2014
5. Trotzdem ist PKW-Vignette Blödsinn
Auch wenn die CSU den ADAC als den stärksten Gegener einer PKW-Vignette fertig gemacht hat ( zu Recht, es gab ja offensichtlich viele Missstände ), bleibt es dabei, dass die Ausländer-Autobahnvignette und erst recht die Inländer-Autobahnvignette Blödsinn sind. Die schweren LKW machen die Straßen kaputt und die PKW-Fahrer sollen es nach de Willen der CSU und der Wirtschaft bezahlen. Ich hoffe, dass der ADAC sich erneuert und seine Aufgabe als Verbraucherschützer/PKW-Fahrer-Schützer weiterhin wahrnimmt, nämlich den Blödsinn PKW-Vignette weuterhin Blödsinn nennen.
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